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Zunehmender Druck vor Fifa-WM-Entscheid

Die Fifa, geführt vom Schweizer Sepp Blatter, will nichts von den Vorwürfen wissen. Reuters

Am Donnerstag soll der Weltfussballverband Fifa in geheimer Wahl beschliessen, wo die zwei kommenden Fussball-Weltmeisterschaften stattfinden sollen. Doch die Vorwürfe wegen korrupten Fifa-Funktionären häufen sich.

Dieser Inhalt wurde am 01. Dezember 2010 - 14:37 publiziert
swissinfo.ch

In Zürich soll am Donnerstag das Fifa-Exekutivkomitee die Austragungsländer der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 bestimmen.

Celebrities wie Bill Clinton, David Cameron, Prinz William und möglicherweise sogar Wladimir Putin sind angesagt, um als hochrangige Lobbyisten für ihre Länder zu werben.

Doch drei der hohen Fifa-Funktionäre, die mitentscheiden, sind am Montag in der Sendung Panorama des britischen TV-Senders BBC beschuldigt worden, in der Vergangenheit Bestechungsgelder entgegen genommen zu haben.

Zwei weitere sind aus denselben Gründen schon suspendiert worden und nehmen an der Wahl nicht mehr teil.

Diese Vorwürfe sind von einer anderen Sportorganisation, die ihren Sitz in der Schweiz hat, aufgenommen worden: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat eigene Untersuchungen eingeleitet.

Panorama wirft dem Fifa-Vizepräsidenten und IOC-Mitglied Issa Hayatou, dem Chef des brasilianischen Fussballverbandes Ricardo Teixeira und dem Chef der südamerikanischen Fussball-Vereinigung Nicolas Leoz vor, in den 1990er-Jahren vom damaligen, jetzt kollabierten Fifa-Marketingpartner ISL/ISMM Bestechungsgelder angenommen zu haben.

Der Afrikanische Fussball-Verband CAF hat die Anschuldigungen an ihren Präsidenten Hayatou zurückgewiesen. CAF meint, dass das von ihm akzeptierte Geld für das 40-Jahres-Jubiläum des Verbands vorgesehen gewesen sei.

Die Fifa betont, dass 2008 ein Schweizer Gericht, das den Konkursfall ISL/ISMM untersucht hatte, Bestechungsvorwürfe nicht gelten liess: "Deshalb ist es wichtig, herauszustreichen, dass kein Fifa-Funktionär in dieser Angelegenheit angeklagt wurde."

Fifa bestreitet Behauptungen

Die BBC ist nicht das erste britische Medium, das in den vergangenen Wochen Fifa-Funktionäre der Bestechung bezichtigt. Der Weltfussballverband hat zwei seiner Funktionäre suspendiert und sie vom Auswahlverfahren am kommenden Donnerstag ausgeschlossen, nachdem die Sunday Times im Oktober Vorwürfe an sie publiziert hatte.

Noch haben diese Anschuldigungen zu keinem eindeutigen Beweis geführt. Dennoch haben die jüngsten Entwicklungen die Antikorruptions-Organisation Transparency International dazu bewogen, zu verlangen, dass die WM-Länderwahl vom kommenden Donnerstag zurückgestellt werden soll, bis die Fakten auf dem Tisch liegen.

"Die Integrität und Glaubwürdigkeit der Fifa ist bereits in der Vergangenheit erschüttert worden," schreibt diese Überwachungsinstanz. "Der weitere Reputations-Schaden, der diese Woche entstand, ist beträchtlich. Es besteht die Gefahr, dass der Schaden sich auf andere Sportverbände und generell auf die Schweiz als Land ausweitet."

Die Schweiz hat auf den Skandal reagiert: Sie evaluiert neu, wie die zahlreichen internationalen Sport-Organisationen und Verbände zu behandeln sind, die sich im Land niedergelassen haben.

Sportminister Ueli Maurer sagte letzte Woche gegenüber swissinfo.ch, er werde untersuchen, wie sich die Korruption im Bereich Sport eindämmen liesse.

"Es ist klar, dass die Schweiz verpflichtet ist, etwas gegen die Korruption zu unternehmen," sagte er. "Denn zahlreiche Organisationen haben hier ihren Hauptsitz. Und wir möchten ein Beispiel geben, wie dieses Problem zu lösen ist."

Parlament ist gefordert

Roland Büchel, Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP), möchte in den kommenden Tagen eine parlamentarische Motion einbringen, um die Regierung zum Handeln zu bewegen. Über diese Motion muss in beiden Parlamentskammern abgestimmt werden.

Sie schlägt ein Vorgehen in drei Teilen vor: Erstens würde der Fifa und anderen Organisationen, die mit solchen Vorwürfen konfrontiert sind, ein Jahr Zeit gegeben, um die Anschuldigungen zu entkräften oder um zu beweisen, dass sie die Korruption bekämpfen.

Büchel arbeitete früher selbst für ISL/ISMM, war aber nie Anschuldigungen ausgesetzt. Er sagt, die Motion würde die Verbände zu einer vollständigen Zusammenarbeit zwingen. "Die Vergangenheit muss ebenso aufgezeigt werden wie die künftigen Massnahmen zur Bekämpfung der Korruption."

Die Organisationen müssten genau darauf achten, die Regierung nicht falsch zu informieren. Und sie sollten ihre Position nicht überschätzen, so Büchel.

In einem zweiten Teil sollte die Motion untersuchen, welche Gesetze geändert werden müssten, um solche Verbände und Organisationen vermehrt rechenschaftspflichtig zu machen. So seien zur Zeit beispielsweise Nichtprofit-Organisationen im Gegensatz zu profitorientierten Unternehmen von strafrechtlichen Untersuchungen betreffend Korruption befreit.

Drittens würde die Motion den Bundesrat aufrufen, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten, um einen europa- oder gar weltweit gleichen Rahmen für die Anforderungen aufzustellen, dem sich alle Sport-Organisationen unterzuordnen hätten.

Olympische Winterspiele auf dem Spiel

Die Schweiz hat erst kürzlich ihr Interesse an der Durchführung von Olympischen Winterspielen geäussert, und für Büchel ist klar, dass es wichtig ist, die Korruptions-Anschuldigungen in allen Sport-Verbänden auszuräumen, bevor die Schweiz ihre Kandidatur offiziell bekanntgibt.

Während das IOC im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen die Fifa nur indirekt genannt wurde, war es bei der Vergabe der Winterspiele 2002 an Salt Lake City direkt in Korruptionsvorwürfe verstrickt.

Büchel glaubt, dass einzig eine Generalüberholung der Art und Weise, wie die Sportverbände geführt und überwacht werden, hilft, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass fair gespielt wird.

"Wir müssen den Schweizer Steuerzahlern genügend Sicherheit garantieren können, dass der Prozess sauber geführt wird. Für sie muss klar sein, dass jenes Land zum Zug kommt, das die beste Kandidatur für die Spiele eingereicht hat", sagte er gegenüber swissinfo.ch

Der Skandal

Die signalisierte Bestechlichkeit von Fifa-Funktionären steht im Zusammenhang mit den Bewerbungen für die WM-Endrunden 2018 und 2022.

Laut der Sunday Times vom 17. Oktober haben die beiden Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, Amos Adamu und Reynald Temarii, die Bereitschaft durchblicken lassen, dass ihre Stimmen käuflich sind.

Die Szenen wurden von zwei Journalisten der Zeitung gefilmt, die verdeckt agierten.

Die Fifa reagierte mit einer Untersuchung durch die eigene Ethikkommission.

Diese weitete ihre Abklärungen auf weitere Mitglieder aus: Auch sie sollen sich im Zusammenhang mit der Vergabe der beiden WM-Endrunden unredlich abgesprochen haben.

Am 20. Oktober gab die Ethikkommission die Suspendierung von insgesamt sechs Offiziellen bekannt, darunter zwei Mitglieder des Exekutivkomitees.

Am 18. November wurde Adamu von der Ethikkommission für drei Jahre von allen Aktivitäten im Fussball ausgeschlossen, Temarii für ein Jahr.

Vier weitere ehemalige Fifa-Exekutivmitglieder, die ebenfalls schon suspendiert waren, wurden für zwei bis vier Jahre gesperrt.

Am 29. November wurden im britischen TV-Sender BBC zusätzliche Anschuldigungen gegen weitere Fifa-Offizielle publik.

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Nächste Austragungsorte

Am 2. Dezember treffen sich die Fifa-Exekutivmitglieder in Zürich, um in einer geheimen Abstimmung die Austragungsorte für die Fussball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zu betimmen.

England, Russland, Spanien/Portugal und Belgien/Niederlande bewerben sich für die WM 2018.

Kandidaten für die WM 2022 sind Japan, Südkorea, Australien, die USA und Katar.

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