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Sparzwang bedroht Forschungsplatz Schweiz

Wissenschafter sind besorgt über Sparmassnahmen im Forschungs- und Bildungsbereich. Keystone

Schweizer Wissenschafter sind beunruhigt über die Sparvorschläge des Bundesrates im Forschungs- und Bildungsbereich. Sie sehen den "Denkplatz Schweiz" in Gefahr.

Dieser Inhalt wurde am 05. Mai 2003 - 18:18 publiziert

Im Gegenwind zum Bundesrat sprach sich der Nationalrat am Dienstag an der Sondersession gegen die Sparübung aus.

Bereits bei der Vorbereitung des Geschäfts war heftig umstritten, wie und ob überhaupt gespart werden soll.

Im November letzten Jahres hatte der Bundesrat noch beantragt, Bildung, Forschung und Technologie (BFT) von 2004 bis 2007 mit 17,3 Milliarden Franken zu fördern. Das hätte gegenüber dem Finanzplan 2003 einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 6% entsprochen, wovon 1% - im Jahr 2005 1,5% - noch gesperrt bleiben sollte.

Hin und her

Noch im Februar dieses Jahres hatte die zuständige Kommission des Nationalrates die bundesrätliche Kreditsperre von total 480 Millionen Franken abgelehnt, wenn auch nur äusserst knapp mit Stichentscheid ihres Präsidenten, des Luzerner Sozialdemokraten Hans Widmer.

Mitte April akzeptierte dieselbe Kommission die Kreditsperre nun plötzlich doch. Grund für den Stimmungswandel war das Argument, angesichts der Finanzlage des Bundes müssten alle sparen. Einen einzigen Bereich könne man nicht davon ausnehmen.

Mit dem erweiterten Sparpaket des Bundesrates von 3,4 Milliarden Franken sollen nun die BFT-Ausgaben jährlich gar nur noch um 4% wachsen statt der ursprünglich geplanten 6%. An seiner Sondersession sprach sich der Nationalrat am Dienstag für die Beibehaltung des sechsprozentigen Ausgabenwachstums aus.

Ungehaltene Wissenschafter

Für Gottfried Schatz, Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats, gefährden die BFT-Sparvorschläge des Bundesrates den akademischen Nachwuchs. Mit einer solchen Sparpolitik vergeude die Schweiz Forschertalente, so Schatz.

Ungehalten über das Sparpaket im BFT-Bereich zeigt sich auch Jacques Neirynck, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und christlichdemokratischer Nationalrat. Ein Wachstum von lediglich 4% für BFT sei nicht akzeptabel.

"Wenn der Bundesrat dafür weniger ausgeben will, muss er auch sagen, auf was er verzichten will. Mit einem kleineren Budget kann die Regierung all das nicht machen, was er in seiner Botschaft versprochen hat", so Neirynck zu swissinfo.

Nicht mehr konkurrenzfähig

Die Schweizer Wissenschafter hatten im vergangenen Jahr noch auf ein BFT-Ausgaben-Wachstum von 10% gehofft. Nach den Worten der Präsidentin des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds, Heidi Diggelmann, eine Bedingung dafür, "dass die Schweiz in diesem Bereich konkurrenzfähig bleiben kann".

Xavier Comtesse von Avenir Suisse, dem Think-Tank der Schweizer Wirtschaft, ist vom BFT-Sparpaket überrascht. Denn ein ganzes Jahr lang hätte man von allen Politikern zu hören bekommen, Forschung und Bildung seien eine Priorität für unser Land.

Die Schweiz besitze keine Rohstoffe und sei deshalb auf sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte angewiesen, sagt Comtesse gegenüber swissinfo. "Und dazu braucht es viel Geld."

Wenn Bildung und Forschung vernachlässigt würden, müsse die Schweiz hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren. "Oder Unternehmen wie Novartis werden ihre Forschungszentren ins Ausland verlegen", so Comtesse.

Immer noch im Spitzenbereich

Bisher erreichte die Schweiz in den Forschungs- und Entwicklungs-Ausgaben (F+E) pro Kopf der Bevölkerung einen Spitzenplatz unter den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Mehr geben nur die USA, Schweden und Finnland aus. Hinter der Schweiz folgen Japan und, mit deutlichem Abstand, Deutschland und Frankreich.

Laut dem Statistischen Jahrbuch 2003 sind die gesamten Ausgaben für F+E in der Schweiz von 8,3 Milliarden Franken im Jahr 1989 auf 10,7 Milliarden Franken im Jahr 2000 gestiegen.

Für Bildungszwecke gibt die Schweiz gesamthaft 5,5% des Bruttoinlandproduktes aus. Das ist etwas weniger als in Frankreich und Österreich, aber mehr als in Deutschland, den USA und in Italien. Am höchsten ist der Anteil in Schweden mit 7,7%.

Terrain verloren

Trotz dieser Spitzenposition der Schweiz sind die Wissenschafter hierzulande beunruhigt. Beim Schweizerischen Nationalfonds heisst es, die Schweiz habe im BFT-Bereich in den letzten fünf Jahren gegenüber den USA und den skandinavischen Ländern an Terrain verloren.

Kommt dazu, dass die Europäische Union einen Investitionsplan im Bereich der Forschung lanciert hat. In Zukunft sollen dafür 3% statt wie bisher 1,9% des EU-Bruttoinlandproduktes eingesetzt werden.

Der Novartis-Manager und freisinnige Nationalrat Johannes Randegger sagt gegenüber swissinfo, die Bundesbehörden müssten ihre Rolle betreffend BFT ernst nehmen. "Wir müssen den jungen Leuten ein Signal für ihre Zukunft geben."

Zur Erinnerung: Novartis hatte letztes Jahr entschieden, sein Forschungszentrum von der Schweiz in den US-Bundesstaat Massachusetts zu verlegen.

swissinfo, Jean-Michel Berthoud

Fakten

Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F+E) 2000:

2,1 Mrd. Fr. (Bund), 725 Mio. (Kantone)

Das sind 2,4% des Bruttoinlandproduktes

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In Kürze

Mit dem erweiterten Sparpaket des Bundesrates von 3,4 Milliarden Franken sollen die Ausgaben im Bereich Bildung, Forschung und Technologie BFT) jährlich nur noch um 4% wachsen statt der ursprünglich geplanten 6%.

Die Schweizer Wissenschafter hatten im vergangenen Jahr noch auf ein BFT-Ausgaben-Wachstum von 10% gehofft. Nun sind sie besorgt über die Sparvorschläge des Bundesrates und sehen den "Denkplatz Schweiz" in Gefahr.

Die Schweiz nimmt zwar in Sachen BFT-Ausgaben im OECD-Ländervergleich immer noch einen Spitzenplatz ein, büsste jedoch in den letzten Jahren gegenüber den USA und den skandinavischen Ländern an Terrain ein.

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