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Working Poor sind sozialer Sprengstoff

Die "2x Weihnachten"-Aktion des Roten Kreuzes kam auch Working Poors in der Schweiz zugute. (SRK) SRK

Die Empörung über soziale Ungerechtigkeit nimmt zu, und die Sozialhilfe ist am Anschlag, warnt eine Nationalfonds-Studie.

Dieser Inhalt wurde am 18. Januar 2005 - 11:04 publiziert

Sozialhilfe-Beiträge werden teilweise als Billiglohn-Subventionen angesehen. In der Schweiz sind rund 250'000 Menschen betroffen.

Eine Nationalfonds-Studie betrachtet die wachsende Zahl der Working Poor in der Schweiz als sozialen Sprengstoff

Bei den Familien mit mehreren Kindern sei der Anteil der Working Poor in den 90er-Jahren von 11 auf 17% gestiegen. Bei den Alleinerziehenden habe er sich von 15 auf 30% gar verdoppelt.

Als wichtigste Merkmale nennt die Studie Nationalität (59% der Working Poor sind Ausländer) und Geschlecht (61% Frauen).

Bei den Alleinerziehenden seien vor allem tiefe Löhne ein Armuts-Faktor, weil sich das Sozialsystem noch an der traditionellen Familie mit Vollzeitjob orientiere.

Probleme machten auch tiefe berufliche Qualifikationen sowie ein niedriger Ausgleich hoher Kinderkosten, wie die Autoren am Montag bei der Präsentation ihrer Studie ausführten.

Sozialer Zusammenhalt in Gefahr

Die wachsende soziale Kluft gefährde den sozialen Zusammenhalt, warnt Mitherausgeber Ueli Mäder. Die einen verdienten trotz harter Arbeit nicht genug zum Leben, andere bezögen exorbitante Löhne - darüber schafften die Medien Transparenz.

So wachse die Empörung, und diese fördere wiederum law-and-order-Ideologien. Auch drohen laut Studie mehr illegale Arbeit und Normenverstösse.

Auswege aus der Working Poor-Existenz böten Stellenwechsel mit höheren Löhnen, grössere Pensen oder Zusatzjobs sowie der Wegfall von Unterhaltspflichten, etwa wenn Kinder ausziehen. Auch werde in billigere Wohnungen umgezogen.

Basis sei also meist eine Veränderung der familiären Situation und der beruflichen Qualifikation.

Da Working Poor bisher als sozial integrierte einfache Kundschaft des Sozialsystems gegolten hätten, würden ihre teils komplexen Probleme unterschätzt.

Umfassende Beratung mittels "case management" würde helfen, doch die Kapazitäten der Sozialhilfe seien begrenzt - zumal mit steigenden Fallzahlen, hiess es weiter.

Sozialhilfe als Billiglohn-Subvention

Laut Rolf Maegli, Vorsteher der Basler Sozialhilfe, bestätigt die Studie eigene Erkenntnisse. In Basel-Stadt wird die Sozialhilfe derzeit restrukturiert.

Doch auch mit effizienterer Sozialhilfe müssten die untersten Löhne angehoben und die Grundsicherung verbessert werden.

Laut Maegli kann man Sozialhilfe bei Dumpinglöhnen faktisch als Subvention betrachten: "Missbrauch des Sozialwesens findet auch durch Arbeitgeber statt."

Die Sozialhilfe sei bloss "Indikator dessen, was in Staat und Wirtschaft nicht funktioniert"; die Probleme lösen müsse daher die Politik.

Befragung in den Kantonen als Basis

Quantitative Basis der Studie bildet eine Befragung in den Kantonen Basel-Stadt und Freiburg von 255 aktuellen Working Poor sowie 140 ehemaligen.

Vertiefende Interviews mit 42 Betroffenen und 23 Fachleuten ergänzen qualitative Daten. Gesucht wurde nach den Wegen in die Armut und aus der Working Poor-Existenz hinaus.

Über eine Viertelmillion Betroffene

Die Autoren definieren Working Poor als Erwerbstätige, denen nach Abzug der Wohn- und Gesundheitskosten weniger als 1000 Fr. im Monat zum Leben bleibt. Das treffe (Stand 2001) auf 7,5 Prozent der 20- bis 59-Jährigen zu, insgesamt rund 250'000 Personen. Zähle man die Haushaltmitglieder mit, seien es 553'000, wovon 232'000 Kinder.

swissinfo und Agenturen

Fakten

Die Studie entstand im Rahmen des Nationalfonds-Programms 45 als Kooperation des Instituts für Soziologie der Uni Basel, der Hochschule für Pädagogik und Soziale Arbeit beider Basel, der Uni Freiburg und der Caritas Schweiz.

Eine Anschlussstudie (SNP 51) zur Differenzierung der Working Poor soll 2007 vorliegen.

Stefan Kutzner, Ueli Mäder, Carlo Knöpfel (Hrsg.): "Working Poor in der Schweiz - Wege aus der Sozialhilfe", Rüegger Verlag, 248 Seiten, Zürich, 2004

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In Kürze

Bundesrat Couchepin ist gegen die Idee von Mindestlöhnen, wie sie in einer Petition der Jugendsession 2002 gefordert worden war.

Im August 2004 schlug er in seinem Familienbericht vor, Steuergutschriften für die Working Poor zu prüfen.

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