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"Wir müssen uns mit der Natur an die Klimaerwärmung anpassen"

"Es ist besser, die Natur in den städtischen Raum zurückzuholen, als Klimaanlagen zu installieren", sagt Thomas Bernauer, Professor an der ETH Zürich. Im Bild: der Bosco Verticale in Mailand. Keystone / Martin Hangen

Die Klimaerwärmung ist Tatsache, doch wie soll man damit umgehen? Diese Frage steht im Mittelpunkt des neuen Berichts des Weltklimarates, der am Montag veröffentlicht wurde. Wir sprechen mit dem Politikwissenschaftler Thomas Bernauer und der Klimaexpertin Rupa Mukerji, die am Bericht mitgeschrieben haben.

Dieser Inhalt wurde am 28. Februar 2022 - 12:00 publiziert

Mehr als 330 Personen aus rund 70 Ländern haben mehr als 34'000 wissenschaftliche Publikationen geprüft – das sind die Zahlen des neuen Berichts über den Zustand des Planeten, der heute vom Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCCExterner Link) der Vereinten Nationen veröffentlicht wurde. Der Bericht skizziert die Auswirkungen steigender Emissionen und Temperaturen auf Ökosysteme und menschliche Gesellschaften, insbesondere in Städten, und hebt Anpassungsmassnahmen hervor.

IPCC und Klimaberichte

Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC), oft als Weltklimarat bezeichnet, hat seinen Sitz in Genf und umfasst 195 Mitgliedsstaaten. Er ist in drei Arbeitsgruppen gegliedert, die sich mit verschiedenen Aspekten des Klimawandels befassen: Die Arbeitsgruppe I befasst sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen; die Arbeitsgruppe II bewertet die Auswirkungen auf die sozioökonomischen und ökologischen Systeme und die Anpassungsmöglichkeiten; die Arbeitsgruppe III konzentriert sich auf die Abschwächung (Reduzierung der Treibhausgase).

Der am 28. Februar 2022 veröffentlichte Bericht ist das Ergebnis der Arbeit der Arbeitsgruppe II und stellt den zweiten Teil des Sechsten Sachstandsberichts des IPCC dar. Der erste Teil wurde im August 2021 veröffentlicht, der dritte wird im April folgen.

Diese Berichte sind wichtig, weil auf ihrer Grundlage die nationale und internationale Klimapolitik entwickelt wird.

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"Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur gravierend sind und uns alle betreffen", sagt Thomas Bernauer, Professor für Politikwissenschaft an der ETH Zürich, gegenüber SWI swissinfo.ch.

"Zum Beispiel nimmt die Wasserknappheit in vielen Regionen der Welt zu. Es gibt mehr Erdrutsche, mehr Überschwemmungen, mehr Dürreperioden, mehr extreme Wetterereignisse, mehr Verlust an biologischer Vielfalt. Dies sind keine zufälligen Ereignisse, sondern die eindeutigen Folgen der Erwärmung", erklärt er.

Rupa Mukerji, Klimaexpertin bei der Schweizer Entwicklungshilfeorganisation Helvetas, sagt, dass die in früheren Berichten angenommenen Veränderungen bei Extremereignissen bereits jetzt eintreten. "Es scheint, dass alles, was vorhergesagt wurde, ein Jahrzehnt im Voraus eintritt, und das ist beängstigend."

Mangroven gegen den steigenden Meeresspiegel

Mukerji betont, dass man über langfristige Anpassungslösungen nachdenken muss. Der Bau eines Dammes oder einer Schutzmauer in einer überschwemmungsgefährdeten Region ist sicherlich nützlich, könnte aber auch ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. Grosse Bauwerke können die Verbindungen zwischen Ökosystemen unterbrechen.

Sie verweist auf das Beispiel Bangladeschs, eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder, und dessen naturbasierten Ansatz. "Die Wiederherstellung und Erhaltung von Mangroven ist ein wirksames Mittel, um dem steigenden Meeresspiegel zu begegnen", sagt sie.

Für Thomas Bernauer ist es auch wichtig, die Natur bei den Überlegungen miteinzubeziehen, vor allem in städtischen Gebieten, wo der Wärmeinseleffekt das Quecksilber noch höher steigen lässt. Es sei besser, die Natur in den städtischen Raum zurückzuholen, als Klimaanlagen zu installieren, sagt er. "Viele Beispiele in dem neuen Bericht zeigen, dass die Natur unser Verbündeter sein muss, wenn wir uns an den Klimawandel anpassen wollen. Dies verringert unsere Anfälligkeit für Klimarisiken."

Lücke in armen Ländern und auch in der Schweiz

Anpassung erfordert Investitionen. Es sei jedoch nicht nur eine Frage des Geldes, so Bernauer.

Der neue IPCC-Bericht zeigt, dass die Anpassungsfähigkeit der Welt stark vom Entwicklungsstand der jeweiligen Region oder des jeweiligen Landes abhängt. Nicht nur das Bruttoinlandprodukt ist entscheidend, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Institutionen. "In einem reichen, aber korrupten Staat mit schlechter Regierungsführung ist die Anpassungsfähigkeit sehr begrenzt", stellt er fest.

Bernauer ist besorgt, dass die Anpassungsbemühungen weltweit nicht mit dem Anstieg des Klimarisikos Schritt halten, die sogenannte Anpassungslücke. Eine grosse Kluft, die wenig überraschend in ärmeren, schlecht regierten Ländern, aber auch in reichen Demokratien wie der Schweiz zu beobachten ist.

"In den Alpen zum Beispiel steigt die Durchschnittstemperatur schneller als im globalen Durchschnitt. Wir können nicht einfach nur Berghänge stabilisieren oder uns mit Beton, Stahl und Felsen vor Überschwemmungen und immer extremeren Wetterereignissen schützen. Auch braucht es grosse Anstrenungen bei der Stadtplanung, der Anpassung der landwirtschaftlichen Praktiken und der Verringerung der Anfälligkeit der Energie- und Verkehrsinfrastruktur für Klimarisiken. All dies wird Jahrzehnte dauern", sagt Bernauer.

Wir müssen jetzt handeln, sagt Mukerji, denn je höher die Temperatur steige, desto weniger Anpassungsmöglichkeiten gebe es.

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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