Navigation

Unfallprävention mit Schockbildern

Nur richtig gesichert und angegurtet können Kinder und Eltern beruhigt am Verkehr teilnehmen. carofoto

Bei Gurtenkontrollen führt die Stadtpolizei Zürich künftig abschreckende Filmsequenzen vor. Um das Bezahlen einer Busse kommen die Fehlbaren aber nicht herum.

Dieser Inhalt wurde am 16. Juli 2008 - 14:03 publiziert

In der Stadt Zürich sind 61% der Mitfahrenden auf dem Rücksitz nicht angeschnallt – Kinder noch weniger. Nur ein Drittel ist angeschnallt oder reist in einem passenden Kindersitz, wie Kontrollen der Zürcher Stadtpolizei ergeben haben.

Das ist ein massiv höherer Anteil als der schweizerische Durchschnitt. Um eine Veränderung dieses Verhaltens zu erreichen, hat sich die Stadtzürcher Polizei deshalb zu einer Massnahme entschlossen, die weit über die Ausgabe von Strafzetteln hinausgeht. Sie spielt den Verkehrssündern und –sünderinnen mittels mobiler DVD-Player abschreckende Filmsequenzen vor.

In der ersten Sequenz fährt ein Auto mit 50 Stundenkilometern gegen eine Wand. Die nicht angeschnallte Testpuppe hat keine Überlebenschance, sie fliegt durch die Frontscheibe.

Die zweite Sequenz zeigt ein nicht angeschnalltes, etwa 3-jähriges Kind auf dem Rücksitz, das durch den Aufprall zwischen den Vordersitzen durch die Scheibe geschleudert wird.

In der dritten Sequenz schliesslich erschlägt ein nicht angeschnallter Erwachsener seinen Vordermann mit seinem Gewicht.

Aha-Erlebnis

Obwohl das Ansehen der Crash-Bilder freiwillig ist, hat die Zürcher Polizei bei Testläufen festgestellt, dass die meisten Autofahrer dazu bereit und die Reaktionen fast immer positiv waren. "Bei vielen lösen sie ein 'Aha-Erlebnis' aus", erklärt Andrea Mikuleczky von der Abteilung Prävention der Stadtpolizei Zürich.

Während eine Busse bloss Ärger über die Polizei hinterlasse, sorge der Anblick eines Unfalls für einen bleibenden Eindruck und für ein dauerhaftes Umdenken, wie man bei der Stadtzürcher Polizei hofft.

Ohne Busse kommen fehlbare Lenker aber nicht davon. Denn der Film ist gerade lang genug, um einen Bussenzettel ausstellen zu können.

Richtige Richtung

Gemäss Roland Wiederkehr, Geschäftsleiter der Stiftung Road Cross, die sich mit Unfallprävention und –bewältigung beschäftigt, hat die Zürcher Stadtpolizei damit die richtige Richtung eingeschlagen.

"Wir sind sehr froh, dass nicht einfach nur Bussen verteilt werden, sondern dass auch diese Aufklärung geschieht." Road Cross ist sich auch des Problems bewusst, dass viele Eltern ihre Sprösslinge mit dem Auto zur Schule oder zu Freizeitaktivitäten bringen.

"Wenn man die Kinder mit dem Auto bringt, dann sagen die Nachbarn, 'ach nimm doch meine Kinder auch noch gleich mit'. Hat man aber fünf Kinder auf dem Rücksitz, kann man sie nicht mehr anschnallen. Wir wollen aufzeigen, dass das äusserst gefährlich ist", erklärt Wiederkehr gegenüber swissinfo.

Physikalische Gesetze

"Vor drei Jahren hat unsere Stiftung beschlossen, mit Schockbildern Aufklärung zu betreiben. Anfangs spürten wir ein wenig Zurückhaltung, aber mittlerweile hat man bemerkt, dass es nützt, wenn die Leute sehen können, was passiert, wenn unangeschnallte Kinder bei einem Zusammenstoss durch die Frontscheibe fliegen", sagt Wiederkehr.

Er stellt fest, dass viele Menschen die physikalischen Gesetze nicht kennen oder diese unterschätzen. "Es ist tatsächlich so, wenn ein hinten sitzendes, 40 Kilogramm wiegendes, nicht angeschnalltes Kind bei einem Unfall nach vorn kommt, geschieht das mit einem Gewicht von rund 1,5 Tonnen", erklärt Wiederkehr.

"Wenn es hinter der lenkenden Person sitzt, kann es sie so erdrücken, abgesehen davon, dass das Kind auch schwerste Schädigungen aufweisen wird."

Es geht nicht nur um Gurtenobligatorium

Seit zwei Jahren besucht Road Cross auch Berufsschulen und demonstriert den 16- bis 18-Jährigen, die sich freuen, Auto oder Motorrad zu fahren, was sie erwarten könnte.

Wiederkehr will den jungen Menschen aufzeigen, dass es nicht nur um Bussen geht oder allfällige Gefängnisstrafen. "Meistens sind es junge Männer, die ihren Testosteron-Ausstoss nicht im Zaume halten können. Sie wissen nicht, dass die Versicherungen, bei Alkohol zum Beispiel, Regress nehmen können, dass man also nicht einfach versichert ist, und die Versicherung alles bezahlt."

Denn die Versicherung komme und hole sich das Geld beim Täter, wenn er grobfahrlässig gehandelt habe oder Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen seien.

Ab Herbst 2009 soll die Gurten-Kampagne zugunsten einer Geschwindigkeitskampagne abgelöst werden. "Und da hoffen wir, dass die Polizei ebenso verfährt, denn sie ist am nächsten bei den Leuten", so Wiederkehr.

swissinfo, Etienne Strebel

Die Kampagne

Mit der neuen Begleitmassnahme unterstützt die Stadtpolizei Zürich die nationale Gurtenkampagne der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu).

Offiziell beginnt die Zürcher Stadtpolizei ihre neue Kampagne mit den mobilen DVD-Playern am 21 Juli. Der Versuch dauert bis zum 19. Dezember. Dann wird entschieden, ob der DVD-Einsatz weitergeführt wird.

End of insertion

"Ein Band fürs Leben"

Die Schutzwirkung des Sicherheitsgurtes ist zwar unbestritten. Trotzdem findet er nicht überall Zustimmung.

Zur Förderung des "Gurt-Reflexes" haben mehrere auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit tätige Organisationen die gemeinsame Sensibilisierungskampagne "Ein Band fürs Leben" gestartet.

Darin wird die Absurdität von unsinnigen Handlungen derjenigen des Nichtangurtens gegenübergestellt. Erreicht werden soll eine Zunahme der Tragquoten sowohl auf den Vorder- wie auch auf den Hintersitzen.

Dabei wird der Romandie und dem Tessin, wo die Tragquoten um einiges tiefer sind, den Jungen, die sich nachts und an Wochenenden seltener angurten, sowie den Kindern, die nicht immer optimal gesichert sind, besondere Beachtung geschenkt.

End of insertion

Gurtentragquote 2008

Nach der letztjährigen Stagnation steigen die Gurtentragquoten in der Schweiz dank einer Steigerung in der Romandie wieder leicht an.

2008 schnallen sich 88% der Lenker (2007: 86%) und 89% der Beifahrer (2007: 85%) an. In der Romandie schnallen sich mittlerweile 86% der Beifahrer an – 13% mehr als im Vorjahr.

Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz jedoch eher schlecht ab. Deutschland und Frankreich melden Tragquoten von fast 100%.

Nicht erhöht hat sich hingegen die Quote der angeschnallten Rücksitzpassagiere (65%).

End of insertion

Artikel in dieser Story

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Diskutieren Sie mit!

Diesen Artikel teilen

Passwort ändern

Soll das Profil wirklich gelöscht werden?