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UNO-Sicherheitsrat fordert Auslieferung Bin Ladens

Der französische Präsident Chirac (links) und US-Präsident Bush diskutieren über eine globale Koalition im Kampf gegen den Terrorismus. Keystone

Der UNO-Sicherheitsrat hat das Taliban-Regime in Afghanistan zur Auslieferung von Osama Bin Laden aufgefordert. Frankreichs Präsident Jacques Chirac versprach US-Präsident George W. Bush die volle Solidarität des französischen Volkes. In Kabul beraten 1'000 islamische Gelehrte über eine Auslieferung des gesuchten Terroristen Bin Laden.

Dieser Inhalt wurde am 19. September 2001 publiziert Minuten

Die Auslieferung habe "unverzüglich und ohne Bedingungen" zu erfolgen, sagte der französische UNO-Sicherheitsratspräsident Jean-David Levitte in New York. Die USA sehen in Bin Laden den Hauptverantwortlichen der Anschläge in New York und Washington vom letzten Dienstag, bei denen vermutlich 6'000 Menschen getötet worden sind.

Von den Taliban werde verlangt, die entsprechenden Resolutionen des Sicherheitsrates umzusetzen. Bereits im Dezember hatte der Sicherheitsrat unter anderem ein Waffen-Embargo gegen die regierende Taliban verhängt, um die Auslieferung Bin Ladens im Zusammenhang mit den Anschlägen auf zwei US-Botschaften 1998 in Ostafrika zu erwirken.

Der chinesische Staats- und Parteichef Jiang Zemin machte sich für eine starke Rolle des Weltsicherheitsrates bei der internationalen Reaktion auf die Terroranschläge in den USA stark.

Beteiligung an Vergeltung vorstellbar

Unterdessen bezeichnete der französische Staatschef Jacques Chirac eine Beteiligung an militärischen Vergeltungsangriffen der USA als "vorstellbar". Dafür müsse jedoch Einigkeit über "Ziele und Methoden" eines solchen Militäreinsatzes herrschen, sagte Chirac nach einem Treffen mit US-Präsident Bush in Washington.

Frankreich behalte sich wie jedes NATO-Land die Entscheidung über Art und Modalitäten eines eventuellen Einsatzes vor. Zuvor hatte Chirac versichert, die USA hätten die volle Solidarität des französischen Volkes. Er sei im Kampf gegen den Terrorismus bereit, "alles zu tun, was nötig ist".

Chirac nannte die terroristischen Angriffe ein Beispiel für das absolut Böse. Frankreich sei fest entschlossen, an der Seite der USA das Böse zu bekämpfen und zu zerstören. Im Gegensatz zu Bush, der meist von einem Krieg spricht, mahnte Chirac zur Vorsicht. "Ich weiss nicht, ob wir das Wort Krieg verwenden sollten", sagte Chirac.

Bush nannte Chirac einen visionären Politiker, der verstehe, dass "wir eine neuen Ära begonnen haben" mit einer neuen Form des Konflikts. "Die Welt muss begreifen, dass es keine Strände zu erstürmen gibt, keine Inseln zu erobern sind und es keine Frontlinien geben wird."

Fischer in Washington und New York

Chirac ist der erste europäische Politiker, der nach den terroristischen Anschlägen von Bush im Weissen Haus empfangen wurde. Derweil ist der deutsche Aussenminister Joschka Fischer ebenfalls zu einem Besuch in Washington eingetroffen. Heute will er mit US-Präsident Bush und Aussenminister Colin Powell über Massnahmen gegen den Terrorismus beraten. Am Donnerstag will er nach New York reisen.

Beratungen in Kabul

In der afghanischen Hauptstadt beraten mehr als 1'000 islamische Gelehrte über eine mögliche Auslieferung von Osama Bin Laden. Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar warf den USA zu Beginn des Treffens vor, sie benutzten Bin Laden als Vorwand. In Wirklichkeit gehe es den Vereinigten Staaten darum, das von den Taliban errichtete System zu zerstören.

In einer Botschaft erklärte Omar, die Taliban seien zu Verhandlungen bereit. Er forderte die USA auf, geduldig zu sein. Die USA müssten die Anschläge genau untersuchen, alle Informationen sammeln und nach den wirklichen Schuldigen suchen.

Die USA halten Bin Laden, dem die Taliban Unterschlupf gewähren, für den Hauptverdächtigen der verheerenden Terroranschläge in den USA.

Afghanen sind auf der Flucht

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnte vor einem neuen Flüchtlingsdrama. Aus Furcht vor möglichen US-Vergeltungsschlägen hätten bereits Zehntausende vor allem die Städte verlassen, teilte das UNHCR in Genf mit. Pakistan befürchtet einen Zustrom von Hunderttausenden afghanischer Flüchtlinge.

Furcht vor neuen Anschlägen

Die US-Regierung wappnet sich gegen weitere terroristische Anschläge. Wie aus Behördenkreisen verlautete, gibt es Hinweise auf eine zweite Terrorwelle. Der Vorsitzende des Geheimdienst-Komitees im Senat, Bob Graham, sagte, die Anschläge seien in den USA und andern Ländern geplant.

Die US-Bundespolizei FBI ging unterdessen verschiedenen Hinweisen nach, einige der Terroristen hätten Ausweise anderer Personen gestohlen oder falsche Namen verwendet. Bis Dienstag wurden insgesamt 75 Personen festgenommen, von denen sich die USA Aufschluss über die Verbrechen erhoffen.

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Tausende vermisst - wenige Opfer geborgen

Eine Woche nach den Terroranschlägen in New York und Washington stieg die Zahl der Toten und Vermissten auf mehr als 5'800. Allein beim ehemaligen World Trade Center werden rund 5'400 Menschen vermisst. Nur etwas über 200 Tote konnten bisher geborgen werden.

Unter den Vermissten befinden sich auch rund 100 Schweizer Staatsangehörige, die bislang nicht kontaktiert werden konnten. Immerhin sind am Dienstag zwei der tot geglaubten Personen, zwei Frauen, wieder aufgetaucht

Wirtschaftliche Folgen

Die Krise in der Luftfahrtindustrie in Folge der Terroranschläge hat auch den Flugzeug-Hersteller Boeing erfasst: Gemäss Medienberichten vom Dienstag will der Flugzeugriese bis Ende 2002 gegen 30'000 Mitarbeiter entlassen, dies infolge rückläufiger Aufträge.

Auch United Airlines entlässt gemäss Pressemeldungen 20'000 Mitarbeiter. Das Weisse Haus und Kongressführer einigten sich unterdessen auf ein Hilfspaket in der Höhe von 15 Mrd. Dollar. Damit sollen die angeschlagenen Fluggesellschaften für die Verluste nach den Terroranschlägen entschädigt und Investitionen in neue Sicherheits-Massnahmen bezahlt werden. Der US-Kongress wird vermutlich in den nächsten Tagen über das Hilfspaket debattieren.

swissinfo und Agenturen

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