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Zeitgenössischer Traum in Ankers Welt

Chantal Michel in der Videoinstallation "Honig, Milch und erste Veilchen". zVg

Das Kunstmuseum Bern widmet Albert Anker zum 100. Todestag eine grosse Ausstellung. Die Schweizer Künstlerin Chantal Michel gibt darin mit ihrer Videoinstallation "Milch, Honig und erste Veilchen" eine zeitgenössische Antwort auf den Altmeister.

Dieser Inhalt wurde am 12. Mai 2010 - 12:02 publiziert

Wer kennt sie nicht die strickenden Mädchen mit dem Nähkörbchen unter dem Arm, die über Bücher oder Schiefertafeln gebeugten Schüler, die Kinder, die mit Bauklötzchen, Dominosteinen und Puppenstuben spielen, die Grossväter mit der Tabakpfeife, die Zeitung lesenden Bauern?

Albert Anker ist auch ein Jahrhundert nach seinem Tod immer noch sehr präsent. Zu seinem 100. Todestag gibt die Schweizerische Post eine Sondermarke heraus, Swissmint widmet ihm eine Goldmünze und das Kunstmuseum Bern würdigt ihn mit der Ausstellung "Albert Anker – Schöne Welt".

Realist oder Idylliker?

Dabei rückt einmal mehr die Frage ins Zentrum: Wer war der Schweizer Altmeister? Anker, der einst sein Theologiestudium abbrach, um Maler zu werden. Der Pendler zwischen Paris und Ins, der zeitlebens das Inser Dorfleben malte und die Bilder in der französischen Metropole erfolgreich verkaufte.

Anker, bei dem Kinder und alte Menschen im Zentrum standen und der ein neues Verständnis von Bildung und Erziehung hatte, das Kind als eigenständige Person sah und dem Spiel grosse Bedeutung für dessen Entwicklung beimass.

War er ein Idylliker und folkloristischer Maler einer heilen Welt, ein malender Prediger oder der grösste Realist der Schweizer Kunst, wie ihn etwa Alt-Bundesrat Christoph Blocher nennt, dem rund ein Viertel der bis Oktober im Kunstmuseum Bern gezeigten Anker-Bilder gehören.

Die Schweizer Foto-, Performance- und Videokünstlerin Chantal Michel präsentiert im Rahmen der Gedenkausstellung im Kunstmuseum Bern die Videoinstallation "Honig, Milch und erste Veilchen“, in der sie sich mit dem Werk Albert Ankers auseinandersetzt.

"Bilder strahlen unglaubliche Ruhe aus"

Für sie haben Ankers Bilder einfach etwas sehr Warmes und Melancholisches, strahlen sie eine unglaubliche Ruhe aus. "Was mir gefällt ist der Ausdruck von Ankers Figuren, wenn sie alleine sind. Dieses Sein im Moment, dieses in sich versunken sein und vertieft sein, sei es beim Kartoffelschälen oder Stricken", sagt Chantal Michel. "Die Inszenierungen mit Schulklassen, wo alle in schöne Kleider gesteckt wurden und so glücklich scheinen und jubeln wirken auf mich jedoch theatralisch und kitschig."

Auch das Materielle, die Stofflichkeit und die Farben von Ankers Stillleben faszinieren die Künstlerin. "Das Brot in den Stillleben sieht so glustig aus, so richtig zum reinbeissen." Die Kombination von Milch, Nüssen und Brot etwa habe sie selber ausprobiert. "Das Urige und Einfache entspricht mir sehr."

Auch Ankers Bilder vom Landleben berühren sie sehr. Sie erinnern sie an ihr Leben als 20-Jährige in einem kleinen Bauernhaus ohne Heizung und Warmwasser.

Hat sie ein Lieblingsbild? "'Die zwei erwachenden Kinder', diese zwei Mädchen im Bett, von denen nur die Köpfe rausschauen und deren Körper unter dem riesigen Duvet verschwinden. Man spürt richtig, dass es den beiden gefällt. Und es hat so etwas Normales."

Auch "Ruedi Anker auf dem Totenbett", mit dem mit Blumen geschmückten Sarg gehört zu ihren Lieblingsbildern. "Das Bild hat einfach etwas sehr Liebevolles."

Traum voller Zeichen

Die Künstlerin, die sich in ihren Video- und Fotoarbeiten vor allem mit leeren Räumen befasst, ist für ihre Videoinstallation in Ankers Bilder hineingeschlüpft und hat die Sujets zu neuem Leben erweckt. Ihre Antwort auf den Altmeister ist "ein zeitgenössischer Traum in Ankers Welt", wie sie sagt. Es ist ein Traum aus Form und Bewegung. Ein Traum voller Zeichen.

In den Videos, die den Lebenszyklus aufzeigen und in denen Chantal Michel den für Anker typischen dunklen Hintergrund benutzt , erkennt man Motive Ankers wie die strickende Frau oder den Seifenbläser.

Doch Chantal Michel kreiert Mysterien durch Abstraktion, sie erzeugt beim Zuschauer eine Ungewissheit. Die Stimmung in den Videos kippt immer wieder ins Bedrohliche.

Was ist mit der Braut unter dem weissen Schleier, ist ihr umherschweifender Blick suchend oder verzweifelt? Wartet die Milchtrinkerin, die am Tisch sitzt auf etwas oder hängt sie einfach ihren Gedanken nach? Die strickenden Hände der Frau, deren Gesicht hinter langen Haaren verwschinden, werden zu einem tanzenden Tier. Wild hüpfen weisse Wollknäuel und Kettenperlen herum, so als wollten sie aus dem Bild springen.

Erste Begegnung mit der Kunst

Die Herausforderung bei dieser Arbeit sei es gewesen, sich von den nostalgischen Bildern Ankers zu lösen, sagt Chantal Michel. Das sei ihr bei Hodler, mit dem sie sich auch bereits in einer Arbeit befasste, weniger schwer gefallen. Dessen Bilderwelt des Symbolismus und des Jugendstils sei ihr einfach näher gewesen.

Als Kind war Albert Anker der erste Künstler, der sie berührte, die erste Begegnung mit der Kunst. Als sie 6 Jahre alt war, sammelte sie die grossformatigen Anker-Bilder im Beobachter, schnitt sie aus und ordnete sie in ein Album ein. "Ich dachte, das ist ein richtiger Künstler, und ich möchte auch mal so etwas machen", sagt die Künstlerin und lacht.

Später, als sie mit der Fotografie angefangen habe, sei ihr Anker wieder begegnet, und zwar mit seinen "so unberührten, zerbrechlichen und verletzlichen Schlafenden, die so etwas Vertrautes haben".

Danach habe Anker für sie keine grosse Bedeutung mehr gehabt. Wenn sie den Namen Anker gehört habe, seien ihr sofort die Haufen von Anker-Drucken in den Brockenstuben in den Sinn gekommen. "Jedermann hängte einen Anker in der Wohnung auf, denn mit ihm konnte man nichts falsch machen. Er wurde sehr kommerzialisiert. Die Folge davon war, dass man ihn nicht mehr richtig wahrnahm", so Chantal Michel. "Doch es ist verrückt, wie sich die Einstellung ändern kann, wie man etwas gern bekommen kann, wenn man sich damit befasst und genau hinschaut."

Corinne Buchser, swissinfo.ch

Albert Anker

Geboren wurde Albert Anker am 1. April 1831 im bernischen Ins, wo er am 16. Juli 1910 starb.

Anker begann 1851 in Bern ein Theologiestudium, das er an der Universität Halle fortsetzte. 1854 entschied er sich, Maler zu werden und reiste nach Paris.

Hier wurde Albert Anker Schüler von Charles Gleyre und besuchte die Ecole Impériale et Spéciale des Beaux-Arts. 1859 bis 1885 beteiligte er sich regelmässig am Pariser Salon. Nach Aufenthalten in der Bretagne und im Schwarzwald und einer ersten Italienreise folgten Reisen in Italien, Deutschland, Frankreich und Belgien.

1860 bis 1890 verbrachte Anker den Sommer meist in Ins, den Winter in Paris. Er schuf Genrebilder, Stillleben und Porträts, zudem Fayencemalereien für die Pariser Firma Gebrüder Deck. 1891 zog er definitiv nach Ins, wo er im Auftrag des Verlegers Frédéric Zahn mit Illustrationen zu dessen Gotthelf-Ausgabe begann.

Nach einem Schlaganfall, der 1901 seine rechte Hand stark behinderte, hatte er Mühe, grossformatige Ölbilder zu malen, und widmete sich vorwiegend der Aquarellmalerei.

Albert Anker war auch politisch und kulturpolitisch aktiv: 1870 bis 1874 war er Mitglied des Berner Grossen Rats, mehrere Jahre auch der Eidgenössischen Kunstkommission und der Eidgenössischen Kommission der Gottfried-Keller-Stiftung.

Mit seiner Frau Anna Ruefli hatte Albert Anker sechs Kinder. Zwei von ihnen starben in jungen Jahren.

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Chantal Michel

Die 1968 in Bern geborene Chantal Michel besuchte die Fachklasse für Keramik an der Schule für Gestaltung in Bern.

Danach studierte sie an der Kunstakedemie Karlsruhe. Ab 1997 entstehen erste Videoarbeiten, ab 1999 auch Performances.

Daraus entwickeln sich Zyklen grossformatiger Fotografien und mehrteilige Installationen.

Die Künstlerin lebt und arbeitet im bernischen Schloss Kiesen.

Vom 5. Juni bis 31. Oktober 2010 zeigt Chantal Michel im Schloss Kiesen Fotografien zu Albert Anker.

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