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Schweizer Parteien mögen keine Meinungsumfragen

Der Politologe Claude Longchamp ist auf Meinungsumfragen und Wahlanalysen spezialisiert. Keystone

In der Schweiz werden vor Wahlen nur wenige Meinungsumfragen durchgeführt. Doch selbst diese sorgen für Irritation. Laut Meinungsforscher Claude Longchamp sollten die Parteien lernen, diese besser zu nutzen, um ihre Wählerschaft zu mobilisieren.

Dieser Inhalt wurde am 22. August 2011 - 08:03 publiziert
swissinfo.ch

Bis vor 20 Jahren waren Vorhersagen bei eidgenössischen Wahlen nicht schwierig. Grund: Die parteipolitische Zusammensetzung des Parlaments war seit Jahren unverändert. Doch dann begann sich die politische Landschaft in der Schweiz zu verändern.

Gewisse Parteien erstarkten. Die politische Mitte verlor an Bedeutung. Das parteipolitische Gleichgewicht verschob sich. Durch diese Entwicklung erhielten Meinungsumfragen, die in vielen europäischen Ländern und den USA längst zum politischen Alltag gehörten, auch in der Schweiz eine gewisse Bedeutung.

Bei den politischen Parteien kommen diese Meinungsumfragen aber bis auf den heutigen Tag nicht gut an, insbesondere wenn sie negative Aussagen beinhalten. Das vom Institut gfs.bern im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens SRG SSR durchgeführte Wahlbarometer ist stets der Kritik ausgesetzt. Dabei waren die Meinungsumfragen dieses Institutes bei den Wahlen 2007 ausgesprochen präzise. swissinfo.ch hat mit Claude Longchamp, dem Direktor von gfs.bern, gesprochen.

swissinfo.ch: In den USA und den meisten europäischen Ländern werden vor nationalen Wahlen fast täglich Meinungsumfragen publiziert. In der Schweiz sind es insgesamt nur ein Dutzend, die von der SRG SSR und den Sonntagszeitungen in einem ganzen Jahr vor den Wahlen veröffentlicht werden. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Claude Longchamp: Das Schweizer System baut auf dem Prinzip der Konkordanz auf. Das heisst: Die wichtigsten Parteien sind in der Regierung vertreten. Die Konkurrenzsituation zwischen den Parteien ist demnach nicht so ausgeprägt wie in Ländern mit einem Mehrheitssystem aus Regierung und Opposition, bei denen jede Wahl das Machtgefüge in Frage stellt.

In diesen Ländern werden Meinungsumfragen nicht selten von den politischen Parteien selbst in Auftrag gegeben, um zu sehen, wie es um die Wählerschaft bestellt ist.

Die Schweizer Parteien verfügen nicht über diese finanziellen Mittel. Und sie wollen sich in diesem Bereich auch gar nicht engagieren. Vielleicht ist das besser so: Wir haben zwar keine Hinweise darauf, dass in Auftrag gegebene Meinungsumfragen manipuliert wären, aber jede politische Kraft hat natürlich ein Interesse daran, dass ihr genehme Resultate publiziert werden.

swissinfo.ch: In der Schweiz gibt es Meinungsumfragen zu Wahlen nur alle zwei Monate. Doch auch diese wenigen scheinen von den politischen Parteien nicht goutiert zu werden. Wie erklären Sie sich das?

C.L.: Die politischen Parteien wollen vor den Wahlen natürlich ihre Erfolgschancen möglichst hoch halten. Daher haben sie Mühe, wenn eine Meinungsumfrage allenfalls negativ für sie ausgeht. Verlieren sie dann Anteile bei den Wahlen, werden teilweise sogar die Meinungsumfragen dafür verantwortlich gemacht. Es heisst dann, die Wählerschaft sei durch die Umfragen demotiviert worden.

Auch wenn ich diese Reaktion nachvollziehen kann, scheint sie mir nicht angebracht. Ich denke, dass die Parteien in der Schweiz noch nicht gelernt haben, konstruktiv mit Wählerumfragen umzugehen. Wahrscheinlich haben sie sich nach all den Jahren noch nicht an die Fluktuation der Wählerschaft gewöhnt.

swissinfo.ch: Wie sollten die Parteien denn reagieren?

C.L.: Es gibt drei Möglichkeiten, auf ein negatives Umfrageergebnis zu reagieren. Man kann es einfach ignorieren. Das wird angesichts der Medienpräsenz aber immer schwieriger. Man kann es zur Kenntnis nehmen und als unausweichlich bezeichnen. Das ist Fatalismus. Oder man kann die Daten analysieren, um die eigene Wählerschaft besser zu mobilisieren. Das hat beispielsweise die SVP im Jahr 2007 auf sehr effiziente Weise gemacht.

swissinfo.ch: Ein gewisser Skeptizismus erklärt sich aber auch durch die Tatsache, dass die prozentualen Unterschiede zwischen den einzelnen Meinungsumfragen sehr klein sind. Gleichzeitig beträgt die Fehlerquote 2,2%. Was bedeutet das für die publizierten Daten?

C.L.: Aus unserer Sicht sind Abweichungen von unter einem Prozentpunkt statistisch nicht relevant. Wir schauen beim Wahlbarometer auf Veränderungen von mehr als 1,1%, die auf Grund unserer gesammelten Erfahrungen bereits einen gewissen Trend anzeigen können.

Dabei gilt es immer, vorsichtig zu sein: Jede Umfrage findet in einem bestimmten politischen und emotionalen Kontext statt, der das Ergebnis stark beeinflussen kann. Man denke nur an den Nuklearunfall von Fukushima in diesem Jahr. 

Ich möchte gleichwohl betonen, dass die Meinungsumfragen das beste Mittel bleiben, um den Ausgang von Wahlen vorherzusehen. So gab es zwischen unserem Wahlbarometer und dem Wahlergebnis 2007 im Mittel für die grossen Parteien nur eine Abweichung von einem Prozent.

swissinfo.ch: Die politische Landschaft der Schweiz hat sich verändert. Es sind neue Parteien entstanden. Erschwert dies die Arbeit der Meinungsforscher?

C.L.: Die politische Situation ist effektiv komplexer geworden, doch die Schwierigkeiten gehen vor allem auf zwei andere Faktoren zurück. Zum einen ist es in der Schweiz, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, verboten, in den letzten 10 Tagen vor den Wahlen Meinungsumfragen zum Abstimmungsverhalten zu publizieren. Dies zwingt uns, rund 20 Tage vor den Wahlen die letzte Umfrage durchzuführen. Veränderungen nach diesem Datum können wir nicht erfassen.

Zudem haben wir das Problem, das wir bei den Meinungsumfragen die Auslandschweizer nicht berücksichtigen können. Seit 2003 stellt uns der Bund aus datenschutzrechtlichen Gründen die entsprechenden Adressen nicht mehr zur Verfügung. Das ist ein gravierender Mangel, denn die Auslandschweizer leben in einem anderen gesellschaftlichen Kontext. Und ihr Wahlverhalten gleicht nicht unbedingt demjenigen der Stimmbürger in der Schweiz.

swissinfo.ch: Welche Unterschiede im Abstimmungsverhalten gibt es?

C.L.: Das wissen wir leider nicht genau, denn das Bundesamt für Statistik analysiert das Votum der Auslandschweizer nicht separat. Die letzte Umfrage bei den Auslandschweizern, die 2003 erfolgt ist, zeigte, dass die Landsleute im Ausland im Schnitt über einen höheren Bildungsgrad verfügen und insbesondere in aussenpolitischen Fragen offener dachten. Es gab mehr Stimmen für FDP, Sozialdemokraten und Grüne. Aber wir wissen nicht, ob dies heute noch so ist.

Claude Longchamp

Er wurde 1957 in Freiburg i.Ü. geboren. Er ist Direktor des Instituts gfs.bern für Politik- und Kommunikationsforschung. Er unterrichtet Politik-Wissenschaften an den Universitäten Freiburg, Zürich und St.Gallen.

Seit 1992 führt Claude Longchamp im Auftrag der SRG SSR mit seinem Team Umfragen zu Eidgenössischen Abstimmungen durch. Er führt zudem die von der  Bundeskanzlei finanzierten Vox-Umfragen zum Abstimmungs-Verhalten durch.

Seit 1999 ist er verantwortlich für die Wahlbarometer, die vom öffentlichen Radio und Fernsehen SSR SRG in Auftrag gegeben werden. Sechs Umfragen werden vor den nationalen Wahlen durchgeführt, eine Umfrage danach.

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Wahlen 2007

Das Wahlergebnis vom 21. Oktober 2007 und – in Klammern – die Abweichung vom letzten SRG-Wahlbarometer, das 20 Tage vor den nationalen Wahlen durchgeführt wurde.

Schweizerische Volkspartei SVP: 28,9%(-1,6%)

Sozialdemokratische Partei SP:  19,5% (+2,2% )

FDP. Die Liberalen: 15,7% (-0,3 %)

Christlichdemokratische Partei CVP: 14,5% (+0,9%)

Die Grünen: 9,6% (+0,9%)

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