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Vogelgrippe-Angst eindämmen: Richtiger Ansatz

Zugvögel werden auf Anzeichen der Vogelgrippe untersucht. Keystone

Gesundheitsexperten begrüssen, dass die Schweizer Regierung versucht, die Angst der Bevölkerung vor der Vogelgrippe in den Griff zu bekommen.

Dieser Inhalt wurde am 22. Oktober 2005 - 10:28 publiziert

Der "Hysterie" in der Bevölkerung will sie unter anderem durch wöchentliche Informationen begegnen und damit helfen, die Menschen zu beruhigen.

"Ich denke, es ist grundsätzlich gut, die Leute zu beruhigen", erklärt Kathrin Mölling, die Direktorin des Instituts für medizinische Virologie an der Universität Zürich, gegenüber swissinfo.

"Die Zahl der Menschen, die bisher infiziert wurden, ist minim. Auch scheint die Wahrscheinlichkeit der Übertragung (des Virus) auf den Menschen ziemlich gering zu sein. In dem Sinne tut die Regierung zum heutigen Zeitpunkt das Richtige."

In einer für ihn typischen Art und Weise versuchte Innenminister Pascal Couchepin, einen Strich unter die Vogelgrippe-Hysterie zu ziehen, die Panikkäufe des Grippe-Medikaments Tamiflu ausgelöst hatte. Dabei hatte Couchepin, in dessen Zuständigkeitsbereich das Gesundheitswesen liegt, auch in Erinnerung gerufen, noch sei in Europa kein einziger Mensch an der Vogelgrippe erkrankt.

Schweiz ist vorbereitet

Im weiteren bekräftigte Couchepin, die Regierung habe die Lage unter Kontrolle und sei vorbereitet auf einen allfälligen Ausbruch der Krankheit in der Schweiz. Diese Ansicht teilt Luc Perrin, Chef des Virologie-Labors am Universitätsspital Genf.

"Wenn man schaut, was die Regierung in den vergangenen Jahren unternommen hat, um eine mögliche Grippen-Pandemie zu verhindern, so waren wir nie besser vorbereitet, als wir es jetzt sind", erklärt Perrin.

Bei seinem Auftritt vor den Medien sagte Couchepin auch, es sei "unwahrscheinlich", dass das tödliche Virus H5N1 in eine von Mensch zu Mensch übertragbare Form mutiere.

Kleine Widersprüchlichkeiten

Damit unterschieden sich seine Worte etwas von denen, die gleichentags vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) kamen. Dessen Direktor erklärte, die Frage sei nicht, ob es zu einer Pandemie käme, sondern wann und wie tödlich diese sein werde.

Perrin denkt, diese "kleinere Widersprüchlichkeit" liege wahrscheinlich in einer etwas unglücklichen Wortwahl Couchepins begründet und sei nicht Beweis für unterschiedliche Meinungen innerhalb der Verwaltung.

"Der Gesundheitsminister sagte, es gebe keine Beweise, dass das Virus zum jetzigen Zeitpunkt vom Tier auf den Mensch überspringe. Wenn es geschehe, dann erst in Asien, und nicht in der Schweiz", erläutert Perrin seine Einschätzung.

"Und wir werden ein, zwei Monate haben, uns darauf vorzubereiten. Denn das Virus wird sich von Land zu Land bewegen müssen. Das wird nicht morgen sein."

Verantwortung der Medien

Die ganze Situation sei durch das Verhalten der Presse nicht einfacher geworden. Diese habe sich auf die Geschichte gestürzt und damit in der Bevölkerung Angst ausgelöst, so Perrin weiter.

Während die Vogelgrippe für Europa in der Tat von Belang sei und es präventive Massnahmen brauche, um eine Verbreitung zu stoppen, sei es falsch, zu suggerieren, die Europäer stünden davor, von der Krankheit befallen zu werden.

Die Berichterstattung der Presse sei eine Überreaktion, sagt Perrin. "Ich verstehe, dass es eine sexy Geschichte ist. Aber es gibt in den Ländern so viele andere Gesundheitsprobleme, über welche die Leute sprechen sollten."

Pandemie-Warnungen

Perrin verteidigt auch die Weltgesundheits-Organisation (WHO) in Genf, die von verschiedener Seite, unter anderem vom Bundesamt für Veterinärwesen, auch schon dafür kritisiert wurde, sie erlasse zu viele Pandemie-Warnungen.

Die WHO räumt ein, es sei eine schwierige Gratwanderung: Einerseits müsse die Öffentlichkeit über die Möglichkeit einer Pandemie informiert werden, andererseits gelte es, dabei keine "Panik" aufkommen zu lassen.

Für Perrin handelt die WHO richtig; sie habe dabei auch die Unterstützung einer Mehrheit der Gesundheitsexperten.

"Man darf nicht vergessen, dass die WHO ihre Entscheide auf der Grundlage von Rücksprache mit Experten weltweit fasst." Persönlich denke er, die WHO leiste eine gute Arbeit.

Und die Virologin Mölling weist darauf hin, dass die WHO über die ganze Welt verteilt mehr als 100 Aussenposten habe, die jeden Ausbruch der Vogelgrippe registrierten.

"Die WHO hat fantastisch reagiert. Es gibt keinen Truthahn in der Welt, der sterben kann, ohne dass wir es wahrnehmen", unterstreicht mölling.

swissinfo, Adam Beaumont, Genf
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

Fakten

Der Herd der Vogelgrippe liegt in Südostasien:

Das Virus vom Typ H5N1 tauchte erstmals 1997 in Hongkong auf.

Nach ihrem Wiederausbruch in Südkorea 2003 breitete sich die Vogelgrippe in verschiedene asiatische Länder aus.

Im Sommer 2005 trat die Krankheit dann auch in Russland und Kasachstan auf.

Im Oktober 2005 schliesslich erkrankten auch Tiere in der Türkei, in Rumänien und möglicherweise in Griechenland.

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In Kürze

H5N1 gilt als aggressives Vogelgrippe-Virus, das einen hohen Anteil der erkrankten Vögel tötet.

Selten befällt H5N1 auch Menschen, bisher sind weltweit rund 60 Menschen daran gestorben.

Anlass zur Sorge gibt die Warnung der Wissenschafter, dass das H5N1-Virus zu einer Form mutieren könnte, die leicht von Mensch auf Mensch überspringt.

Dann könnte es zu einer Pandemie mit Millionen von Toten weltweit kommen.

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