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Die Schweiz verteidigt Liechtenstein – oder etwa nicht?

Trachtenfrauen und Zuschauer verfolgen 2016 den Liechtensteiner Staatsfeiertag mit Schloss Vaduz im Hintergrund. © Keystone / Gian Ehrenzeller

Die Schweiz pflegt traditionell enge Beziehungen zu seinem Mini-Nachbarn Liechtenstein. So eng, dass viele meinen, die Schweiz würde Liechtenstein militärisch verteidigen.

Dieser Inhalt wurde am 30. Juni 2022 - 08:15 publiziert

Sowohl in der Schweiz als auch in Liechtenstein glauben viele Leute, der Zwergstaat stehe unter dem militärischen Schutz der Schweiz. Doch diese Annahme ist falsch. "Die Schweiz würde Liechtenstein nicht verteidigen", sagt Christian Frommelt vom Liechtenstein-Institut, der im Auftrag der Regierung des Fürstentums Liechtenstein diese Frage in einer StudieExterner Link geklärt hat.

Hoppla, so war das nicht gedacht: Bei einer Schiessübung der Schweizer Armee wurde im Dezember 1985 aus Versehen ein Wald der Gemeinde Balzers im Fürstentum Liechtenstein in Brand gesetzt. Keystone / Arno Balzarini

Die Schweiz ist entgegen der landläufigen Meinung nicht Schutzmacht Liechtensteins und gibt auch keinerlei rechtlichen Sicherheitsgarantien ab. Das wäre mit der Neutralität auch gar nicht vereinbar, weil dies eine Art Militärbündnis darstellen würde.

"Die Schweizer Armee ist rechtlich nicht für den Schutz des Fürstentums Liechtenstein zuständig", bestätigt Armeesprecher Lorenz Frischknecht. "Wenn jedoch Liechtenstein in eine Notlage gerät, wäre die Schweiz bereit, im Sinne freundschaftlicher Nachbarhilfe Unterstützung zu leisten, dies auf Ersuchen des Nachbarlandes hin."

Sowohl in der Schweiz als auch in Liechtenstein spekuliert man darauf, dass ein militärischer Angriff nie Liechtenstein allein treffen würde, sondern gleichzeitig die Schweiz und andere europäische Länder. In diesem Fall würde die Schweiz Liechtenstein in die Verteidigung miteinbeziehen und ihrerseits auf Hilfe durch die NATO oder die EU hoffen.

Die Schweiz hätte Liechtenstein Hitler überlassen

Die Verteidigungsfrage stellte sich konkret während des Zweiten Weltkrieges. Zwar bezog die Schweiz Liechtenstein fast wie einen eigenen Kanton in die kriegswirtschaftliche Landesversorgung mit ein, fungierte also als eine Art wirtschaftliche Schutzmacht, was ihr grosse Sympathien bei der liechtensteinischen Bevölkerung einbrachte.

Für die Schweizer Regierung war jedoch klar, dass die Schweizer Armee Liechtenstein nur bei einem gleichzeitigen Angriff gegen die Schweiz und Liechtenstein verteidigen würde. Hätte Hitler-Deutschland Liechtenstein dem Deutschen Reich "angeschlossen", ohne die Schweiz anzugreifen, hätte die Schweizer Armee also tatenlos zugesehen. Beide Länder blieben von einem Angriff verschont.

Woher kommt das Missverständnis?

Laut Frommelt ist die in Liechtenstein verbreitete Meinung, dass die Schweiz den kleinen Nachbarn im Falle eines Angriffs verteidigen würde, ein Abbild der engen Zusammenarbeit und der offenen Grenzen zwischen Liechtenstein und der Schweiz.

Christian Frommelt vom Liechtenstein-Institut. Liechtenstein-Institut

Nicht nur während des Zweiten Weltkriegs sei Liechtenstein aufgrund des Zollanschlussvertrags weitgehend in die wirtschaftliche Landesversorgung der Schweiz eingebunden gewesen. "Auch danach wurde Liechtenstein in Sachen Bevölkerungsschutz stets so behandelt, als wäre es ein zusätzlicher Kanton."

Dazu gehörte zum Beispiel auch eine Katastrophenschutzübung unter Einbezug des Schweizer Militärs in Liechtenstein.

"Die Wahrnehmung der Schweiz als 'Schutzmacht' Liechtensteins im Kriegsfall ist also vor allem der fehlenden Differenzierung zwischen der zivilen und militärischen Dimension eines bewaffneten Konflikts geschuldet", so Frommelt.

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