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Das erwartet die Schweiz: Ein Wirtschaftsausblick für 2022

Keystone / Christian Beutler

Schwierigkeiten mit den Lieferketten, Rückkehr zur Vollbeschäftigung, Inflationsgefahr, ein starker Franken sowie neue Formen des Wettbewerbs für die Pharmaindustrie und Banken: Die Wirtschaftsjournalist:innen von SWI swissinfo.ch zeichnen die sieben wichtigsten Entwicklungen auf, welche die Schweizer Wirtschaft im Jahr 2022 erwarten.

Dieser Inhalt wurde am 29. Dezember 2021 - 09:00 publiziert

1) Starkes Wachstum, aber der Schatten von Omikron wird länger

Nach einer kräftigen Erholung in diesem Jahr (+3,5%) dürfte die Schweiz 2022 erneut ein überdurchschnittliches Wachstum verzeichnen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) rechnet in ihrer Konjunkturprognose mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3%. Als Gründe für eine leichte Abschwächung gegenüber einer früheren Prognose werden vor allem Lieferengpässe und neue Massnahmen im Zusammenhang mit dem Auftreten der Omikron-Variante des Coronavirus angeführt.

Der Arbeitsmarkt hat sich von der Pandemie im Laufe des Jahres 2021 vollständig erholt. Unternehmen haben derzeit Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, vor allem in den Bereichen IT, Architektur, Chemie- und Pharmaindustrie sowie Maschinenbau.

Laut einer aktuellen Studie der Credit Suisse ist der Mangel an Fachkräften auch im Gesundheits- und Sozialwesen überdurchschnittlich hoch. Gemäss SECO wird die Arbeitslosenquote in den nächsten zwei Jahren weiter sinken, von 3% (2021) auf 2,4% im Jahr 2022 und 2,3%  im Jahr 2023.

2) Das Gespenst der Inflation kehrt zurück

Neben den Ängsten, dass Corona weiterhin die Wirtschaft belastet, bereitet die Entwicklung der Inflation Sorgen. Die Inflation liegt derzeit in den USA wie auch in der Eurozone höher als erwartet. "Ich gehe aber davon aus, dass sich die Inflation von alleine zurückbildet, auch wenn die Zinsen nicht geändert werden", meint Katrin Assenmacher, Leiterin der geldpolitischen Strategie bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und langjährige leitende Mitarbeiterin der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

In den USA stehen die Zeichen jedoch eher auf einen Zinsanstieg. Fed-Chef Jerome Powell gilt als Verfechter einer restriktiven Geldpolitik, weshalb sich die Frage stellt, wie lange die US-Notenbank noch zuschaut, bis sie die Zügel anzieht.

Käme es zu einer Zinserhöhung, würde dies auch die SNB unter Druck setzen. Folgt sie dem Schritt, würde der Schweizer Franken noch stärker, als er schon ist. Sogar die Parität zwischen Franken und Euro scheint möglich.

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3) Die Schweizer Pharmaindustrie unter Konkurrenzdruck

Die Schweizer Pharmaindustrie ist die eigentliche Lokomotive der Schweizer Exportwirtschaft. Seit 2010 ist sie für mehr als einen Drittel des Wachstums des Schweizer BIP verantwortlich. Dieser Trend dürfte anhalten. Doch die ausländische Konkurrenz schläft nicht. Irland, Dänemark, die Region San Francisco und Singapur sind sehr aktiv bei der Standortwerbung und Ansiedelung von Pharmaunternehmen.

Darüber hinaus sehen sich Roche und Novartis einer immer stärkeren Konkurrenz durch neue Biotechnologieunternehmen (BioNtech, Moderna) und Tech-Giganten wie Google oder Amazon ausgesetzt. Diese setzen auf Künstliche Intelligenz und Big Data, um einen Platz im lukrativen Gesundheitsmarkt zu erobern.   

Keystone / Gaetan Bally

All dies sind grosse Herausforderungen, zumal die Gesundheitssysteme zunehmend unter Druck geraten und die Regierungen die Preise für neu auf den Markt gebrachte Medikamente in Frage stellen könnten. Dies zwingt die Schweizer Pharmaindustrie dazu, massiv in die Forschung sowie den Erwerb von spezialisierten Unternehmen zu investieren, besonders bei der Entwicklung personalisierter Medikamente und Therapien. Dieser Bereich gilt als nächster Heiliger Gral der Pharmaindustrie.

4) Die Industrie gewinnt wieder an Schwung

Dank einer starken Nachfrage aus China und den USA konnte die Schweizer Uhrenindustrie endgültig die Lockdowns von 2020 überwinden, welche für diese Branche einen der schlimmsten Schocks in ihrer Geschichte bedeutet hatte. Der Aufschwung sollte sich 2022 fortsetzen, auch wenn es noch viele Unwägbarkeiten gibt. Die Dynamik wird vor allem davon abhängen, wie schnell sich der internationale Tourismus erholt, der für die Luxusgüterindustrie fundamental ist. Die optimistischsten Expert:innen rechnen mit Exporten in der Grössenordnung von 21 bis 22 Milliarden Franken, was in der Nähe des Allzeitrekords von 2014 liegt.

Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), die weniger bekannt und sichtbar ist als die Uhrenindustrie, aber in Bezug auf die Exporte und die Beschäftigung in der Schweiz (320’000 Arbeitsplätze) weitaus wichtiger ist, blickt ebenfalls optimistisch auf die kommenden Monate. Die Auftragsbücher sind wieder voll und die Umsätze steigen in diesem Wirtschaftszweig wieder deutlich an. Dabei hatte auch die MEM-Branche lange Zeit unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten.

Die grössten Sorgen bereiten den Unternehmen die Engpässe in Folge unterbrochener Lieferketten und steigende Rohstoffpreise. Der erneute Anstieg des Frankens gegenüber dem Euro scheint von den MEM-Unternehmen verdaut worden zu sein, zumal sie die Krise für Innovationen genutzt und so ihre Wettbewerbsfähigkeit gesteigert haben.

5) Banken und das Risiko einer Immobilienblase

Ein Anstieg der Zinsen wäre eine gute Nachricht für Investmentbankerinnen, aber nicht für Immobilienbesitzer. Einige von ihnen könnten Schwierigkeiten haben, ihre Hypotheken zu bezahlen. Die SNB und die Finanzmarktaufsicht (FINMA) haben die Banken wiederholt vor der Gefahr gewarnt, die sie mit der raschen Ausweitung ihrer Hypothekenportfolios eingehen.

Die FINMA verpflichtet Banken und andere Finanzunternehmen nun dazu, transparent gegenüber der Öffentlichkeit die Risiken in Bezug auf den Klimawandel offenzulegen. Nachhaltige Investitionen versprechen neue Einkommensquellen, aber nur, wenn sie korrekt getätigt werden. Nichtregierungsorganisationen werden wachsam gegenüber jedem Versuch sein, Investor:innen zu täuschen.

Keystone / Melanie Duchene

Schliesslich werden die Banken die technologischen Fortschritte in der Finanzwelt nicht mehr ignorieren können. Mehrere digitale Banken haben sich bereits einen festen Platz in der traditionellen Finanzbranche erobert. Die Neulinge setzen auf Kryptowährungen und eine dezentralisierte Finanzwirtschaft, bei der Transaktionen automatisiert werden, um Intermediäre zu umgehen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Blockchain das traditionelle Finanzwesen im Jahr 2022 umkrempeln wird, aber die Banken haben erkannt, dass ihr Geschäftsmodell durch diese neue Technologie in Frage gestellt wird.

6) Multinationale Unternehmen unter Druck

Ab 2022 müssen grosse Unternehmen mit Sitz in der Schweiz über die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit Rechenschaft ablegen. Ab 2023 werden auch Unternehmen in Hochrisikosektoren wie dem Bergbau verpflichtet sein, eine Sorgfaltspflicht in Bezug auf die Risiken von Kinderarbeit und Mineralien aus Konfliktgebieten zu erfüllen.

Den Befürworterinnen und Befürwortern der 2020 gescheiterten Konzernverantwortungsinitiative geht das neue Gesetz nicht weit genug. Sie werden weiterhin Druck ausüben, damit Unternehmen stärker über die Auswirkungen und Folgen ihrer Tätigkeit im Ausland Rechenschaft ablegen. Die Europäische Kommission wird voraussichtlich 2022 eine mit Spannung erwartete Richtlinie zur Verantwortung von Unternehmen treffen, die möglicherweise weiter geht als das Schweizer Gesetz.

Multinationale Unternehmen werden aber auch in Bezug auf die Aktivitäten in Ländern Rechenschaft ablegen müssen, die für Menschenrechtsverletzungen bekannt sind, beispielsweise China oder Myanmar.

7) Sehr solide öffentliche Finanzen

Solide öffentliche Finanzen sind auch ein Zeichen für eine robuste Wirtschaft. Nachdem der Haushalt der Eigenossenschaft in den letzten beiden Jahren tief in die roten Zahlen gerutscht ist, dürfte er 2022 wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren. Die ausserordentlichen Ausgaben von 40 Milliarden Franken, die zur Bewältigung der Pandemie getätigt wurden, sollen innerhalb von zehn Jahren amortisiert werden, ohne die Steuerzahler:innen auch nur einen Rappen zu kosten. Die Regierung plant, die Haushaltsüberschüsse und die Gewinne der Nationalbank zur Schuldentilgung zu verwenden.

Auch die langfristigen Aussichten sind sehr günstig. Trotz steigender Bildungsausgaben und zusätzlicher Lasten in Folge der Bevölkerungsalterung rechnen die Experten des Bundes damit, dass die Staatsverschuldung der Schweiz (Bund, Kantone, Gemeinden) im schlimmsten Fall von heute 30 Prozent bis 2050 auf 51 Prozent des BIP ansteigen wird.

Zum Vergleich: Die durchschnittliche Schuldenquote in der Eurozone liegt bereits heute bei fast 100 Prozent des BIP. Diese "Aufblähung" des Staates dürfte für die Schweiz kein Problem darstellen, da auch der Wohlstand der Bevölkerung in diesem Zeitraum nach Auffassung der Wirtschaftsexperten "deutlich steigen" wird.

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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