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Es gibt Alternativen zu Tierversuchen

In-vitro-Kultur von menschlichen Lungenzellen. MucilAir, Epithelix

Die Bilder von leidenden Hunden und Affen in Tierversuchslabors erschüttern die öffentliche Meinung. Für Forscher sind Tierversuche jedoch ein notwendiges Übel. Anderer Meinung ist Ludovic Wiszniewski, der erfolgreich Alternativen erforscht hat.

Dieser Inhalt wurde am 13. Oktober 2011 - 08:14 publiziert
swissinfo.ch

Wiszniewski, Chef des Biotech-Start-up Epithelix, ist der erste Forscher, der menschliche Lungenzellen über ein Jahr lang in-vitro kultiviert hat.

Eine Innovation, die dem 2006 in Genf gegründeten Unternehmen mehrere internationale Auszeichnungen gebracht hat, darunter jene der W.A. de Vigier Stiftung sowie Anfang 2011 den Preis der Französisch-Schweizerischen Handels- und Industriekammer.

swissinfo.ch: Im Jahr 2010 hat die Anzahl von Tieren, die für Laborversuche in der Schweiz verwendet wurden, gegenüber dem Vorjahr um 8% zugenommen. Eine überraschende Entwicklung?

Ludovic Wiszniewski: Nein. Kürzlich sind neue Unternehmen entstanden, die Tierversuche praktizieren. Und die Pharmakonzerne haben ihre Forschung intensiviert, weil verschiedene, vor 20 Jahren hinterlegte Patente auslaufen.

Dazu kommt, dass in den Universitätslabors die transgenetischen Tierversuche zugenommen haben.

swissinfo.ch: Trotzdem, die Tendenz ging in den letzten 20 Jahren zurück. Zwischen 1990 und 2010 hat die Anzahl von Labortierversuchen um rund 40% abgenommen. Was sind die Gründe dafür?

L.W.: Es handelt sich nicht um eine wirkliche Abnahme. Vor 20 Jahren wurden die Studien noch nicht systematisch erfasst, deshalb sind die Zahlen nicht exakt. Dazu kommt, dass mehrere Unternehmen begonnen haben, ihre Tierversuche im Ausland durchzuführen. Zum Beispiel in China, wo der gesetzliche Rahmen dafür weniger streng ist.

Andererseits muss man anerkennen, dass das Gesetz in der Schweiz zu einer Abnahme der Tierversuche geführt hat, speziell durch das Verbot von Versuchen mit lebenden Tieren für Kosmetikprodukte. Ferner gab es auch eine Entwicklung neuer Zellkulturen.

swissinfo.ch: Ist das Tier, rein wissenschaftlich gesehen, ein wirksames biologisches Modell für den Menschen?

L.W.: Nein. Verschiedene Medikamente haben Tests an Tieren bestanden, aber bei Menschen hatten sie katastrophale Auswirkungen. Ich denke da an ein Arzneimittel, das zur Heilung von Kinderleukämie entwickelt wurde: Die Kinder, die damit behandelt wurden, starben schneller.

Oder das Medikament Thalidomid, ein Mittel gegen Übelkeit für schwangere Frauen, das aus dem Handel gezogen werden musste, weil es zu Missbildungen führte. Oder das Empfängnisverhütungsmittel Tamoxifen, das bei Ratten zwar wirkte, bei Frauen aber die gegenteilige Wirkung hatte.

Vergessen wir weiter nicht, dass das Resultat eines Tierversuchs auch abhängig sein kann vom einzelnen Forscher: Das Tier ist fähig, den momentanen Gefühlszustand des Menschen (zum Beispiel Stresssituation) zu erkennen, und es wird demnach bei jedem Forscher anders reagieren.

swissinfo.ch: In der Geschichte der Medizin gibt es aber nicht nur negative Beispiele mit Tierversuchen…

L.W.: In einigen Bereichen waren Tierversuche in der Tat nützlich. Zum Beispiel in der Chirurgie: Ärzte konnten zuerst an Versuchskaninchen experimentieren, bevor sie beim Menschen intervenierten. Oder der Fall des Insulins: Es wurde bei Hunden entdeckt und ursprünglich bei Schweinen entnommen.

Es muss jedoch betont werden, dass man mit den heutigen Forschungserkenntnissen und den heutigen Instrumenten ohne Versuche mit lebendigen Tieren auskommen kann.

swissinfo.ch: Warum benutzt man dann weiterhin Tiere?

L.W.: Dafür gibt es verschiedene Gründe. In erster Linie aber, weil es das Gesetz verlangt: Bevor ein pharmazeutisches oder chemisches Produkt auf den Markt gebracht werden darf, muss zuerst dessen Toxizität gemessen werden. Wie gesagt, die Reaktion des Tieres kann trotzdem anders als jene des Menschen sein.

Im Bereich der Forschung ist es schwierig, ohne Tiere auszukommen, was das Studium der systematischen Auswirkungen betrifft. Im Inneren eines Organismus kann man beobachten, ob ein Medikament für das Herz schädliche Nebenwirkungen auf andere Organe hat. Bis heute sind wir nicht fähig, einen ganzen Organismus in-vitro zu reproduzieren, obwohl wir immer näher daran kommen.

Dann gibt es den Aspekt der wissenschaftlichen Publikationen. Viele Fachzeitschriften verlangen Tierexperimente. Und für den Forscher hängt der Erfolg von der Anzahl seiner Publikationen ab…! Das ist eine alte Denkschule, die bis heute überlebt hat, insbesondere für die genetischen Experimente.

swissinfo.ch: Was gibt es für Alternativen zu Tierversuchen?

L.W.: In erster Linie die In-vitro-Kultur von menschlichen Zellen. Wir können die Zellen auf einer plastischen Unterlage kultivieren oder eine Differentiation einleiten, so dass die Zellen unter Bedingungen geraten, die jenen im menschlichen Organismus ähnlich sind. Wir sind zum Beispiel in der Lage, Mini-Lungen zu entwickeln.

Statt zehn Tiere für ein Experiment zu opfern, kann man nur eines nehmen. Man zerlegt das Organ, für das man sich interessiert, in zehn Teile und macht den Test. Schliesslich gibt es noch die Computer-Modelle auf Basis des chemischen Elementes Silicium, die Vermutungen über die Toxizität ermöglichen.

swissinfo.ch: Ist es vorstellbar, dass wir eines Tages den ganzen menschlichen Organismus im Reagenzglas haben?

L.W.: Die grösste Schwierigkeit ist die Lebensdauer der Zellen: Ausserhalb des menschlichen Körpers können wir sie drei bis vier Wochen am Leben erhalten, eine zu kurze Zeit zur Rekonstruktion eines Organs.

Uns ist es aber gelungen, Zellen über ein Jahr lang am Leben zu erhalten. Falls sich die Entwicklung der plastischen Materialien bestärkt, bin ich überzeugt, dass es uns gelingen wird, ganze Organe zu rekonstruieren.

Tierversuche

Die Schweiz hat laut dem Bundesamt für Veterinärwesen (Bvet) eine der umfassendsten Tierschutzgesetzgebungen weltweit, und der Bereich Tierversuche ist besonders strikte geregelt.

Für jeden Tierversuch muss in der Schweiz ein Gesuch gestellt werden. Jeder einzelne Tierversuch wird von einer kantonalen Tierversuchs-Kommission mit Vertretern von Tierschutz-Organisationen begutachtet und von der kantonalen Behörde bewilligt. Der Bund übt die Oberaufsicht aus und kann bei kantonalen Entscheiden intervenieren.

Die Forschenden müssen aufzeigen, dass der Nutzen für die Gesellschaft grösser ist als das Leiden der Tiere (Güterabwägung) und dass es keine Alternativmethoden gibt

Der Bundesrat hat am 1.9.2010 die Verordnung über das elektronische Informationssystem zur Verwaltung der Tierversuche verabschiedet. Mit diesem System können künftig Bewilligungsgesuche für Tierversuche über das Internet und damit effizienter behandelt werden.

Das System ist Teil des E-Government-Efforts des Bundes, um Abläufe zwischen Bürger und Verwaltung zu erleichtern. Die Verordnung ist seit 1. Januar 2011 in Kraft.

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Versuchskaninchen

2010 wurden in der Schweiz mit 761'675 Tieren Versuche gemacht, 7,9% mehr als im Vorjahr.

Die Zunahme ist laut dem Bundesamt für Veterinärwesen (Bvet) auf Experimente im Bereich der Geflügelzucht zurückzuführen.

Zwei Fünftel der Tiere wurden in der Industrie verwendet, rund ein Drittel an den Universitäten und Spitälern.

In den Labors wurden vor allem Nagetiere (Mäuse, Ratten, Hamster und Meerschweinchen). Versuche wurden auch gemacht mit Kaninchen, Hunden, Katzen, Primaten, Rindern, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fischen.

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