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Terre des hommes verabschiedet sich aus Vietnam

Die Lebensbedingungen der Kinder in Vietnam haben sich verbessert. Reuters

Vietnam - in den 1960er-Jahren zu Boden gebombt - habe sich so positiv entwickelt, dass sich Terre des hommes 2011 aus dem Land zurückziehen werde, schreibt Margrit Schlosser. Die Delegierte des Schweizer Hilfswerks in Ho Chi Minh Stadt kennt Vietnam seit 30 Jahren.

Dieser Inhalt wurde am 10. Dezember 2010 - 16:47 publiziert
Margrit Schlosser, swissinfo.ch-Kolumne

1981, als ich das erste Mal Vietnam von Nord bis Süd bereisen konnte, lag das Land buchstäblich am Boden. "In die Steinzeit zurück bomben", das war die erklärte Absicht von Curtis E. LeMay gewesen, dem General und Chief of Staff der US Air Force in den Jahren 1961-1965.

Die berühmt-berüchtigten B-52 Bomber hatten ganze Arbeit geleistet. Praktisch alle für den Verkehr wichtigen Brücken entlang der Nationalstrasse von Hanoi nach Ho Chi Minh Stadt waren zerstört oder schwer beschädigt; ganze Städte wie zum Beispiel Vinh, die Hauptstadt der nördlichen Provinz Nghe An, ausradiert. Über Vinh hatten die B-52 Piloten, die aufgestiegen waren, um Hanoi  und Haiphong zu bombardieren, auf dem Rückflug zu ihren Basen im damaligen Südvietnam ihre überzähligen Bomben fallengelassen. 1981, sechs Jahre nach dem Ende des so genannten Vietnamkrieges, standen im Zentrum Vinhs gerade noch die katholische Kirche und die Ruine eines ehemaligen Kaufhauses aus armiertem Beton.

1989, im Jahr als die Berliner Mauer fiel, kehrte ich nach Vietnam zurück und arbeitete dort während zweier Jahre für das IKRK. Eine spannende Zeit! Vietnams "Perestrojka" war 1986 im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion eingeläutet worden. Das Land begann, sich gegenüber dem Westen zu öffnen. Auf der Strasse entstand allmählich ein freier Markt mit Waren aller Art. Das von den USA verhängte Embargo wurde mehr und mehr unterlaufen, bis es schliesslich im Februar 1994 von Präsident Clinton aufgehoben wurde. Und so kamen in den frühen neunziger Jahren auch zahlreiche ausländische Hilfswerke nach Vietnam, um beim (Wieder-) Aufbau des Landes mitzuhelfen. Zu diesen "Frühen“ gehörte auch die Stiftung Terre des hommes – Kinderhilfe, das Schweizer Kinderhilfswerk mit Sitz in Lausanne, für das ich seit 2003 als Delegierte vor Ort arbeite.

Top performer

Terre des hommes – Kinderhilfe initiierte seine Tätigkeit zunächst mit einer Studie zur Situation der Strassenkinder in Ho Chi Minh Stadt und lancierte dann zusammen mit lokalen Partnerorganisationen innovative Projekte zum Schutz und der Betreuung von ebensolchen Kindern. Anstatt diese von der Strasse weg in grosse, geschlossene Erziehungsanstalten zu verfrachten, wurden kleinere Kinderhäuser, Anlaufstellen sowie Gassen- bzw. Strassenarbeit eingeführt.

Parallel dazu wurden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor allem in Sozialarbeit und der Arbeit mit Kindern aus- und weitergebildet. In den letzten zehn Jahren wurde dann das Angebot erweitert, um den heranwachsenden Kindern bzw. Jugendlichen ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben und die Integration in Gemeinschaft und Gesellschaft zu ermöglichen. Dies wurde gemacht auf der Basis von Wohngemeinschaften und Beratungsstellen, mittels einer beruflichen Ausbildung, der Vermittlung von lebensnotwendigen Kenntnissen sowie der rechtlichen Anerkennung in Form zum Beispiel einer Identitätskarte, ohne die Mann/Frau in Vietnam nicht existiert.

Im Einklang mit einigen anderen ausländischen Entwicklungsorganisationen, die bereits seit den frühen neunziger Jahren in Vietnam tätig sind, hat Terre des hommes – Kinderhilfe beschlossen, sich Ende März 2011 aus Vietnam zurückzuziehen, unter anderem, um sich verstärkt in Myanmar zu engagieren. Mit zu diesem Entscheid beigetragen hat die gesamthaft gesehen positive Entwicklung im Land selbst. Gemäss einem kürzlich vom Britischen Overseas Development Institute (ODI) veröffentlichten Bericht gehört Vietnam neben Ghana zu den "top performers" in Sachen UN Millennium Entwicklungszielen (MDG).

Austausch von Wissen

Es gibt für diese "top performance" verschiedene Gründe. Ein Grund ist sicher die Existenz eines relativ starken Staates, dessen Vertreter im Dialog mit den verschiedenen Partnern der Entwicklungszusammenarbeit sozioökonomische Politiken und Aktionsprogramme entwerfen. Dabei wird versucht, den erwirtschafteten Gewinn mindestens teilweise denjenigen zugute kommen zu lassen, die kaum oder nur am Rande von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren. Viele der ursprünglich von externen Entwicklungsorganisationen eingeführten Konzepte gerade im sozialen Bereich, wie zum Beispiel der Wechsel von institutioneller Betreuung zu "community based care" oder das Modell der Wohngemeinschaften für Jugendliche ohne familiäre Bindung, für behinderte oder betagte Menschen, haben Eingang gefunden in die offizielle staatliche Sozialpolitik.

Unterstützt wird diese Entwicklung durch die Tatsache, dass die in Vietnam tätigen ausländischen Entwicklungsorganisationen angehalten sind, mit lokalen Partnerorganisationen, staatliche Institutionen oder nichtstaatliche Assoziationen, zusammenzuarbeiten. Im Austausch von Wissen, Techniken und Arbeitsmethoden sowie mit dem Angebot von Aus- und Weiterbildung werden diese lokalen Strukturen gestärkt. So sind diese mit der Zeit in der Lage, die Verantwortung für die Planung und Ausführung der Projekte in eigener Regie zu übernehmen. Damit wäre das eigentliche Ziel der Entwicklungszusammenarbeit erreicht: die Nachhaltigkeit.

Nachtrag

Ein vietnamesischer Regierungsvertreter an die Adresse ausländischer Nichtregierungsorganisationen: "Gegenwärtig sind wir noch auf die Unterstützung unserer ausländischen Freunde angewiesen. Wir möchten jedoch spätestens 2020 auf deren Hilfe verzichten können. Dann wollen wir zu jenen gehören, die anderen Ländern Hilfe leisten."

Margrit Schlosser

Margrit Schlosser ist seit 2003  Delegierte von Terre des Hommes in Ho Chi Minh City. Dort leitet sie ein Team von sieben Personen. Sie ist mit Land und Leuten in Vietnam seit bald dreissig Jahren verbunden.

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Terres des hommes

Terre des hommes (Tdh) ist die grösste Nichtregierungs-Kinderhilfsorganisation der Schweiz.

Tdh ist in 33 Ländern mit rund 100 Projekten präsent und beschäftigt 1400 Mitarbeitende.

Das Jahresbudget beträgt rund 60 Mio. Franken.

Die Schweizer Stiftung ist Teil von Tdf International. Darin sind die Tdh-Sektionen von 11 Ländern vertreten, darunter Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien.

Zu den wichtigsten Projekten in der Schweiz gehört "La Maison de Massongex" im Kanton Wallis. Das Haus beherbergt pflegebedürftige Kinder aus der ganzen Welt. Diese erhalten gesundheitliche und psychologische Pflege, und die jungen Patienten können sich in den Universitätsspitälern von Genf und Lausanne operieren lassen.

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