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Zurück zur Natur, aber bequem bitte

Der "Zeitgeist" reitet auf geflügelten Bahnrädern von Süden gegen Norden: Richard Kisslings Skulptur von 1907 auf dem Portal des alten Bahnhofs in Luzern. swissinfo.ch

Die ersten Touristen suchten in Luzern die reine Natur. In Scharen kamen sie aber erst, als das Naturerlebnis bequemer wurde - dank des technischen Fortschritts.

Dieser Inhalt wurde am 06. August 2005 - 10:00 publiziert

Claudia Hermann, Mitautorin des neuen "Kunstführers durch die Schweiz", führt swissinfo durch das touristische Luzern des 19. Jahrhunderts.

Es waren die Berge, allen voran die Rigi, der Vierwaldstättersee und die Mythologisierung der Urschweiz als Wiege von Freiheit und Tugendhaftigkeit, die im 18. Jahrhundert die ersten Reisenden nach Luzern trieben.

Noch waren es keine eigentlichen Touristen, sondern Forscher auf der aufklärerischen Suche nach der verlorenen Natur. "Um 1800 herum war das Bildungsbürgertum dann auch so weit, dass es die Berge interessant fand, von denen es in Büchern gelesen hatte, beispielsweise bei Rousseau", erklärt die Kunsthistorikerin Claudia Hermann gegenüber swissinfo.

Das Geschäft mit den Fremden

Das 19. Jahrhundert sei für Luzern richtungsweisend, sagt Hermann weiter. "Die Stadt hatte keine Maschinenindustrie wie beispielsweise Zürich. Deshalb verkaufte die Stadt ihren See und ihre Berge." Luzern entdeckte den Tourismus. "Nun hatte auch sie ihre Industrie – die Fremdenindustrie", so Hermann.

Am Beispiel des Löwendenkmals zeigt Hermann, dass Luzern sein touristisches Potenzial schon früh erkannt hatte und sich als Destination gezielt vermarktete. "1819 entwarf man das Löwendenkmal als Monument für die Schweizer Gardisten, die beim Sturm auf die Tuilerien in Paris 1792 gefallen waren."

Schon bei seiner Einweihung 1821 sei das Denkmal mit einem Souvenirpavillon ausgestattet und in einem Fremdenführer vorgestellt worden. "Die Stadt wollte damit die ersten Bildungsbürger dazu bringen, ein bisschen länger zu bleiben", erklärt Hermann.

Kurz nach der Eröffnung sei das Löwendenkmal neben der Rigi und dem Relief der Zentralschweiz von Franz Ludwig Pfyffer von Wyher zur beliebtesten Touristen-Attraktion in Luzern geworden.

Die industrielle Erschliessung des Alpenidylls

Breitere Besucherströme brachte jedoch erst der technische Fortschritt um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Er ermöglichte den Reisenden ein bequemeres Naturerlebnis.

1837 ging das erste Dampfschiff auf dem Vierwaldstättersee in Luzern vom Stapel. Schicksalsentscheidend war der Anschluss der Stadt an das Schienennetz 1859. 1871 kam dann die Vitznau-Rigi-Bahn hinzu, die erste Zahnradbahn Europas. "Sie lockte noch mehr Besucher nach Luzern. Nun mussten sie nicht mehr mit dem Pferd oder mit dem Tragsessel auf die Rigi, sondern konnten bequem dahin fahren", sagt Hermann.

Einen weiteren wichtigen Impuls für den Fremdenverkehr gab der Anschluss von Luzern an die Gotthardbahnlinie 1897. Die Stadt war nun auch vom Süden her über die Alpen einfach erreichbar.

Die Zweiteilung der Stadt

Die Bahn und der Fremdenverkehr brachten einschneidende Veränderungen im bis anhin unveränderten mittelalterlichen Ortsbild von Luzern. Zuvor gegen innen gerichtet und gegen aussen mit Stadtmauern abgeriegelt, begann sich die Stadt nun gegen den See und die Alpen hin zu öffnen.

"Die ersten Touristen übernachteten in der Innenstadt. Bald schon hatten sie das Bedürfnis, bereits im Gasthof mehr vom See und den Bergen zu sehen", sagt Hermann. So entstand 1834 das Hotel Schwanen, das erste Aussichtshotel am See.

Dann wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts Quai-Anlagen mit Aussicht auf den See und die Berge aufgeschüttet. Diese erlaubten den Gästen, an den Ufern zu flanieren. Um Platz dafür zu schaffen, wurde in der mittelalterlichen Stadt neben Türmen und Mauern der Stadtbefestigung auch die Hofbrücke abgetragen.

Am rechten Seeufer setzte der Fremdenverkehr mit Promenaden und Hotelbauten neue grossstädtische Akzente. Sie entstanden durch die Aufschüttung der Bucht.

Der Aufbruch zur urbanen Baukultur

Die Reihe der Nobelhotels eröffnete der Schweizerhof 1845. "Hotels waren die ersten elektrifizierten Häuser in der Stadt. Für sie wurde 1886 sogar ein Kraftwerk mit der weltweit ersten Wechselstromanlage gebaut", sagt Hermann.

In dieser ersten Phase der Besiedlung des Seeufers überwogen schlichte, biedermeierlich-behäbige Bauten. Erst in der zweiten Phase, die mit dem Anschluss an die Gotthardbahnlinie zusammenfiel, wurden die Hotels mondän. Den Höhepunkt bildet 1906 das neubarocke Grand Hôtel Palace mit Jugendstildekor.

Gegen Ende des Jahrhunderts ermöglichten die neuen Druckwasser-Leitungen auch die Besiedelung der Hügel hinter den Seepromenaden. Das eindrücklichste Beispiel ist das romantische Schlosshotel Gütsch, das 1884 eröffnet und nach einem Brand 1888 neu gebaut wurde.

Mit dem ersten Weltkrieg fand der beispiellose Hotelboom im Luzern seit dem 19. Jahrhundert ein jähes Ende. Die meisten Luxushotels aus dieser Zeit prägen heute noch das Bild der Stadt. Im Verlauf der Zeit wurden ihre üppigen Fassaden zwar vereinfacht. Der alte Glanz lässt sich jedoch noch erahnen.

swissinfo, Nicole Aeby in Luzern

Fakten

Im April 2005 erschien der erste Band der neuen Ausgabe des "Kunstführers durch die Schweiz".
In dem Nachschlagewerk und Reisebegleiter sind alle wichtigen Baudenkmäler in der Schweiz von der Antike bis in die Gegenwart kurz beschrieben.
Der erste Band deckt die Kantone Aargau, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau, Zürich und Zug ab.
Geplant sind drei weitere Bände.

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In Kürze

Der "Kunstführer durch die Schweiz" wird von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK) herausgegeben.

Die GSK engagiert sich für die Erforschung und die Vermittlung schweizerischer Kunst- und Architekturgeschichte.

In erster Linie ist sie Herausgeberin zahlreicher Publikationen. Neben der nationalen Kunsttopographie "Die Kunstdenkmäler der Schweiz", gibt sie auch das kürzlich abgeschlossene "Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920" heraus.

Dieses Jahr feiert die GSK ihr 125. Jubiläum.

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