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Ukraine-Krieg ist verheerend für Krebs-Patient:innen und Forschung

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine gab es über 60 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Copyright 2022 The Associated Press. All Rights Reserved

Der Krieg führt nicht nur dazu, dass Patient:innen keinen Zugang zu Behandlungen haben, sondern bedroht auch die Entwicklung vielversprechender neuer Medikamente. Denn: Die Ukraine wurde in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Standort für klinische Studien. Schweizer Pharmaunternehmen sind direkt davon betroffen.

Dieser Inhalt wurde am 02. April 2022 - 09:30 publiziert

Bomben landen auf Krankenhäusern, Millionen Menschen fliehen aus dem Land und Krebspatient:innen suchen Schutz in Bunkern: Unter diesen Umständen sind medizinische Behandlungen und die Aufrechterhaltung strenger klinischer Studienprotokolle gewaltige Aufgaben.

Wenn der Krieg weitergeht, wird dies nicht nur verheerende Folgen für die Patient:innen haben, die an hunderten von klinischen Studien in der Ukraine teilnehmen und für die diese Behandlung oft die letzte Hoffnung war. Es besteht auch die Gefahr, dass vielversprechende Krebstherapien zum Stillstand kommen – viele davon werden von Pharmaunternehmen in der Schweiz entwickelt.

Das in Basel ansässige Unternehmen Roche führt in der Ukraine mehr Studien durch als jedes andere Pharmaunternehmen, wie aus dem Register für klinische Studien der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA hervorgeht. Etwa 20% der von Roche gesponserten Studien haben Standorte in der Ukraine. Der Durchschnitt für die gesamte Branche liegt bei 4%.

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Einige davon betreffen wichtige Medikamente gegen Krebs und neurologische Erkrankungen. Für Tecentriq, das im vergangenen Jahr von der FDA für bestimmte Lungenkrebsarten zugelassen wurde, sind in der Ukraine 18 Studien im Gange oder in Vorbereitung.

Warum die Ukraine?

Viele Pharma- und Biotechnologieunternehmen haben in den letzten zehn Jahren Studien in der Ukraine durchgeführt. Niedrigere Kosten und Gesetzesänderungen zur Angleichung der Praxis klinischer Studien an internationale Standards führten zu einem raschen Anstieg der Zahl der in der Ukraine durchgeführten Studien. Das Land geniesst einen guten Ruf, weil es schnell Patient:innen aufnimmt und zuverlässige Daten liefert.

Auch das ukrainische Gesundheitssystem sei gut, sagt Steven Stein, Chief Medical Officer beim US-Biotech-Unternehmen Incyte, das seinen europäischen Hauptsitz in der Schweiz hat.

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Mihai Manolache, CEO von Cebis, einer Schweizer Organisation für klinische Forschung mit Sitz in Lugano, die Studien für pharmazeutische Kund:innen einrichtet und überwacht, erklärte gegenüber SWI swissinfo.ch, dass es auch eine grosse behandlungsnaive Bevölkerung gebe. Das bedeutet: In der Ukraine leben viele Menschen, die noch keine Behandlung für die für Forschende interessante Krankheit erhalten haben und daher gute Proband:innen für eine Studie sind. 

Es ist auch ein zunehmend attraktiver Markt für Unternehmen. "Das Land gehört zwar nicht zur Europäischen Union, ist aber flächenmässig das grösste Land in Europa und hat 40 Millionen Einwohner:innen", so Manolache, dessen Unternehmen in der Vergangenheit bereits Studien in der Ukraine durchgeführt hat. "Klinische Studien sind eine Möglichkeit, einen Fuss in den Markt zu bekommen." Medizinische Produkte und Geräte gehören zu den grössten Exporten der Schweiz in die Ukraine und nach Russland. 

Was der Krieg von heute für morgen bedeutet

Mit der Fortsetzung des Krieges wächst bei den Pharmaunternehmen die Angst und Unsicherheit über die Zukunft vieler ihrer Studien und der beteiligten Patient:innen. 

Der Krieg bedroht die medizinische Versorgung und erschwert die Erfassung von Gesundheitsdaten, ganz zu schweigen von den persönlichen Sicherheitsbedenken für Patienten und Ärztinnen. Die Weltgesundheitsorganisation meldete am 24. März, dass es seit Kriegsbeginn 64 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen gegeben hat. 

Roche hat eine Task Force zur Überwachung der Situation eingesetzt und eine Hotline eingerichtet, bei der Patient:innen Informationen und Unterstützung anfordern können. Das Unternehmen hat medizinisches Material gespendet, darunter Antibiotika, Reagenzien und Spezialmedikamente zur Behandlung von Grippe, rheumatischer Arthritis und verschiedenen Krebsarten. 

In einer Erklärung an swissinfo.ch schrieb Roche, dass das Unternehmen "aktiv an Lösungen arbeitet, um den weiteren Zugang zu Behandlungen für diese Patient:innen sicherzustellen, auch wenn sie die Ukraine verlassen haben und in andere Länder umgezogen sind."

Es ist schwierig, die langfristigen Auswirkungen auf die Arzneimittelentwicklung abzuschätzen. Bei den meisten von Pharmaunternehmen gesponserten Studien in der Ukraine handelt es sich um globale Studien, bei denen die Patient:innen an mehreren Standorten in verschieden Ländern untersucht werden.

Stein sagte, dass viele der digitalen Systeme und Tools, die während der Covid-19-Pandemie eingeführt wurden, Incyte helfen, mit Patientinnen und Ärzten in Kontakt zu bleiben. Durch die Pandemie wurden viele klinische Studien unterbrochen, weil die Patient:innen nicht zur Behandlung ins Krankenhaus gehen konnten. Infolgedessen führten Behörden wie die FDA statistische Methoden ein, um mit fehlenden Daten umzugehen.

Roche hat auf Anfragen von swissinfo.ch nicht geantwortet, ob Standorte in der Ukraine aus den Studien herausgenommen oder Patient:innen ersetzt wurden. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete jedoch am 11. März, dass mindestens sieben Unternehmen über Unterbrechungen von Studien in dem Land berichteten.

Stein erklärte gegenüber swissinfo.ch, dass Incyte zwar alles in seiner Macht Stehende tue, um den Zugang der Patient:innen zu den Behandlungen zu gewährleisten, aber wenn der Kontakt zu ihnen verloren gehe, müsse man sie in den Studien ersetzen.

"Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn eine Stadt oder ein Standort komplett von Russland übernommen würde und es dann unmöglich wäre, mit dem Standort zu interagieren und mit den Patient:innen elektronisch in Kontakt zu treten", so Stein gegenüber swissinfo.ch. "Das ist auf vielen Ebenen schmerzhaft." 

Ethische Dilemmata

Die meisten grossen Pharmaunternehmen sponsern auch klinische Studien in Russland; auch diese stehen vor einer ungewissen Zukunft. Mehrere Unternehmen, darunter Roche und Novartis, haben bereits angekündigt, dass sie neue Studien in dem Land aussetzen werden. 

Während die Medizin von den Sanktionen ausgenommen ist, sind viele von Unternehmen gesponserte Studien indirekt betroffen, da die Studien über Gelder bei staatlichen russischen Banken finanziert werden. "Ein grosses Problem ist die finanzielle Seite. Wie sollen wir diese Einrichtungen angesichts der Sanktionen für ihre Arbeit bezahlen?", so Stein. 

Abgesehen von den Sanktionen stehen die Unternehmen auch vor dem moralischen Dilemma, ob sie überhaupt noch in Russland tätig sein sollen. In einem offenen BriefExterner Link haben mehr als 800 Vorstandsvorsitzende, Führungskräfte und Investor:innen von Pharmaunternehmen dazu aufgerufen, keine Geschäfte mehr mit der russischen Industrie zu machen.

Roche hat dem Druck standhaft widerstanden. Roche-CEO Severin Schwan sagte am 29. März gegenüber dem Tages-AnzeigerExterner Link, das Unternehmen habe eine Verantwortung gegenüber allen Patient:innen, die auf seine Medikamente angewiesen seien. "Wir können doch nicht einfach den russischen Patienten lebensrettende Krebsmedikamente vorenthalten", erklärte er.

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