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Warum sich Covid-19-Immunität immer noch nicht testen lässt

Es gibt mehr als 600 Antikörpertests auf dem europäischen Markt. Dennoch wissen wir nicht, welche Art von Immunreaktion erforderlich ist, um vor einer Covid-19-Reinfektion oder einem Impfdurchbruch zu schützen. Keystone / Ciro Fusco

Viele Länder sind überzeugt, dass ein Ende der Pandemie naht. Doch Expert:innen für öffentliche Gesundheit äussern sich zurückhaltender. Ein Grund für diese Vorsicht: Es gibt immer noch keine Tests, welche verlässlich die Immunität gegen das Virus nachweisen.

Dieser Inhalt wurde am 22. März 2022 - 10:00 publiziert

Schon bald nach dem ersten offiziellen Coronavirus-Fall in der Schweiz am 25. Februar 2020 beschäftigten sich Unternehmen der Pharmabranche sowie die medizinische Forschung mit der Idee eines digitalen ZertifikatsExterner Link, das einen Nachweis für die Immunität gegen das Sars-Cov-2-Virus beinhaltet. Die Idee wurde aber schnell wieder verworfen. Denn den Forschenden wurde klar, dass sie nicht über ausreichende Informationen zur entscheidenden Frage verfügten: Nämlich welche Art und welche Menge an Antikörpern den Schwellenwert für eine Immunität erfüllen würden.

Die Schweiz entwickelte, genauso wie viele andere Länder, schliesslich ein Covid-Zertifikat, das den Impf- oder Infektionsstatus einer Person festhält (geimpft/genesen). Die Behörden waren dabei immer zurückhaltend, dieses Zertifikat mit einer Art Immunitätsausweis gleichzusetzen.

Zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie sei die Forschung beim Nachweis der Immunität immer noch in einem frühen Entwicklungsstadium, sagt Didier Trono, Leiter des Labors für Virologie und Genetik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL).  "Ich würde nicht sagen, dass wir gar nicht weitergekommen sind, aber wir befinden uns noch in einer frühen Phase, um die Gesamtheit der Abläufe zu verstehen", so Trono, der die Diagnostik-Expertengruppe der Swiss National Covid-19 Science Taskforce leitete. "Wir kennen unter statistischen Gesichtspunkten immer noch nicht die Antikörperspiegel, die uns sagen, ob eine Person resistent ist gegen die Infektion, ob eine Person die Infektion an eine andere weitergeben kann und ob sie gegen die Krankheit geschützt ist", sagt Trono im Gespräch mit swissinfo.ch.

Gesundheitsexpert:innen und Politiker:innen in der Schweiz sind sich einig, dass die Kontrolle des Immunitäts-Status der Bevölkerung der Schlüssel ist, um das Virus in Schach zu halten – zumal die meisten PandemiebeschränkungenExterner Link inzwischen aufgehoben wurden. Aber es fehlt eben an den entsprechenden Instrumenten.

Antikörper spiegeln Immunitätsgrad nicht

Derzeit sind auf dem europäischen MarktExterner Link 632 Antikörpertests zum Verkauf zugelassen. Die meisten dieser Tests dienen dem Nachweis und der Messung von Antikörpern im Blut. Dabei handelt es sich um schützende Proteine, die vom Immunsystem produziert werden, wenn es eine fremde Substanz wie einen Virus entdeckt.

Diese Art von Tests wurde in der Schweiz in serologischen Studien verwendet, um den Anteil der Bevölkerung zu erfassen, der mit dem Virus in Kontakt gekommen ist. Solche Tests sind jedoch wenig sinnvoll, wenn fast jede Person Covid-19 hatte oder geimpft wurde. Im Juni 2021 ergab eine solche Studie im Kanton FreiburgExterner Link, dass 73% der über 20-Jährigen Covid-19-Antikörper aufwiesen.

Virologe Trono meint: "Ein Test, der Antikörper gegen das Virus misst, ohne ihr Quantität anzugeben, oder die Art und Weise, wie sie an das Virus gebunden sind, ist wertlos. Bei Personen, die einmal infiziert oder geimpft wurden, ist es sehr wahrscheinlich, dass über Jahre irgendwelche Spuren von Antikörpern im Blut vorhanden sind."

Noch im November letzten Jahres warnte Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle und Impfprogramme beim Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit (BAG), im Rahmen einer Medienkonferenz, "dass ein positiver Antikörpertest nur ein Hinweis auf eine Infektion darstellt und nichts über den gegebenen Schutz aussagt". Es war genau die Zeit, in welcher die Schweizer:innen die Apotheken stürmten, weil alle ihren Antikörperspiegel testen lassen wollten. Eine Reihe von Boutique-Hotels und Wellness-Zentren boten solche Tests sogar im Rahmen von "Immunitäts-Check-upsExterner Link" an.

Didier Trono leitet das Labor für Virologie und Genetik an der EPFL und ist Vorsitzender der Diagnostik-Expertengruppe der Swiss National Covid-19 Science Taskforce. Keystone / Jean-christophe Bott

Die Variante Omikron verstärkt die Befürchtungen von Wissenschaftler:innen, dass Antikörpertests ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln. Seit dem Auftauchen von Omikron sind deutlich mehr Personen zum zweiten Mal an Covid erkranktExterner Link. Eine Statistik aus Grossbritannien zeigt auf, dass die Zahl der Reinfektionen seit Omikron um den Faktor 16 gestiegen ist. Die Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Krankheitsverlaufs bleibt aber gering.

Dies wirft wichtige Fragen zum Immunitätsschutz nach einer Omikron-Infektion auf. Das Forschungslabor von Didier Trono und einige Kolleg:innen in Genf verfügen über unveröffentlichte Daten, die aufzeigen, dass die Immunität nach einer Omikron-Infektion schwach ist. Bei Menschen, die sich mit Omikron angesteckt haben, aber nicht geimpft waren oder an einer anderen Variante erkrankt waren, ist der Gehalt an so genannten "neutralisierenden Antikörpern" im Blut gering oder sogar fast nicht existent. Doch genau diese Antikörper sind für das Verständnis der Immunität am wichtigsten, da sie das Virus binden und es daran hindern, in seine Zielzellen einzudringen.

"Es ist noch zu früh, um ausreichend viele Personen beobachten zu können, die sich zweimal mit Omikron infiziert haben. Unsere Sorge gilt auf alle Fälle der künftigen Entwicklung, unabhängig von den Varianten. Insbesondere bei Menschen, die sich nur mit Omikron infiziert haben, aber nicht geimpft sind oder sich mit anderen Covid-Varianten infiziert haben", meint Trono.

Der Grad der Immunität scheint auch davon abzuhängen, ob eine Person leichte oder schwerere Symptome aufweist, vom Zeitpunkt der Infektion beziehungsweise der Impfung sowie von weiteren Gesundheitsfaktoren. All dies ist zwar nicht überraschend, bremst aber die Bemühungen für die Entwicklung von Tests zur Erfassung der Immunität.

Einige Forschungsarbeiten bringen gleichwohl erste Erkenntnisse zur Immunitätsfrage. Eine im Dezember 2021 veröffentlichte StudieExterner Link zeigt auf, dass nach drei Impfdosen deutlich mehr neutralisierende Antikörper vorhanden waren als nach zwei Impfungen. In einer weiteren StudieExterner Link der Universität Stanford wurden Unterschiede sowohl in der Menge als auch in der spezifischen Struktur der neutralisierenden Antikörper bei Personen mit einem leichten und einem schweren Krankheitsverlauf festgestellt. Die Autor:innen der Studie kommen zum Schluss, dass diese Erkenntnisse dazu beitragen könnten, einen Test zu entwickeln, der die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung bestimmen könnte – falls er direkt nach einer Covid-19-Ansteckung durchgeführt wird.

Wissenschaftler:innen untersuchen auch die T-Zellen-Reaktion auf das Virus, ein weiteres wichtiges Element in Bezug auf die Immunität. T-Zellen (T-Lymphozyten) treten in Aktion, nachdem das Virus in die Zellen eingedrungen ist, und stellen somit eine zweite Verteidigungslinie nach den Antikörpern dar. Einige sind sogar der Meinung, dass der Schutz nach einer Omikron-Infektion eher von T-Zellen als von Antikörpern ausgeht.

Verlässliche persönliche Tests

Da es immer mehr Studien dieser Art gibt, kann ein zusehends differenzierteres Bild der Immunität gezeichnet werden.

Das Team von Virologe Trono an der EPFL hat in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Lausanne (CHUV) im Juli 2021 einen neuen Bluttest entwickelt, der die Menge an spezifischen neutralisierenden Antikörpern misst. Es kann somit erfasst werden, ob eine Patientin eine Immunität gegen eine oder mehrere Varianten entwickelt hat. Im Gegensatz zu anderen Tests dieser Art ist er nicht virus- und zellbasiert, was in der Regel teuer und zeitaufwändig ist. Das Team von Didier Trono setzt nun die Ergebnisse in Verbindung mit Daten zu Reinfektionen und Impfdurchbrüchen. Die Ergebnisse sollen in einigen Wochen vorliegen. In der Zwischenzeit wird nach Möglichkeiten gesucht, den Test zu vermarkten.

Das Paul Scherrer Institut,Externer Link das grösste Forschungsinstitut für Natur- und Ingenieurwissenschaften in der Schweiz, hat einen SchnelltestExterner Link entwickelt, bei dem eine Blutprobe und fluoreszierende Nanopartikel zur Messung von Kurzzeit- und Langzeit-Antikörpern verwendet werden, die den Verlauf der Krankheit anzeigen könnten. Der Test kann offenbar auch zur Erkennung unterschiedlichster Krankheitserreger eingesetzt werden, darunter Grippe-Viren.

Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche, einer der grössten Hersteller von Covid-19-Tests, hat ebenfalls daran gearbeitet, Schutz oder Risiko von Covid-19 mit den Ergebnissen seiner AntikörpertestsExterner Link abzugleichen. In einer schriftlichen Stellungnahme teilt das Unternehmen gegenüber swissinfo.ch mit, dass es in den letzten Monaten mehrere Studien mit Partnern initiiert habe, "um eine Datenbank zu erstellen, die es uns ermöglichen könnte, ein schützendes Korrelat zu definieren." Gemeint ist damit der Grad der Immunantwort, der erforderlich ist, um in Zukunft vor Covid-19 geschützt zu sein.

Einer dieser Partner ist Moderna. Der US-amerikanische Impfstoffhersteller nutzt die Antikörpertests von Roche seit Dezember 2020 für Impfstoffstudien. Thomas Schinecker, CEO von Roche, erklärte Mitte Februar, dass sein Unternehmen noch in diesem Jahr einen neuen Antikörpertest sowie einen T-Zellen-Test auf den Markt bringen wird. Damit sei die Hoffnung verbunden, auf Grund der Testergebnisse feststellen zu können, wann eine Person eine zusätzliche "Auffrischungs-Dosis" benötigt.

Laut Didier Trono beginnt die eigentliche Testphase, wenn diese verschiedenen Tests in grosser Stichprobenanzahl in der Bevölkerung validiert werden können.  Anders gesagt: Wenn sich beobachten lässt, ob sich Menschen erneut infizieren.  "Sobald wir effektive Durchbruchsinfektionen oder Reinfektionen feststellen und diese mit einer Zahl ins Verhältnis setzen können, die in diesen Tests ermittelt wurde, können wir sagen, dass sie zuverlässig sind und ein gutes Surrogat für den Schutz darstellen", so Trono. Und fügt an: "Bis zu diesem Zeitpunkt wäre ich vorsichtig mit irgendwelchen Behauptungen zur Immunität."

(Übertragung aus dem Englischen: Gerhard Lob)

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