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Wie sehr sollten wir uns vor der Inflation fürchten?

Engpässe bei der Versorgung mit Computerchips haben Befürchtungen über Preissteigerungen bei elektronischen Geräten aufkommen lassen. Keystone / Sascha Steinbach

Die Hoffnungen sind gross, dass die erstarkende Weltwirtschaft von den Fesseln der Pandemie loskommt. Aber die vielversprechenden Nachrichten bergen auch eine mögliche Nebenwirkung: Inflation. Wie stark ist die Schweiz gefährdet?

Dieser Inhalt wurde am 28. Juni 2021 - 10:00 publiziert
swissinfo.ch

Von Autoherstellern über Lebensmittel-Produzenten bis hin zu Computerherstellern: Unternehmen auf der ganzen Welt und in allen Bereichen läuten wegen den schnell steigenden Rohstoffkosten die Alarmglocke.

Eine weltweite Verknappung von Computerchips hat Befürchtungen geweckt, dass elektronische Güter teurer werden könnten. Verschärft wird das Problem durch einen Mangel an Containerschiffen für den Transport von Waren rund um die Welt.

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Das Problem beschränkt sich nicht nur auf grosse Unternehmen. Viele sorgen sich, dass die steigenden Preise bald auch die Menschen beim Kauf von Alltagsgegenständen wie etwa Möbeln treffen könnten.

"Es gibt Produkte, die bis zu 50 Prozent teurer sind als noch vor zwei Monaten", sagt Peter Baumann, Inhaber der kleinen Schreinerei Freba im Nordosten der Schweiz. Er verweist dabei auf unterschiedliche Holzarten und verschiedene Beschläge wie Griffe und Scharniere.

Inflation "vorübergehend"

Noch schlimmer ist, dass die Versorgung mit zugekauften Materialien unregelmässig geworden ist und die Lieferungen oft verspätet und unvollständig eintreffen. Das Unternehmen sah sich gezwungen, seine Kundschaft zu warnen, dass sich Kosten- und Zeitvoranschläge für Arbeiten ändern können.

"Das schlimmste Szenario wäre, dass wir volle Auftragsbücher haben, aber kein Material bekommen können. Das nennt man unternehmerisches Risiko", sagt Baumann. Der Kleinunternehmer muss nun herausfinden, wie viel der Kosten er an die Kunden weitergeben kann, ohne von der Konkurrenz unterboten zu werden.

Ähnlich tönt es von allen Seiten. Der Nahrungsmittel-Riese Nestlé und der Maschinenbau-Verband Swissmem gehören zu den grösseren, international ausgerichteten Konzernen und Verbänden, die in letzter Zeit über einen Anstieg der Rohstoffpreise geklagt haben.

Ökonominnen und Zentralbanker warnen zunehmend vor den Gefahren einer Inflation. Höhere Ölpreise "werden in diesem Jahr wahrscheinlich einen vorübergehenden Anstieg der globalen Inflation bewirken", sagte der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Thomas Jordan, am 16. Juni.

"Eine starke Entwicklung der [Konsumenten-]Nachfrage könnte mit Kapazitätsengpässen einhergehen und sich inflationstreibend auswirken", schrieb das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in seiner jüngsten PrognoseExterner Link in derselben Woche.

Aber sowohl die SNB als auch das Seco prognostizieren immer noch eine moderate Schweizer Inflationsrate von 0,4% in diesem Jahr, was im Grossen und Ganzen mit anderen Prognosen übereinstimmt. Die SNB hat beschlossen, die Zinsen auf einem Tiefststand von -0,75% zu belassen.

Befürchtungen "übertrieben"

Das sieht etwas widersprüchlich aus. Was ist also die Erklärung? Ökonomen räumen eine potenzielle Inflationsgefahr ein, schätzen das tatsächliche Risiko aber als gering ein. Jordan geht davon aus, dass die Preise noch einige Monate ansteigen werden, während die SNB-Prognostiker "mittelfristig nicht mit einem starken Anstieg der globalen Inflation rechnen".

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Eine anhaltende Inflation erfordert einen nachhaltigen Anstieg der Wirtschaftstätigkeit und der Ausgaben von Konsumierenden. Neue Wellen von Covid-19-Varianten werden aber wahrscheinlich genug Unsicherheit schaffen, um eine solche Entwicklung noch eine Weile zu verhindern.

In diesem Klima werden die Unternehmen zögern, die Produktion hochzufahren. Die Konsumentinnen und Konsumenten mögen in einigen Ländern von wiedereröffneten Geschäften profitieren, aber viele haben immer noch Bedenken bezüglich der Arbeitsplatz-Sicherheit.

"Ich glaube, dass die Inflationsängste ein bisschen übertrieben sind", sagt Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle KOF, gegenüber SWI swissinfo.ch. Die Rohstoff-Preise (Öl, Gas, Mineralien, usw.) würden sich einfach von der tiefen Rezession erholen, die durch die Pandemie verursacht wurde, so Sturm. Der Ölpreis hat sich zwar in den letzten Monaten verdreifacht, aber der Rohstoff wird heute etwa zum gleichen Preis gehandelt wie kurz vor der Pandemie.

Die Produzenten von Rohstoffen seien überrascht worden von der Geschwindigkeit und dem Ausmass der gestiegenen Nachfrage, besonders in China und den USA. Es werde nicht allzu lange dauern, bis die Normalität in die Produktions- und Lieferketten zurückkehre, so Sturm.

Zentralbanken in Spendierlaune

Eine Inflation von unter 2% wird von Ökonominnen und Ökonomen als positives Zeichen für Wachstum gesehen. Besorgniserregend wird es, wenn sich die Güterpreise in Verbindung mit Lohnsteigerungen in nicht nachhaltiger Weise überhitzen. In der Schweizer Wirtschaft gebe es derzeit keine Anzeichen für eine Überhitzung, so Sturm.

Ein weiterer potenzieller Inflationstreiber ist die Geldmenge, welche die SNB und andere Zentralbanken in das System pumpen, während sie die Zinsen niedrig halten. Die Bilanz der SNB ist auf fast eine Billion Franken angeschwollen und hat sich in den letzten sieben Jahren verdoppelt.

Das meiste davon wurde in ausländische Anleihen und Aktien investiert, um eine zu starke Aufwertung des Frankens gegenüber anderen Währungen zu verhindern. Trotz der Verlangsamung der Aufwertung des Frankens bleibe die Fluchtwährung "hoch bewertet", so Thomas Jordan.

In einem Interview mit der Neuen Zürcher ZeitungExterner Link im Mai sagte Jordan, dass die relative Stärke des Frankens helfen sollte, die Inflation in der Schweiz abzuwehren. Denn bei einem starken Franken sind Importe billiger.

Jordan wies auch darauf hin, dass die Staatsverschuldung in der Schweiz viel geringer sei als in anderen Ländern. Das bedeutet, dass es weniger politischen Druck auf die SNB geben würde, sollte sie die Zinssätze erhöhen müssen, um die Inflation abzuwehren.

Tanz auf dem Drahtseil

Falls die Inflation jedoch zu einem Problem werden sollte, würde die SNB in eine Zwickmühle geraten: Eine Erhöhung der Zinssätze und eine Einschränkung der Devisenversorgung würden zwar zur Beruhigung der Inflation beitragen, aber auch das Risiko einer Aufwertung des Frankens erhöhen.

"Die Aufgabe der Zentralbanken ist in der neuen Welt nicht einfacher geworden, in der wir nicht nur über Zinsen reden, sondern auch diese riesigen Mengen an Liquidität managen müssen", sagt Sturm.

"Das macht die Dinge schwieriger. Die Geldpolitik muss sehr vorsichtig gehandhabt werden und kann wahrscheinlich nicht mehr so schnell umgesetzt werden wie in der Vergangenheit." Der Ökonom ist aber zuversichtlich, dass die SNB diesen Drahtseil-Tanz im Bedarfsfall hinbekommen wird.

Und was die Zinssätze betrifft: "Die Marktteilnehmenden erwarten nach wie vor nicht, dass die Zentralbanken vor 2023 mit Zinserhöhungen beginnen werden", sagte SNB-Direktoriumsmitglied Andréa Maechler beim letzten geldpolitischen Briefing der Nationalbank am 16. Juni.

(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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