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Verbot von Tierversuchen kommt erneut an die Urne

© Keystone / Gaetan Bally

Tierrechtsaktivist:innen wollen Versuche an Tier und Mensch in der Schweiz komplett verbieten. Ihre Initiative kommt im Februar vors Volk. Gegner:innen halten sie für zu radikal und fürchten, dass sie dem Forschungsplatz Schweiz erheblich schaden könnte.

Dieser Inhalt wurde am 22. Dezember 2021 - 08:30 publiziert
Marie Vuilleumier

Worum geht es?

Die Schweizer:innen werden bereits zum vierten Mal über ein Verbot von Tierversuchen abstimmen. Drei Volksinitiativen wurden 1985 (mit 70%), 1992 (mit 56%) und 1993 (mit 72%) abgelehnt.

Die Vorlage, über die die Bevölkerung am 13. Februar 2022 befinden wird, will alle Versuche an Menschen und Tieren sowie die Einfuhr neuer Produkte, die mit solchen Versuchen entwickelt wurden, verbieten.

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Wie verbreitet sind Tierversuche?

Im letzten Jahrzehnt wurden jährlich rund 600’000 Tiere für Versuche verwendet, aber diese Zahl nimmt laut Statistik des Bundesamtes für Veterinärwesen stetig ab. 2020 wurden 550’107 Tiere in Schweizer Labors eingesetzt, vor allem Mäuse (346’000), Vögel (66’000) und Ratten (52’000).

Ein internationaler Vergleich ist schwierig, da fast jedes Land die Versuchstiere anders zählt. Laut offiziellen nationalen Erhebungen wurden 2019 in französischen Labors beispielsweise 1,8 Millionen Tiere verwendet, in Deutschland waren es 2,9 Millionen.

In der Schweiz werden die meisten Tierversuche von Hochschulen und der Industrie durchgeführt. 2020 entfielen über 60% der Versuche auf die Grundlagenforschung und dienten etwa der Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen.

Wie sieht die aktuelle Gesetzgebung aus?

Das 2008 in Kraft getretene Bundesgesetz über den Schutz der Tiere ist eines der strengsten und umfassendsten der Welt. Für jeden Laborversuch und jede Tierhaltung ist eine Genehmigung erforderlich. Forscher:innen müssen nachweisen, dass der Nutzen für die Gesellschaft grösser ist als das zugefügte Leid.

Für diese Abwägung wurden "Schweregrade" festgelegt: von Grad 0, keine Belastung für das Tier (z.B. bei Beobachtungsstudien) bis Grad 3, schwere Belastung (z.B. bei der Transplantation von bösartigen Tumoren).

Zudem sind Versuche nur dann erlaubt, wenn es keine alternativen Verfahren gibt. Der Einsatz von Tieren wird durch das 3R-Prinzip geregelt. 3R steht für Replace (Vermeiden), Reduce (Verringern) und Refine (Verbessern). Das Prinzip hat also das Ziel, Tierversuche zu ersetzen, insgesamt weniger Tiere einzusetzen und die Versuche zu verbessern.

Was fordert die Volksinitiative?

Der Text trägt den Titel: "Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt". Die Initiative will alle Versuche an Lebewesen in der Schweiz verbieten. Das bedeutet, dass die Verwendung von Tieren in der wissenschaftlichen Ausbildung sowie in der Grundlagenforschung nicht mehr erlaubt wäre.

Die Initiative möchte auch Experimente mit Menschen verbieten, lässt aber offen, ob dies nur für die Medizin und Biologie oder auch für die Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaften gelten soll.

Darüber hinaus fordert der Text ein Importverbot für neue Produkte oder Komponenten, die mithilfe von Tierversuchen entwickelt wurden. Er verlangt, dass die tierversuchsfreie Forschung mindestens so viel staatliche Unterstützung erhält wie solche mit Tierversuchen.

Wer ist für die Initiative?

Der Text wurde von einer Gruppe St. Galler Bürger:innen lanciert, darunter eine Heilpraktikerin und ein Biobauer. Sie wird von rund 80 Organisationen und Unternehmen unterstützt, die sich für Tierschutz, Umweltschutz und alternative Heilmethoden stark machen.

Das Initiativkomitee ist der Ansicht, dass die Misshandlung von Tieren oder nicht einwilligungsfähigen Patient:innen "unentschuldbar" ist. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass weder Tiere noch Menschen "zuverlässige Prognosen für ein anderes Lebewesen liefern können". Das Komitee betont, dass es die Forschung am Menschen nicht verbieten, sondern die Wissenschaft durch die Kombination von patientenzentrierten Ansätzen weiterentwickeln will.

Die Initiant:innen bedauern, dass die Zahl der Tierversuche in den letzten 25 Jahren stagniert, obwohl das 3R-Prinzip seit über 50 Jahren bekannt ist. Sie sind der Meinung, dass ihr Vorschlag die Innovation fördern und zu Fortschritten in Forschung und Medizin führen sowie den Medizintourismus in der Schweiz ankurbeln wird.

Wer ist gegen die Initiative?

Bundesrat und Parlament fordern das Volk auf, ein "Nein" in die Urne zu legen. Sie verzichteten auf einen Gegenentwurf, weil sie der Ansicht sind, dass die geltenden Gesetze ausreichend sind. Alle politischen Parteien halten die Vorlage für zu extrem und lehnen sie ab, auch wenn die Grünliberalen, Grünen und SP mehr Mittel für die Forschung bereitstellen möchten, die Alternativen zu Tierversuchen entwickelt oder einsetzt. Bei den Abstimmungen im Parlament erhielt die Initiative keine Ja-Stimme.

Auch swissuniversities, der Dachverband der Hochschulen, positionierte sich dagegen, ebenso wie der Schweizerische Nationalfonds. Selbst der Schweizer Tierschutz hält den Text für zu radikal und befürwortet eine bessere Förderung von Alternativmethoden.

Gegner:innen befürchten, dass viele Medikamente nicht mehr in der Schweiz hergestellt oder importiert werden können: "Unser Land würde vom weltweiten medizinischen Fortschritt abgeschnitten, was schwerwiegende Folgen für die Gesundheit von Menschen und Tieren hätte".

In ihrer Argumentation weisen sie darauf hin, dass die Forschung und Entwicklung von Behandlungsmethoden für die Schweiz sehr wichtig seien. Durch den Verzicht auf jegliche Tierversuche würde die Schweiz an Attraktivität verlieren, und viele wissenschaftliche Programme sowie Unternehmen würden möglicherweise ins Ausland abwandern.

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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