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Lugano: Herz aus Stahl

Dave Mustaine/Keystone

Das Tessin ist Zentrum des globalen Handels mit Stahl aus Osteuropa. Putins Krieg gegen die Ukraine und die Sanktionen gegen Russland wirken sich auch auf die Südschweiz aus. Ein Augenschein.

Dieser Inhalt wurde am 29. März 2022 - 14:00 publiziert
Federico Franchini

Manno, am Rand von Lugano: Ein anonymes Geschäftsgebäude beherbergt die Severstal Export GmbH, ein Unternehmen, das Stahlprodukte exportiert und handelt.

Seine Anteile werden von Severstal kontrolliert, einem russischen Stahlriesen in den Händen von Oligarch Alexei Mordaschow. Dieser wurde 1992 26-jährig Finanzdirektor des Unternehmens. Heute leitet er ein Bergbau-, Bank- und Fernsehimperium. 2021 war er laut Forbes der reichste Mann Russlands.

Mordaschow landete Anfang März auf der Liste der von der Europäischen Union (EU) sanktionierten Personen. "Er profitiert von seinen Verbindungen zur russischen Führung", heisst es in der BegründungExterner Link.

Im Tessin äussert sich Severstal nicht zur Lage, aber diese ist gewiss nicht einfach: Die Schweiz hat alle EU-Sanktionen übernommen. Das Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft Seco muss nun Gelder und Güter blockieren, die Personen, Unternehmen oder Einrichtungen gehören oder von solchen kontrolliert werden, die auf EU-Listen figurieren.

Der Krieg gegen die Ukraine und die Sanktionen gegen Russland haben die Gestade des Luganersees erreicht. Auf dem diskreten Tessiner Rohstoffmarkt sorgt das nun für Turbulenzen. Nervös sind vor allem jene, die sich auf den Handel mit Stahlerzeugnissen aus Russland oder der Ukraine spezialisiert haben, und davon gibt es viele.

"Es ist der totale Stillstand", sagt der Direktor eines im Stahlhandel tätigen Unternehmens, der nicht namentlich zitiert werden möchte, gegenüber SWI swissinfo.ch. Der 24. Februar 2022 werde Geschichte machen, mit kaum absehbaren Folgen, mehr noch als der 11. September 2001, fügt er an.

Ein ähnliches Bild zeichnet Marco Passalia, der Sekretär der Lugano Commodities Trading Association (LCTA), dem Verband der Rohstoff-Händler. Passalia berichtet von "festgesetzten Schiffen, blockierten Krediten und Firmen am Rand des Konkurses".

Krisensitzung

Stahl ist ein strategischer Rohstoff. In Russland bedeutet er: Macht. Einige der wichtigsten Mitglieder der Oligarchie kontrollieren die grossen Stahlwerke und haben dadurch riesige Vermögen angehäuft.

Am 15. März beschloss Europa ein Einfuhrverbot für russische Stahlerzeugnisse. Kurz darauf fand in Lugano ein Krisentreffen statt. Verschiedene Vertreter der Wirtschaft nahmen daran teil.

"Einige Tage lang herrschte Panik", sagt Passalia. Er hatte das Treffen einberufen. Ein Drama sei es gewesen, denn es gab keine klaren Vorgaben von den Schweizer Behörden, zudem besteht für viele das Risiko, dass sie ihre Verträge nicht mehr einhalten können. "Es ist leicht vorstellbar, was das bedeuten könnte", sagt Passalia.

Passalia, selbst Direktor eines Energiehandels-Unternehmens, sieht drei Punkte als besonders kritisch. Erstens die Beschränkung von Bankkrediten bei vielen Instituten. Denn diese hätten schon vor dem Konflikt ihre Engagements gegenüber beiden Ländern reduziert und die Finanzierung vieler russischer Rohstoffe sowie ihre russischen Geschäftspartner blockiert, ausser was Gas und Öl anbelange.

Zweitens stört sich der Stahlhändler-Lobbyist an den Sanktionen, weil diese einen grossen Überprüfungsaufwand mit sich brächten. Schliesslich führe – drittens – auch der Krieg per se zu genügend logistischen Schwierigkeiten.

Wer mit der Ukraine im Geschäft ist, trifft folgende Probleme an: Die meisten Stahlfabriken der Ukraine befinden sich im Osten des Landes. Jetzt sind sie blockiert oder haben die Produktion umgestellt, ganz zu schweigen davon, dass die Häfen geschlossen sind und die Hafenstadt Mariupol am Boden liegt.

Wer wiederum mit Russland handelte, hat jetzt nicht nur Schwierigkeiten, Schiffe zu finden, die von den Häfen aus ablegen können, sondern muss auch die Sanktionen umsetzen. Praktisch wöchentlich werden neue Namen auf die Sanktionsliste gesetzt.

Wer wird sanktioniert und wer nicht?

Am 15. März erschien auch Viktor Raschnikow, der Eigentümer des Stahlgiganten MMK, den die EU und die Schweiz als "Einnahmequelle für die Regierung der Russischen Föderation" bezeichnen, auf der schwarzen Liste der EU und der SchweizExterner Link.

Die kommerzielle Tochtergesellschaft MMK Steel Trading ist seit 2002 im Tessin ansässig. Auch dieses Unternehmen will die Vorgänge nicht kommentieren. Fest steht, dass die Sanktionen auch das Einfrieren von Vermögenswerten vorsehen, die sanktionierte Personen über ihre Unternehmen kontrollieren. Dies bedeutet, dass die Konten von MMK durch die Schweizer Banken möglicherweise gesperrt worden sind.

Der Vorsitzende des Verwaltungsrats von Magnitogorsk Steel (MMK), Viktor Raschnikow. AFP

Das Problem betrifft jedoch nicht nur die Sanktionierten. Russland ist in Lugano quasi zu Hause. Andere Unternehmen, die mit Stahl, aber auch mit Kohle, Nickel oder Öl handeln, sind hier ansässig. Auch solche, die mit Rohstoffen russischen Ursprungs handeln und solche, an denen russische Staatsangehörige grössere Anteile halten.

Ein Beispiel dafür ist die Handelsantenne von NLMK, einem Stahlgiganten in den Händen des diskreten Oligarchen Wladimir Lissin. Im Tessin hat NLMK Trading seit 2007 einen Anteil von über 30% am russischen Stahlexport. Es ist daher unvermeidlich, dass alle diese Unternehmen von der Situation betroffen sind und blockiert werden.

Marco Micciché ist Geschäftsführer von Eusider Trading, einem Unternehmen, das Stahl und Rohstoffe für die Stahlproduktion vertreibt. Er sagt: "Auch jene, die nicht direkt von den Sanktionen betroffen sind, aber mit Russland handeln, haben grosse Probleme, weil die Banken eine Art Totalembargo verhängt haben."

Wladimir Lissin, Verwaltungsratspräsident von Novolipetsk Steel, einem der grössten Stahlunternehmen Russlands, spricht auf der Konferenz der Russischen Union der Industriellen und Unternehmer (RSPP) 2018. AFP

Seine Firma sei in anderen Ländern tätig und habe aus Compliance-Gründen nichts mehr mit Russland zu tun. Jetzt habe aber der Krieg die Warenströme blockiert. Für ein Unternehmen wie das seine führt dies zu höherer Nachfrage.

"Die europäische Industrie braucht ständig neuen Stahl, und auch darum sind die Preise in die Höhe geschossen." Freuen mag er sich aber kaum. "Es ist eindeutig ein tragisches Ereignis. Wir hätten uns dies nie gewünscht", sagt Micciché.

Welt-Stahlzentrum

Weniger bekannt als Genf und Zug, ist das Tessin das drittgrösste Handelszentrum der Schweiz. Die Besonderheit des Drehkreuzes Lugano liegt in seinem Fokus auf den Stahlhandel. Von den 123 im Tessin registrierten Rohstoff-Handelsunternehmen sind 51 auf den Handel mit Mineralien und Metallen spezialisiert.

In diesen Unternehmen sind 575 der fast tausend Beschäftigten des gesamten Tessiner Sektors tätig, der nach Schätzungen des Branchenverbands 2% des Bruttoinland-Produkts (BIP) des Kantons ausmacht und jährlich rund 70 Millionen Steuereinnahmen generiert.

Daher die Besorgnis: "Mindestens 15 Unternehmen mit engen Beziehungen zu Russland und der Ukraine sehen ihre Aktivitäten auf Eis und bangen um Arbeitsplätze", sagt Passalia vom Stahlhändler-Verband.

Wie kam Lugano zu dieser Bedeutung? Die Entwicklung ist auch auf die Rolle von Duferco zurückzuführen. Dieser weltweit führende Stahlhändler ist seit den 1980er-Jahren am Luganersee tätig.

Dufercos Holdinggesellschaft DITH ist heute in Luxemburg ansässig und wird von dem chinesischen Riesen Hebteel, dem drittgrössten Stahlproduzenten der Welt, kontrolliert. 2021 erwirtschaftete DITH einen Gewinn von 255 Millionen Dollar, grösstenteils in Lugano. Von dort aus vermarktet das Unternehmen jährlich rund 13,5 Millionen Tonnen Stahl und Eisenmetalle, etwa die Jahresproduktion von Frankreich.

Vom Donbass ins Tessin

Eine Minderheitsbeteiligung von 21,5% an DITH befindet sich noch immer im Besitz des früheren italienischen Eigentümers unter der Leitung des Gründers Bruno Bolfo. Dieser Manager führt heute andere Unternehmen in der Region Lugano. Er war einer der ersten, die in den osteuropäischen Ländern Fuss fassten.

In den wilden Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion machte Bolfo Geschäfte in Russland und in der Ukraine, wo er jahrelang exklusiver Händler für die Produkte der Donbass Industrial Unions war, dem Stahlgiganten von Donezk.

Seitdem hat Lugano für osteuropäische Stahlproduzenten an Bedeutung gewonnen. Neben der russischen hat auch die ukrainische Oligarchie Niederlassungen im Tessin errichtet.

Ein Beispiel ist die Interpipe von Viktor Pinchuk, einem der reichsten und einflussreichsten Männer der Ukraine. Interpipe ist weltweit führend in der Herstellung von Rohren und Eisenbahnrädern und kontrolliert zwei Unternehmen in Paradiso, einer Gemeinde in der Nähe von Lugano.

Auch ukrainische Manager haben sich in Lugano niedergelassen, etwa Sergiy Dynchev. Er ist Direktor von Ivancore, einem weiteren Stahlhändler. Dynchev sagt: "Lugano ist aus steuerlicher Sicht weniger attraktiv als andere Schweizer Städte, aber bei Osteuropäern sehr beliebt, nicht zuletzt wegen seines Klimas, seiner Mentalität und seiner Nähe zu Italien."

Auch Dynchev berichtet von Schwierigkeiten: "Die Banken haben nicht nur russlandbezogene Kredite blockiert, sie verlangen wegen der Wertentwicklung von Rohstoffen auch mehr Sicherheiten." Darum müssten sich viele Händler stärker verschulden. "Viele sind auf der Suche nach Bargeld, um die Nachschussforderungen zu erfüllen", berichtet er.

Ein Händler könne – je nach Kursentwicklung – schnell mal zahlungsunfähig werden, zumal sich die Preise von Stahl und Blech jetzt mehr als verdoppelt hätten. Doch der Direktor von Ivancore kennt noch andere Sorgen: seine Familie in der Ukraine. "Jeden Tag versuche ich, mit ihnen in Kontakt zu treten", sagt er. Dynchevs Liebste leben in Mariupol.

(Übertragung aus dem Italienischen: Balz Rigendinger)

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