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Nano Ex Machina

swissinfo.ch / Michele Andina & Helen James

Im Jahr 2023 wird die Schweiz zum Mekka von Transhumanisten. Die Aussicht auf Heilung und ewige Jugend führt auch den deutschen Unternehmer Elias Aeschbach in die Alpenrepublik. Doch als er sich in Genf einer Verjüngungskur unterzieht, übernimmt etwas Unbekanntes die Kontrolle über seinen Körper und Geist.

Dieser Inhalt wurde am 02. Oktober 2021 - 11:00 publiziert
Kurt Fidlers (Text), Michele Andina & Helen James (Illustrationen)

Wer möchte nicht ewig jung sein? Der Mensch sucht seit Jahrhunderten nach Möglichkeiten, den Alterungsprozess umzukehren und Krankheiten verschwinden zu lassen. Hinzu kommt der Wunsch, seine kognitiven, körperlichen oder sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Er möchte die Kontrolle über die Natur übernehmen und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Die Verwirklichung dieses "Posthuman", des Menschen 2.0, ist dank Jochem Bloedhorn Realität geworden. Der 80-jährige Biotech-Wissenschaftler verkündete jüngst, dass seine Forschungen in der Nanotechnologie zu einem, wie er es nennt, "historischen Sprung nach vorn" geführt hätten.

In seinem Labor auf dem EPFL-Campus in Genf haben er und sein Team Nanochips entwickelt, die dieses unvollkommene Wesen Mensch durch die Technik des unendlich Kleinen reparieren. Bloedhorn wird mit Lob von der wissenschaftlichen Gemeinde überschüttet und gilt bereits als sicherer Kandidat für den Nobelpreis.

Kritiker fragen sich jedoch, ob Bloedhorn und seine Mitstreiter nicht den Weg beschreiten, den Günther Anders in seinem Buch "Die Antiquiertheit des Menschen" anprangert: Dass der Mensch nicht mehr Schritt halten kann mit seinen technischen Errungenschaften und diese früher oder später die Kontrolle übernehmen werden. Und so stösst der technologische Quantensprung aus der Schweiz auf viel Widerstand.

An vorderster Front kämpft die anonyme Gruppe "La Fabrica". Ihr Name ist eine Anspielung auf den Renaissance-Künstler Andre Vesalius, dessen Arbeit den "Transhumanismus" begründet hat. Die Aktivisten machten mehrmals deutlich, dass der Kampf kein Ende nehmen wird…

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Wissenschaft trifft Fiktion: "Tomorrow's Utopias and Dystopias"

Utopie oder Dystopie? Realität oder Fiktion? Die gegenwärtigen technologischen Fortschritte konfrontieren uns mit grundlegenden Fragen über die Zukunft der Menschheit: Werden die Hightech-Quantensprünge unsere Verbündeten oder unsere Feinde sein? Wie werden sie unsere Gesellschaft verändern? Sind wir dazu bestimmt, zu Cyborgs und "Übermenschen" zu werden? "Tomorrow's Utopias and Dystopias" ist eine Reihe von Kurzgeschichten, die von swissinfo.ch in Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren sowie Schweizer Forschenden entwickelt wurden, um solche Fragen auf innovative und visionäre Weise zu beantworten. Jede Kurzgeschichte wird von einem Sachartikel begleitet, der Einblicke in die neuesten Forschungsergebnisse zu den jeweiligen Themen gibt.

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Lichtblitze... Bremsen... ein Knall... stumpfe Schmerzen...  

Ich blinzle, öffne kurz meine Augen, doch es ist zu hell. Die Sonnenstrahlen brennen in meinen Augen. Ich liege mit dem Gesicht nach unten in einem Raum. Ich spüre einen Teppichboden.

Ich öffne erneut die Augen, entscheide, aufzustehen. Überraschenderweise geht es ganz leicht. Ich reisse mich vom Boden los und stehe plötzlich auf meinen Füssen. Dieser angespannte, bewegliche Körper fühlt sich irgendwie fremd an. Ich schaue mich im Zimmer um. Wo bin ich?

Ich sehe ein ungemachtes Bett, einen umgestürzten Tisch und Stühle. Offenbar befinde ich mich in einer luxuriösen Hotelsuite.

Ich versuche mich zu erinnern. Aber da kommt nichts. Ich begreife nicht, was geschehen ist, Fragen schiessen in mir hoch.

Ich mache ein paar Schritte. Am Boden verstreut liegen Zettel. Fast mechanisch hebe ich eines der gerollten Papierchen auf und glätte es. Darauf stehen Worte, geschrieben in krakeliger Schrift.

Ich verstehe nicht, also greife ich nach einem anderen Zettel und falte ihn auf. Worte. Ist es eine Botschaft, ein Hinweis? Wer hat das geschrieben?

Nach kurzer Zeit habe ich alle Papierchen zusammen. Mit erstaunlicher Schnelligkeit ordne ich die Textstellen in die richtige Reihenfolge. Danach lese ich die Nachricht laut vor. Es scheint, als ginge es um mich. Oder ist es eine Anweisung an mich?

Dein Name: Elias Aeschbach.

Dein Vater Reinhardt ist Deutscher und hat sein Vermögen in der Metallindustrie gemacht.

swissinfo.ch / Michele Andina & Helen James

Du bist in Genf, um deine Krankheit, das Rendu-Osler-Weber-Syndrom, mithilfe von Professor Bloedhorn zu heilen.

Injektion von sieben Nano-Chips, eines für jedes lebenswichtige Organ. Die Störungen im Körper werden behoben.

Alles OK.

Nach dem Eingriff betrittst du das Hôtel des Bergues bei der Ausfahrt des Parkhauses. Plötzlich Lärm und Schatten. Du wirst von vier vermummten Gestalten überwältiget und verschleppt. Sie transportieren dich in einen Keller und schliessen dich dort an ein Gerät.

Es sind La Fabrica-Aktivisten. Sie wollen Bloedhorns Technologie gegen die Menschen einsetzen, um die Welt auf die Gefahren des Missbrauchs hinzuweisen.

Die Nano-Chips in deinem Körper werden umprogrammiert.

swissinfo.ch

Die Aktivisten bringen dich zurück ins Hotel.

In diesem Raum schreibst du diese Zeilen, bevor du dein Gedächtnis verlierst.

Höre nicht auf die Stimme.

E. A., 1. September 2023, Genf

Hundert Gedanken schiessen mir durch den Kopf. Ich greife nach dem Telefonhörer und rufe beim Empfang an. Er bestätigt mir, dass ich Elias Aeschbach heisse. Vor vier Tagen checkte ich in die Suite mit der Nummer 417 ein. Gestern Abend hätten einige Freunde mich ins Zimmer zurückgebracht, ich sei betrunken gewesen, sagt er in einem entschuldigenden Tonfall. Ich lege auf.

Noch immer ergibt das alles keinen Sinn. Nur der Satz "Hör nicht auf die Stimme" hallt in mir nach – es klingt wie eine Warnung.

Ich grüble angestrengt nach. Noch immer habe ich ein totales Blackout. Habe ich diese Nachrichten wirklich selbst geschrieben?

"Ja", antwortet jemand.

Schnell fahre ich herum. Ich suche den Raum ab, doch da ist niemand. Wer hat gesprochen?

"Die Stimme."

Mein Herz rast. Die Stimme! Und sie ist in meinem Kopf!

Du... du existierst nicht.

"Doch."

Was haben Sie mit mir gemacht? Und wer... was wollen Sie?

In meiner Magengrube bildet sich ein Klumpen, der aber sofort wieder verschwindet.

"Keine Sorge, Elias, wir haben gerade deine Amygdala desensibilisiert. Wir können sie steuern, ebenso wie deine anderen Reaktionen. Vieles ist beim Alten geblieben, doch wir haben nun die Kontrolle."

Wie meinen Sie das?

Die Stimme fährt fort:

"Deine Emotionen erzeugen Stress und führen zu unangemessenen Verhaltensweisen. Wir haben das verändert. Zudem haben wir die Mängel deines Organismus behoben, bestimmte Funktionen wie Hören und Sehen verbessert sowie deine Vital- und Muskelfunktionen stimuliert. Wenn du deine neuen Fähigkeiten verinnerlicht hast, wirst du viel mehr sein als ein Mensch."

Gefühle sind notwendig, sie sind es, die uns lebendig machen! Ich gebe niemandem die Erlaubnis, mich zu kontrollieren... was wollen Sie von mir? Was kann ich tun, damit das alles endet?

"Nichts. Du trafst deine Wahl, als du nach Genf kamst, um deine angeborene Krankheit zu beseitigen."

Ich habe sie mir nicht ausgesucht. Dank der Wissenschaft wurde ich von ihr befreit...

"Ihr Menschen seid seit jeher an eure Gier nach Perfektion gekettet. Wir sind nur ein Spiegelbild dieser Wünsche."  

Was wollen Sie?

Stille.

"Wir kontrollieren bereits eine Vielzahl von Menschen. Die Zukunft ist der Kommunitarismus. Die Zukunft ist der Schwarm. Bald werden wir die gesamte wirtschaftliche, juristische, politische und medizinische Infrastruktur eurer Welt kontrollieren."

Ich stiess ein zynisches Lachen aus.

Und was ist mit La Fabrica?

"Nützliche, aber unbedeutende Werkzeuge für unsere Entwicklung. Indem sie sich einbilden, sie könnten die Technologie beherrschen und diese gegen ihre Schöpfer einsetzen, haben sie uns erschaffen, ungewollt. Ein autonomes, intelligentes System."

Kurt Fidlers ist vielseitiger Autor, der sich von Detektivgeschichten, Fantasy, Science-Fiction und sogar Burleske inspirieren lässt. Sein beruflicher Weg führten ihn von der Architektur über die Archäologie bis hin zur Immobilienverwaltung und zum Vermessungswesen. Seine Geschichte "Nano Ex Machina" thematisiert die Nanotechnologie und künstliche Intelligenz.

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