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Tabubrecher aus Hamburg

Der Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar erhält von Jurymitglied Hanna Widrig den Auslandschweizer-Preis 2005. Keystone

Der liberale Wirtschaftswissenschafter Thomas Straubhaar hat den diesjährigen Auslandschweizer-Preis der FDP International erhalten.

Dieser Inhalt wurde am 14. Februar 2008 - 13:32 publiziert

Straubhaar, der seit 1992 in Hamburg lebt, dient im Ausland als Botschafter der Schweiz und im Inland als Interpret der Folgen wirtschaftspolitischer Änderungen.

Die Auslandschweizer wurden spätestens 2003 auf Thomas Straubhaar aufmerksam. Als Kenner von Wirtschaftsthemen, die auch die Schweiz betreffen, fiel der Ökonomie-Professor an der Tagung der Auslandschweizer-Organisation Deutschland (ASO) auf.

Der Anlass fand in Hamburg statt, einen Häuserblock vom Hamburgischen Weltwirtschaftsarchiv (HWWA) entfernt. Dieses wird von Straubhaar präsidiert und geniesst in Deutschland ein hohes Renommee.

Als Tagungs-Gastredner benannte Straubhaar damals unbarmherzig die Schwächen, die den Deutschen nachgesagt werden und die auch die Schweizer kennen.

Deutschschweizerische Schlusslicht-Positionen

"Deutschland wie auch die Schweiz zeichnen sich durch eine geringe wirtschaftliche Dynamik, aber dafür durch eine ausgeprägte Selbstzufriedenheit aus", sagte er. Wenn es um Wirtschaftswachstum gehe, zeichneten sich beide Nationen "konstant als Schlusslicht in den OECD-Statistiken" aus.

Besonders kritisch ging Straubhaar mit der Ausgestaltung des Arbeitsmarkts in Deutschland um. Dagegen sei das Arbeitsrecht in der Schweiz derart attraktiv für deutsche Unternehmen, dass diese ihre eigenen Landsleute nach Schweizer Recht einstellten, um sie dann wieder zurück in die deutschen Absatzmärkte zu schicken.

Staats- und Marktversagen als Lieblingsthemen

Für Straubhaar liegt der Reiz der Ökonomie in der Themenvielfalt. Der liberale Systemkritiker, der an zwei Schweizer Universitäten wirkte, bevor er nach Hamburg ging, wendet seine Wirtschaftstheorien auf viele gesellschaftliche Themen an.

Bevorzugte Themen des Wirtschaftswissenschafters sind der Reformstau, der demografische Rückgang der Bevölkerung, die deutsche Rechtschreibereform, das Bildungswesen, der Strukturwandel oder die Konkordanz und die direkte Demokratie.

Swiss und die Grenzen des Alleingangs

Zur direkten Demokratie meint Straubhaar gegenüber swissinfo: "Ich hoffe, dass jetzt, nach dem Absturz sowohl der Swissair als auch der Swiss, den Schweizer Stimmbürgern langsam klar wird, dass Alleingänge und Nein-Sagen auch ihren sehr hohen Preis haben. So dass man in Zukunft schneller einsieht, dass es auch Grenzen des Alleingangs gibt."

Politisch inkorrekt ist Straubhaar schon lange. Wenn er ausholt, sträuben sich bei vielen die Haare. Anfang der 90er-Jahre war er einer der drei Autoren, die das Buch "Schweiz AG. Vom Sonderfall zum Sanierungsfall?" herausgaben. Dort liess sich damals schon nachlesen, was gegenwärtig in der Schweiz abgeht.

"Helvetischer Tabubrecher"

In seiner Laudatio in Basel bezeichnete der damalige Mitautor Silvio Borner den Preisträger als "helvetischen Tabubrecher". Wer im Ausland lebe und lehre, dürfe sich offenbar mehr Kritik leisten als jemand, der im Land geblieben sei.

Die Jury der FDP Schweiz International verlieh Straubhaar den Auslandschweizer-Preis, weil er sich für die Wirtschaftsforschung engagiert und in Deutschland ein hohes Ansehen geniesst.

Als Kenner der schweizerischen und deutschen Wirtschaftsverhältnisse sei Straubhaar zu einem wichtigen Botschafter im Ausland geworden.

Lohndruck vor allem in gut geschützten Branchen

Straubhaar gilt als kreativ-kritischer Interpret weltwirtschaftlicher Mechanismen. So prognostizierte er im Anschluss an die Personenfreizügigkeit einen massiven Lohndruck vor allem in bisher gut geschützten Branchen wie den Banken, Versicherungen oder auch im Journalismus - und weniger in den Tieflohnsektoren, wie das andere befürchteten.

Der Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass weniger die Lohnunterschiede als das Wohlstandsgefälle Wanderungen von Arbeitskräften auslösten.

Die hohen Lebenshaltungskosten der Schweiz relativieren deshalb die Gefahr des Lohndumpings. Die Erfahrung zeige, so sagt der Professor, dass nur rund drei Prozent der EU-Bevölkerung bereit seien, in ein anderes EU-Land umzuziehen.

Straubhaar selbst will jedoch erst als Rentner in die Schweiz zurückkehren. Bis dann will er Auslandschweizer bleiben.

swissinfo, Alexander Künzle

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