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Wenn niemand mehr zuhört

Wenn das ganze Umfeld langsam wegstirbt: Einsamkeit im Alter. Keystone

Noch nie haben so viele Menschen bei der "Dargebotenen Hand" Hilfe gesucht wie im letzten Jahr. Die meisten riefen an, weil sie unter Einsamkeit litten.

Dieser Inhalt wurde am 25. Mai 2005 - 15:24 publiziert

Mit über 200'000 Anrufen und Online-Kontakten verzeichnete das Sorgentelefon einen Rekord. Vor zehn Jahren war es noch die Hälfte.

Bei jedem zehnten Anruf auf die Nummer 143 ging es im letzten Jahr um Einsamkeit. "Allein schon die Tatsache, dass die Leute sich an uns wenden, zeigt, dass sie niemanden haben, der ihnen zuhört", sagt Cécile Federer, Co-Leiterin der Stelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein, an der Jahresmedienkonferenz der "Dargebotenen Hand".

Immer stärker seien auch jüngere Menschen davon betroffen, wenn sie beispielsweise keine Stelle haben, an ihrer sexuellen Identität zweifeln, sich generell unverstanden fühlen oder straffällig geworden sind.

"Trotzdem darf man nicht vergessen, dass es sehr viele ältere Menschen gibt, die ganz alleine sind, weil sie verwitwet sind, ihnen das ganze Umfeld langsam wegstirbt oder es im Alter zunehmend schwer fällt, neue Freundschaften zu schliessen", ergänzt Jean-Claude Keusen, Leiter der Stelle in Bern, gegenüber swissinfo.

Fallmaschen im sozialen Netz

Einen Grund für die Vereinsamung der Menschen hierzulande sieht Keusen im Zerfall der Familie. "Nehmen wir als Gegenbeispiel Italien, Spanien oder Griechenland. Menschen, die in diesen Ländern aus dem Arbeitsprozess herausfallen, werden eher in einem Netz aufgefangen als wir in der Schweiz."

Die Vertrerinnen und Vertreter der "Dargebotenen Hand" führen das Leiden am Alleinsein, mit dem sie täglich konfrontiert werden, aber auch auf die Individualisierung der Gesellschaft und auf die Globalisierung zurück.

"Wer den Anforderungen des modernen Lebens - Gesundheit, Vitalität, eine intakte Beziehung, Berufserfolg und grosser Freundeskreis - nicht entspricht, gerät schnell in Selbstzweifel und neigt dazu, sich zurückzuziehen", sagt Anne Guddal, Stellenleiterin Winterthur, Schaffhausen und Frauenfeld.

Kollektive Verdrängung

Laut Keusen ist der Zwang, happy zu sein, heute gross. "Das Einfache und Bescheidene geht darüber vergessen. Ich glaube, dass wir in einer sehr oberflächlichen Gesellschaft leben." Die spirituelle Entwicklung habe da keinen Platz mehr.

Mit der zunehmenden Ausrichtung auf die eigenen Bedürfnisse zum einen und dem erhöhten Leistungsdruck zum anderen verlören die Menschen auch die Musse, zuzuhören.

"Die Kommunikations-Gesellschaft hört zwar hin, aber nicht zu", bringt es der Zentralsekretär des Sorgentelefons, Rudolf Bolliger, auf den Punkt.

Immer mehr suchen Rat

Im letzten Jahr nahm die "Die Dargebotene Hand" 212'832 Notrufe entgegen – am Telefon, in Briefen und E-Mails sowie in Einzel-Chats. Das waren 9173 mehr als im Vorjahr und so viele wie noch nie seit der Gründung der Organisation 1957.

Bei den 12 Regionalstellen der Freiwilligenorganisation gingen 2004 täglich 583 Kontakte ein. Zwei Drittel der Hilferufe stammten von Frauen und jeder Fünfte von Menschen über 60. Über das Internet erfolgte rund 1% aller Kontakte.

Bei den Online-Beratungen standen Partnerschafts-Probleme im Vordergrund. Einsamkeit war der Hauptgrund für die Anrufe auf die 143.

Einsamkeit als Dauerzustand

Fast die Hälfte der Gespräche führten die Beraterinnen und Berater mit Menschen, die sich wöchentlich oder mehrmals im Tag meldeten, erklärt Jean-Claude Keusen.

Daueranrufenden fehle oft die Einsichtsfähigkeit. "Sie haben kaum Ressourcen und können sich sprachlich nur ungenügend ausdrücken", so Keusen weiter. In solchen Fällen stehe die Begleitung und nicht die Beratung im Vordergrund. Lösungsorientierte Grundsätze liessen sich hier nicht anwenden.

Es gehe eher darum, diesen Leuten eine Alltagsstruktur zu bieten, beispielsweise indem man frage, ob sie schon aufgestanden seien und sie sich schon angezogen hätten, führt Cécile Federer aus.

Entlastung der öffentlichen Hand

Bei der "Dargebotenen Hand" arbeiten vorwiegend Laien. Sie werden nach strengen Kriterien ausgewählt und durchlaufen eine einjährige Schulung.

Gerade Laien bringen in der Regel gute Grundvoraussetzungen für die Langzeitberatung mit, wie Keusen betont. Sie sprächen dieselbe Sprache wie die Anrufer, was wiederum die Hemmschwelle, die 143 zu wählen, senke.

Rechnet man das freiwillige Engagement bei der "Dargebotenen Hand" mit dem Lohn eines Sozialarbeiters auf, entlasten die ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater die öffentliche Hand jedes Jahr um über 6 Mio. Franken.

"Und das sind nur die reinen Lohnkosten. Die Kosten, die bei den Hilfesuchenden vermieden werden, sind hier nicht berücksichtigt", schliesst der Präsident der "Dargebotenen Hand", Peter Everts.

swissinfo, Nicole Aeby

Fakten

Die "Dargebotene Hand" ist ein Zusammenschluss von 12 unabhängigen regionalen Stellen.

Für sie arbeiten insgesamt 40 fest angestellte Fachleute und 612 Laien.

Diese leisten maximal vier Dienste im Monat freiwillig und unentgeltlich.

Getragen wird die Institution zum grössten Teil von den reformierten und katholischen Landeskirchen sowie vom Evangelischen Gemeinschaftswerk des Kantons Bern.

Im letzten Jahr stand ihr ein Budget von rund 20 Mio. Franken zur Verfügung; der grosse Teil davon stammt aus kleinen Einzelspenden.

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In Kürze

1953 gründete der Londoner Pfarrer, Chad Varah, eine Telefonseelsorge, um Suizid gefährdeten Menschen zu helfen.

Weil er sich innert kürzester Zeit vor Anrufen nicht mehr retten konnte, rekrutierte er freiwillige Mitarbeitende.

Das Modell der Londoner Telefonseelsorge breitete sich darauf in ganz Europa aus.

1957 wurde auf die Initiative von Pfarrer Kurt Scheitlin mit Unterstützung von Gottlieb Duttweiler "Die Dargebotene Hand" Zürich gegründet. Die erste Telefonseelsorge in der Schweiz.

1959 wurde in Genf die erste französischsprachige "La Main Tendue" geöffnet.

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