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Wissenschaft in der Schweiz: Frauen bringen Wandel voran

Die Schweiz ist eines der innovativsten Länder der Welt. Ihre beiden Technischen Hochschulen stehen an der Spitze der Weltrangliste. Allerdings gibt es immer noch wenige Frauen in der Wissenschaft. Erfolgreiche Modelle und engagierte Initiativen könnten diesen Trend jedoch umkehren.

Dieser Inhalt wurde am 25. August 2022 - 10:00 publiziert

Physik, Robotik, Mathematik: Disziplinen, die in der Vergangenheit von Männern dominiert wurden, sind für Frauen kein Tabu mehr. Viele Frauen auf der ganzen Welt leisten einen wertvollen Beitrag. Doch die Kluft zwischen den Geschlechtern in der wissenschaftlichen Forschung ist nach wie vor gross.

Vor allem in der Schweiz gibt es nur wenige Frauen in angesehenen akademischen Positionen – zum Beispiel gibt es nur wenige Professorinnen. Und sie werden im Allgemeinen mit schlechteren Arbeitsverträgen angestellt als ihre europäischen Kolleginnen.

Betrachtet man nur die MINT-Disziplinen (Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik), ist der Anteil der Professorinnen sogar noch tiefer. Aber der Wind dreht sich langsam.

Die Geschichten erfolgreicher Wissenschaftlerinnen erinnern uns daran, dass ein Wandel nicht nur möglich ist, sondern bereits stattfindet. Margarita Chli ist eine von ihnen. Chli erinnert sich, dass es bei ihrer Ankunft in der Schweiz für ein Forschungsstipendium im Bereich Robotik nur zwei Frauen in einer Klasse mit fünfzig Studierenden gab.

Während ihres Studiums war Chli von der Idee fasziniert, Robotik mit Computer-Vision zu kombinieren, um intelligente Maschinen zu schaffen, die den Raum um sie herum "sehen", wahrnehmen und mit ihm interagieren können. Ihre von der Natur inspirierte Arbeit trug zum ersten autonomen Flug eines kleinen Hubschraubers bei.

Heute ist Chli Assistenzprofessorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), wo sie das Vision for Robotics Lab leitet. "Jemand hat mich einmal zum Nachdenken darüber gebracht, dass mein Berufsweg vor 20 Jahren für Frauen nicht zugänglich gewesen sei. Das ist eine grosse Verantwortung, aber auch eine sehr spannende Chance."

Die Zutaten für den akademischen Erfolg

Entschlossenheit, Talent und Ehrgeiz sind nur einige der Zutaten, die es Frauen ermöglicht haben, sich in ihren Bereichen hervorzutun, sei es in Robotik, Epidemiologie oder Kosmologie. Der Wunsch, grundlegende Fragen für die Menschheit zu beantworten und den Weg für künftige Generationen zu ebnen, hat das Übrige getan.

Für Sonia Seneviratne war die grösste Schwierigkeit zu Beginn ihrer Karriere das Fehlen von weiblichen Vorbildern in der Schweiz, wie sie einige während eines akademischen Austauschs am Massachusetts Institute of Technology in den Vereinigten Staaten kennengelernt hatte.

"Sie eröffneten mir neue Horizonte", sagt sie. Diese Erfahrung motivierte Seneviratne, ihre beruflichen Ambitionen nicht aufzugeben, bis ihr im Alter von 32 Jahren eine Professur an der ETH Zürich angeboten wurde.

Seneviratne gilt heute als eine der einflussreichsten Klimawissenschaftlerinnen der Welt. Sie ist auch Mitautorin des Berichts des Zwischenstaatlichen Ausschusses für KlimaänderungenExterner Link (IPCC), der 2021 für Schlagzeilen sorgte, weil er aufzeigte, dass starke Regenfälle und Hitzewellen auf die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen zurückzuführen sind.

Seneviratnes Entdeckung eines direkten Zusammenhangs zwischen extremen Wetterereignissen und steigenden globalen Temperaturen führte zu dem als Attributionswissenschaft bekannten Bereich der Klimawissenschaft.

Auch wenn Frauen in der Wissenschaft nur wenige Führungspositionen innehaben, leisten sie einen wichtigen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt. Wissenschaftlerinnen wie Emma Hodcroft, Lavinia Heisenberg und Maria Colombo sind der lebende Beweis für diesen Wandel der Forschungslandschaft.

Emma Hodcroft wurde als "Virenjägerin" bekannt. Die Epidemiologin ist Mitbegründerin der Plattform NextstrainExterner Link. Diese analysiert und veröffentlicht weltweit genetische Daten über Krankheitserreger.

Hodcrofts Arbeit hat dazu beigetragen, die Entwicklung des Sars-CoV-2-Virus durch die Analyse neuer Varianten in Echtzeit zu verfolgen. Hodcroft, die an der Universität Bern arbeitet, wurde auch für ihre wissenschaftliche Kommunikation gelobt – besonders auf Twitter, wo sie fast 80'000 Followerinnen und Follower hat.

Lavinia Heisenberg ist eine weltweit anerkannte Physikerin und Professorin für Kosmologie an der ETH Zürich. Sie sucht nach Antworten auf die Frage nach dem Ursprung des Universums, indem sie die Schwerkraft untersucht.

Die Liste ihrer Veröffentlichungen ist beeindruckend. Ihre Erkenntnisse haben die Gravitationsforschung geprägt und neue Wege zum Verständnis der Funktionsweise der Gesetze eröffnet, die das Universum bestimmen.

Heisenberg ist davon überzeugt, dass die Erforschung der Physik ungeahnte gesellschaftliche Auswirkungen haben wird, indem sie beispielsweise dazu beiträgt, neue Energiequellen und intelligente Mobilität zu finden.

Maria Colombo ist Mathematikerin. Sie kam 2018 an die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) und wurde 2021, im Alter von 32 Jahren, zur Professorin ernannt.

Colombos Arbeit hat das Verständnis der mathematischen Gleichungen gefördert, welche die Entwicklung von Flüssigkeiten beschreiben – von der Strömungsbewegung von Flussläufen bis hin zur Dynamik von Gas- und Staubwolken, die im interstellaren Raum auftreten. Und wie verhalten sich die Wolken am Himmel? "Wenn ich mir Wolken ansehe, denke ich an Gleichungen", sagt sie.

Mehr Professorinnen

Die Forschungsinstitutionen und Stiftungen wollen nicht nur Spitzenkräfte in die Schweiz holen, sondern auch den Anteil der Frauen in der Wissenschaft erhöhen. Heute gibt es eine Reihe von Stipendien für Frauen, die auf die Förderung fairer Arbeitsbedingungen, Mentoring und gemeinsamer Arbeitsnetze abzielen.

Ein Beispiel dafür ist das Stipendium "PRIMA" des Schweizerischen NationalfondsExterner Link (SNF), das vielversprechende Forscherinnen mit bis zu 1,5 Millionen Franken (rund 1,4 Millionen Euro) unterstützt.

Andere Stipendien, die sowohl Frauen als auch Männern offenstehen, sollen Forscherinnen helfen, ihre Karriere voranzutreiben. Die Geochemikerin Denise Mitrano erhielt im Jahr 2020 ein weiteres Stipendium des SNF, EccellenzaExterner Link. Dank diesem konnte sie als Assistenzprofessorin eine eigene Forschungsgruppe an der ETH Zürich aufbauen.

Seitdem hat Mitrano eine innovative, schnelle und präzise Methode entwickelt, um herauszufinden, wie viel Plastik im Wasser ist, das wir trinken, oder in den Lebensmitteln, die wir essen.

Zu diesem Zweck hatte Mitrano die Idee, Nanopartikel aus Kunststoff chemisch mit Metallen zu versehen und sie als Marker zu verwenden. Ihre neue Nachverfolgungs-Methode könnte indirekt zur Verringerung der Plastikverschmutzung beitragen, indem sie der Landwirtschaft und der Industrie hilft, die problematischsten Materialien zu identifizieren, und diese Sektoren ermutigt, biologisch abbaubare Alternativen zu finden.

Den gleichen Rat gibt Mitrano allen ihren Studierenden an der ETH Zürich: "Lassen Sie sich von Kritik oder Misserfolgen nicht entmutigen. Haben Sie Vertrauen in Ihre Ideen. Das erfordert Mut, aber das ist es wert."

Während die meisten Professorinnen ihre Forschung an der Erdoberfläche betreiben, gibt es auch solche, die tief unter der Erde nach Antworten suchen.

Cara Magnabosco, früher eine aufstrebende Fussballerin, ist heute Assistenzprofessorin für Geobiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH).

Magnabosco erforscht im "BedrettoLab"Externer Link, einem 1500 m unter der Erde liegenden Labor der ETH, Lebensformen in den Tiefen der Erdkruste. Sie will verstehen, wie und wann das Leben im Universum entstanden ist.

Wie eine Detektivin ist Magnabosco jenen unterirdisch lebenden Mikroben auf der Spur, die am Ursprung des Lebens stehen könnten. Tief unter der Erde nimmt sie Proben von Wasser, das während Jahrtausenden durch das Gestein sickerte. Sie hofft, darin sehr alte Mikroorganismen zu finden, die noch nicht von den Prozessen auf der Erdoberfläche beeinflusst sind.

Die Geobiologin glaubt, dass auch anderswo im Universum Lebensformen existieren könnten – am ehesten im Untergrund von Planeten. "Die allgemeinen Zutaten für das, was wir für Leben halten – Wasser und Stein –, scheinen möglicherweise auch auf anderen Planeten gegeben zu sein", sagt Magnabosco.

Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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