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Das grosse Dilemma der Schweizer Unternehmen in Russland

Einweihung der neuen Schweizer Botschaft in Moskau am 18. Juni 2019. Keystone / Yuri Kochetkov

Nach dem Angriff auf die Ukraine haben mehrere Schweizer Konzerne ihre Aktivitäten auf dem russischen Markt eingestellt. Aber die Entscheidung, das Land zu verlassen, ist in vielen Fällen nicht so eindeutig, wie es den Anschein hat. Es herrscht eine hybride Situation nach dem Motto: Wir gehen – aber nicht vollständig.

Dieser Inhalt wurde am 25. Mai 2022 - 10:30 publiziert
Federico Franchini (texte), Pauline Turuban (graphiques)

Juni 2019: Die Aussenminister Ignazio Cassis und Sergej Lawrow weihen die neue Schweizer Botschaft in Moskau ein. Die Kosten für die Feier summieren sich auf gut 700'000 Franken, wovon ein grosser Teil durch private Sponsoren getragen wird. Darunter sind Unternehmen, die von in der Schweiz ansässigen russischen Oligarchen kontrolliert werden: Eurochem, der Zuger Düngemittelriese von Andrey Melnichenko, die Wolga-Gruppe von Guennadi Timtchenko sowie Sulzer und OC Oerlikon, die beiden historischen Marken der Schweizer Industrie, an denen Viktor Vekselberg beteiligt ist.

Zu den Unterstützerfirmen gehört auch Nord Stream 2, das in Baar ansässige Unternehmen, das die Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland betreiben sollte, und dessen Hauptförderer der vom Kreml kontrollierte Gasriese Gazprom ist. Zudem stehen mehrere grosse Schweizer Konzerne auf der Liste: Glencore, Sika, UBS, ABB, Philip Morris, Schindler, Nestlé, Lafarge Holcim, Omya, MSC und andere. Es ist eine Zeit, in der die Schweizer Unternehmen stark vertreten sind in Russland – sie investieren in die Eröffnung neuer Fabriken, kaufen lokale Unternehmen auf oder stürzen sich in den Wettlauf um Rohstoffe.

Weniger als drei Jahre später hat der von Russland entfesselte Krieg gegen die Ukraine die Karten neu gemischt. Europa und die USA, gefolgt von der Schweiz, haben eine Kaskade von Sanktionen verhängt, sowohl gegen russische Unternehmen als auch gegen Oligarchen und ihrer Familien, deren Vermögen eingefroren wurden. Die Oligarchen sind auch in der Schweiz unter Druck, während Nord Stream 2 den Bankrott erklärt hat.

Und was machen die Schweizer Unternehmen?

Während Russland für die Schweiz bei den Warenimporten und -exporten ein relativ unbedeutender Partner ist, sind die Zahlen vor allem im Rohstoffhandel bedeutend, wie er von Unternehmen in Genf, Zug oder Lugano betrieben wird. Gleiches gilt für die Schweizer Investitionen in Russland, die von 24HeuresExterner Link auf 28 Milliarden Franken geschätzt wurden (der Betrag entspricht rund 2% der Anteile, die Schweizer Unternehmen im Ausland halten). Nach Angaben des SECO gibt es in der Schweiz rund 200 Unternehmen mit einem solchen Russland-Bezug, und zwar in den Sparten Lebensmittel, Pharma, Logistik, Bau und Rohstoffe. Sie beschäftigen rund 40'000 Personen in der Schweiz.

Wenig überraschend verurteilen die Unternehmen den Krieg, und angesichts der öffentlichen Empörung erscheint ein Verbleib auf dem russischen Markt aus Imagegründen unangebracht. In den Wochen nach dem Einmarsch Russlands kündigten daher viele multinationale Unternehmen an, sie würden Russland verlassen – auch solche mit Sitz in der Schweiz. Aber ein Land zu verlassen, in das man so viel Geld investiert hat und in dem man vielleicht Hunderte von Mitarbeitenden beschäftigt, ist nicht so einfach. Nicht zuletzt, weil die russischen Behörden nicht tatenlos zusehen, sondern ein Gesetz zur Beschlagnahmung der zurückgelassenen Vermögenswerte vorantreiben.

Für diesen Artikel haben wir rund 20 Unternehmen kontaktiert. Im Allgemeinen lautete die Antwort, die wir erhielten, gleich: Wir sind gegen den Krieg, wir haben die Investitionen gestoppt, und wir beobachten die Situation, wobei wir sowohl die Sanktionen als auch die vertraglichen Verpflichtungen berücksichtigen.

Die Liste von Professor Sonnenfeld

Jeffrey Sonnenfeld ist Professor an der renommierten Yale University. Seit Beginn des Krieges ist er zum Feindbild geworden, nicht so sehr für seine Studierenden, sondern für die Manager:innen von Dutzenden von multinationalen Unternehmen in aller Welt. Zusammen mit seinem Team hat Sonnenfeld auf der Website seiner Universität eine Liste der Unternehmen veröffentlicht, die sich in den Monaten des Konflikts aus Russland zurückgezogen haben – oder aber dort gebliebenExterner Link sind.

Die Liste wird laufend aktualisiert, durchleuchtet werden mehr als 1000 Unternehmen, die in fünf Gruppen unterteilt werden: von denjenigen, die sich vollständig zurückgezogen haben, bis zu denjenigen, die überhaupt keine Massnahmen ergriffen haben. "Ich dachte, dass die Universität ihre Erfahrung und Objektivität einbringen könnte, um die Unternehmen, die Russland tatsächlich verlassen, sinnvoll von denen zu trennen, die nur eine kosmetische Operation durchführen, ähnlich wie beim Greenwashing im Zusammenhang mit dem Klimawandel", sagt Sonnenfeld gegenüber swissinfo.ch.

Die Liste hat so viel Aufsehen erregt, dass Sonnenfeld von Heerscharen von Kommunikationsexpert:innen und Anwält:innen bedrängt wird, die versuchen, Unternehmen von der Liste streichen zu lassen.

"Unsere umfangreichen Recherchen liefern uns solide Fakten, die unwiderlegbar sind", sagt Sonnenfeld dazu und ergänzt: "Es gibt keine ethische Rechtfertigung für den Verbleib in Russland. Die Pharma- und die Lebensmittelindustrie haben weiterhin nicht lebensnotwendige Produkte geliefert. Wir müssen Putins Propaganda durchbrechen, um die Zivilgesellschaft zu sensibilisieren und den Durchschnittsrussinnen und -russen zu zeigen, dass ihr Land für die Welt zu einem Schurkenstaat geworden ist. Ihre Selbstgefälligkeit macht sie zu Komplizinnen und Komplizen Putins, deshalb müssen sie erreicht werden, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern."

Schweizer Unternehmen

Unter den Unternehmen auf der Liste der Yale-Universität befinden sich auch mehrere aus der Schweiz. Einige haben Russland verlassen oder zumindest ihre Präsenz eingeschränkt. Das stimmt Jeffrey Sonnenfeld teilweise zuversichtlich: "Obwohl es einige Nachzügler gibt, versuchen die führenden Schweizer Finanzinstitute UBS und Credit Suisse sowie der Industrieriese ABB, das Richtige zu tun, indem sie neue Geschäfte aussetzen, einige laufende Geschäfte und Dienstleistungen einstellen und ihren Kunden helfen, ihr Engagement in Russland zu reduzieren. Natürlich bedurfte es der Ermutigung durch Sanktionen, aber es ist ein moralischer (aber auch wirtschaftlicher) Imperativ, die Dinge zu beenden, bevor es zu spät ist.  Finanzkapital und Industrieanlagen haben einen grossen Einfluss auf die Wirtschaft, und je mehr diese Unternehmen und andere wie sie handeln, desto eher werden wir einen Wandel erleben."

Andere Unternehmen waren zurückhaltender. Zu denjenigen, die weitermachen, als wäre nichts geschehen, gehört die Ems-Chemie, die von Magdalena Martullo Blocher präsidiert wird, einer Nationalrätin der rechtskonservativen SVP. Das Unternehmen ist nicht sehr gesprächig: Es teilt uns lediglich mit, dass es zwei kleine russische Tochtergesellschaften mit jeweils etwa 30 Beschäftigten hat und dass "das Geschäft zusammengebrochen ist".

Bedeutender ist die Tätigkeit von Swiss Krono, dem Weltmarktführer in der Herstellung von Holzwerkstoffen, der in der Stadt Sharya östlich von Moskau rund 1000 Menschen beschäftigt. Das Unternehmen hat entschieden, das Werk, in dem 2021 mit dem Bau einer neuen Produktionslinie begonnen wurde, weiter zu betreiben: "Mit dem Ausbruch des Krieges haben wir alle Exporte unserer Produkte nach Russland und Weissrussland eingestellt. Nach sorgfältiger Prüfung sind wir jedoch zu dem Schluss gekommen, dass wir unser Werk in Russland bis auf weiteres weiter betreiben werden", teilte das Luzerner Unternehmen mit.

Ein weiteres Unternehmen auf der Liste der Unternehmen, die keine Änderungen vornehmen, Sika, hat auf unsere Nachricht nicht reagiert. Die in Baar ansässige Gruppe, die in der Bau- und Industriechemie tätig ist, hatte im vergangenen Jahr ein russisches Unternehmen mit Produktionsstätten in St. Petersburg und Jekaterinburg erworbenExterner Link.

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Unverzichtbare Güter?

Der Fall, der die meisten Diskussionen auslöste, war der von Nestlé. Ende März nahm der ukrainische Präsident Wolodimir Zelenski per Livestream an einer Demonstration in Bern teil, bei der er den in Vevey ansässigen und noch in Russland tätigen Lebensmittelriesen angriff. "Das Geschäft in Russland funktioniert auch dann, wenn unsere Kinder sterben und unsere Städte zerstört werden", sagte der ukrainische Präsident. Es folgte ein Plädoyer von Actares, einer Aktionärsorganisation, die sich dafür einsetzt, dass Schweizer Unternehmen in ihrem Handeln nicht nur wirtschaftliche Kriterien, sondern auch Menschenrechte und Umweltstandards berücksichtigenExterner Link.

Nestlé hat angekündigt, seine Präsenz in Russland herunterzufahren und beispielsweise die Marken KitKat und Nesquik einzustellen. Der Konzern beschäftigt in Russland mehr als 7000 Personen und verfügt über sechs Fabriken, die einen Umsatz von rund 1,7 Milliarden Franken erwirtschaften, was weniger als 2% des Gesamtumsatzes entspricht. Ein Sprecher erklärt, dass "die Aktivitäten jetzt auf die Bereitstellung von Grundnahrungsmitteln und nicht auf die Erzielung von Gewinnen ausgerichtet sind."

Eine Fabrik von Nestlé in Perm im Ural. Keystone / Sergei Rusanov

Sonnenfield reagiert mit Lächeln auf die Erklärung: "Es hat eine Weile gedauert, bis Nestlé zugestimmt hat, sich zu verkleinern und sich auf Babynahrung und Krankenhausnahrung zu beschränken.  Sie haben die Botschaft verstanden, dass Produkte wie KitKat und Nesquik nicht wirklich als lebenswichtige Lebensmittel gelten." Der Yale-Experte deutet dann auf den Zürcher Kakao- und Schokoladenproduzenten Barry Callebaut, der etwa 5% seines Umsatzes in Russland erzielt und dort rund 500 Mitarbeitende in drei Fabriken beschäftigt, wobei jene in Kaliningrad vor weniger als einem Jahr eröffnet wurde.

Barry Callebaut hat die Investitionen ausgesetzt, bestätigt aber auf unsere Fragen hin, dass weiterhin produziert werde: "Wir wollen für unsere Mitarbeitenden und unsere Kunden da sein, die die Bevölkerung mit wichtigen Lebensmitteln versorgen. Wir beliefern die russische Bevölkerung weiterhin mit Lebensmitteln, und Schokolade gehört für viele zum täglichen Speiseplan."

Was wesentlich ist zum Leben und was nicht, ist relativ. Sicher ist, dass auch die Pharmaindustrie dies Grauzone nutzt. "Unsere Kolleg:innen in Russland spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass Patient:innen in Russland weiterhin Zugang zu den lebenswichtigen Medikamenten und Diagnostika haben, die sie benötigen. Deshalb halten wir unsere Aktivitäten in Russland aufrecht, die sich darauf konzentrieren, die Patient:innen mit unseren Produkten zu versorgen", erklärt ein Sprecher von Roche. Der Konzern hat zwar keine Produktionsstätten in Russland, beschäftigt dort aber 810 Mitarbeiter:innen.

Novartis sieht das ähnlich: "Unser Ziel ist es, den Zugang zu Medikamenten für Patient:innen in allen Ländern, in denen wir tätig sind, zu gewährleisten", erklärt das Unternehmen, das in Russland 2000 Mitarbeitende beschäftigt. Novartis unterhält auch ein Werk in St. Petersburg, für das es 2010 eine Investition von 500 Millionen US-Dollar angekündigt hat. Beide Pharmariesen haben erklärt, dass sie ihre Investition zwischenzeitlich blockiert haben.

Das grosse Dilemma

Natürlich gibt es auch Unternehmen, die angekündigt haben, den russischen Markt endgültig zu verlassen. Ein Beispiel ist Holcim, das in Russland drei Zementwerke betreibt und rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Holcim hat sich entschlossen, "den Prozess des Ausstiegs aus dem russischen Markt einzuleiten, der im Einklang mit den Werten des Unternehmens steht, die darauf abzielen, so verantwortungsvoll wie möglich zu handeln", heisst es in einer Erklärung. Allerdings hat der Zementriese vor kurzem auch Indien verlassen, so dass es möglich ist, dass hinter der Entscheidung, Russland zu verlassen, eine von den jüngsten Ereignissen unabhängige Strategie zur globalen Neupositionierung steht. Die letzten Schwezer Abschiedsankündigungen kamen von der Versicherungsgruppe Zurich und der Bank Julius Bär.

Tatsache ist, dass der Entscheid zum Verlassen Russlands für die Unternehmen keine Selbstverständlichkeit ist. "Es ist sehr schwierig, strategische Entscheidungen darüber zu treffen, was jetzt zu tun ist", sagte Frank Rust, Leiter der Finanzabteilung des Zürcher Maschinenbaukonzerns Bucher Industries, gegenüber der PresseExterner Link. Wir haben unsere Produktionsstätten in Russland vor fünf Jahren gebaut, und jetzt können wir nicht viel tun, um die Situation zu ändern. Wir können sie allenfalls dann schliessen, wenn die Spannungen der westlichen Welt mit Russland zunehmen", sagte Rust zu Beginn des Krieges. Ein Sprecher des Konzerns erklärt nun, Wochen später, dass der Konzern "seine Geschäftsaktivitäten in Russland erheblich reduziert hat".

Auch ABB hat in den letzten Jahren stark in Russland investiert. Das Unternehmen beschäftigt dort 750 Mitarbeitende und erwirtschaftet zwischen einem und zwei Prozent seines Umsatzes. Nun hat es entschieden, einen Schritt zurückzutreten, wobei verschiedene Faktoren berücksichtigt werden müssten: "Nach einer sorgfältigen Einzelfallprüfung werden wir eine kleine Anzahl von bestehenden vertraglichen Verpflichtungen mit Kunden weiterhin erfüllen müssen – ohne damit gegen die verhängten Sanktionen zu verstossen", erklärt ein Sprecher.

Kurz gesagt: Es ist eine Sache, zu sagen "Wir gehen", und eine andere, sich den tatsächlichen Schwierigkeiten zu stellen. Für viele Unternehmen ist ein Verbleib in Russland mit einem grossen Imageschaden verbunden. Wie ihre Entscheidung ausfällt, ist dennoch nicht offensichtlich. "Denken Sie an das Geld und die Zeit, die investiert werden, um Marktanteile in Russland zu gewinnen", sagt Rechtsanwalt Dimitri Lavrov. Lavrov, Partner bei NexLaw in Genf, ist mit dem russischen Rohstoffhandelssektor und seiner Gesetzgebung vertraut. Er wirft noch ein weiteres Thema auf: "Ab Anfang März 2022 liegt in Russland ein Gesetzentwurf vor, der darauf abzielt, ausländische Unternehmen, die das Land verlassen, unter eine staatliche Verwaltung zu stellen sowie diese Unternehmen und ihre Vermögenswerte an den Meistbietenden zu verkaufen, wenn sie nicht zurückkehren oder sich weigern, unter staatliche Verwaltung gestellt zu werden."

Die Angst vor Enteignung

Das Gesetz ist noch nicht in Kraft, aber wie der Anwalt betont, "kann der Gesetzgebungsprozess in Russland sehr schnell ablaufen, wenn der politische Wille vorhanden ist." Nach Ansicht von Dimitri Lavrov hat die Furcht vor einer solchen Beschlagnahmung mehrere Unternehmen dazu veranlasst, eine hybride Entscheidung zu treffen: "Einerseits haben sie aus Imagegründen angekündigt, Russland zu verlassen. Andererseits zahlen sie weiterhin Personal, Steuern, Mieten und Sozialversicherungsbeiträge, um nicht enteignet zu werden und um keine Marktanteile an Unternehmen aus Ländern zu verlieren, die Russland als freundlich betrachtet, wie Indien oder China."

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) und die Schweizer Botschaft in Russland stimmen ihre Bemühungen zum Schutz der Interessen der Schweizer Unternehmen in Russland eng miteinander ab. "Im Hinblick auf die vielen Unsicherheiten und regulatorischen Massnahmen, die sich aus der aktuell schwierigen Situation ergeben, stehen die Botschaft und das SECO in engem Kontakt mit den Unternehmen in Russland", erklärt SECO-Sprecherin Livia Willi.  Seit Februar gab es rund 60 Kontakte mit interessierten Unternehmen, darunter auch solche, die sich fragten, ob sie auf dem Markt bleiben könnten. Die Entscheidung liegt jedoch nicht bei den Behörden: "Die Verwaltung kann Unterstützung anbieten, um die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse ins rechte Licht zu rücken, aber sie gibt keinen Rat, ob man auf dem Markt bleiben soll oder nicht. Es ist eine geschäftliche Entscheidung, die die Unternehmen selbst treffen", so Livia Willi.

Für Dmitri Lavrov spielen die Banken jetzt eine entscheidende Rolle: "Die Finanzinstitute haben grosse Angst vor der Rolle des globalen Gendarmen, den die USA dank der Verwendung des Dollars als Weltleitwährung spielen. In der Vergangenheit wurden gegen mehrere Bankinstitute wie BNP Paribas Sanktionen verhängt, weil sie kommerzielle oder andere Aktivitäten mit Bezug zu Ländern, die von den USA sanktioniert wurden, finanziert haben. Heute gehen die Banken sogar über die gesetzlichen Anforderungen hinaus und finanzieren keine Aktivitäten mit Russland mehr."

Für den Anwalt bringt diese Situation viele Schweizer Unternehmen in Schwierigkeiten: "Wenn sie in Russland tätig sind, riskieren sie Probleme mit den Banken, die Vergeltungsmassnahmen der USA befürchten. Aus diesem Grund haben sich viele Unternehmen, abgesehen von den offensichtlichen Erklärungen, zumindest dazu entschlossen, ihre Aktivitäten in Russland einzufrieren". Das Dilemma, was zu tun ist, bleibt also bestehen.

Der Rohstoffsektor

Im April 2017 wurde der damalige CEO von Glencore, Ivan Glasenber, von Wladimir Putin mit dem Orden der Freundschaft ausgezeichnet, einer wichtigen russischen Auszeichnung. Die Ehrung erfolgte kurz nachdem Glencore eine Beteiligung am Staatsriesen Rosneft erworben hatte. Der Ölkonzern steckte zu diesem Zeitpunkt in einer Liquiditätskrise, die unter anderem auf die nach der Invasion der Krim verhängten Sanktionen zurückzuführen war. Gemeinsam mit dem katarischen Staatsfonds erwarb der Zuger Konzern eine Beteiligung an Rosneft und sicherte sich damit einen wichtigen Zugang zur Ölförderung. Die Beteiligung wurde unterdessen mehrheitlich abgestossen.

Nach der Invasion geriet Glencore wegen seiner Aktivitäten in Russland unter starken Druck. Am 28. März schrieb der oberste Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten, Wolodimir Selenski, an den Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, Gary Nagle: "Die ukrainische Regierung ist verärgert darüber, dass Ihr Unternehmen weiterhin mit russischem Öl handelt und fossile Brennstoffe aus Russland exportiert." Zwei Tage später gab Glencore eine Erklärung ab, in der es hiess, dass das Unternehmen "keine neuen Handelsaktivitäten im Zusammenhang mit Rohstoffen russischer Herkunft" aufnehmen werde. Das Unternehmen bekräftigte jedoch, "dass es seinen rechtlichen Verpflichtungen aus bereits bestehenden Verträgen weiterhin nachkommen wird, sofern alle geltenden Sanktionen im Einklang mit unserer Sanktionspolitik eingehalten werden und es möglich und sicher ist, die Verträge zu erfüllen."

Das Unternehmen mit Sitz in Baar im Kanton Zug hält noch einige Beteiligungen: eine über 10,55% an der En+ Group, einem Aluminiumkonzern, dessen grösster Aktionär der ebenfalls in der Schweiz sanktionierte Oligarch Oleg Deripaska ist, sowie eine Restbeteiligung von 0,57% an Rosneft. Für den Rohstoffriesen gibt es "keine realistische Möglichkeit, diese Beteiligungen unter den derzeitigen Bedingungen aufzugeben."

Auch Trafigura, ein von Genf aus tätiger globaler Rohstoffhändler, hatte Rosneft zuvor bei der Finanzierung unterstützt. Im Jahr 2013 gewährte der Händler Rosneft einen finanziellen Vorschuss in Höhe von 1,5 Mrd. US-Dollar, der mit künftigen Barrel-Lieferungen kurzfristig zurückgezahlt werden sollte. Trafigura ist auch in das Vostok Oil-Projekt in der Arktis eingestiegen, über dessen Zukunft es derzeit Überlegungen anstellt: "Wir prüfen weiterhin die Optionen im Zusammenhang mit unserer passiven Beteiligung am Unternehmen Vostok Oil, an dem wir weder operativ noch als Manager beteiligt sind", erklärt ein Sprecher.

Sowohl Trafigura als auch Vitol haben angekündigt, dass sie ab Mai dieses Jahres kein russisches Öl mehr kaufen werden. Wie die Organisation Public Eye aufdeckte, waren Schweizer Unternehmen in den ersten Monaten des Konflikts am aktivsten beim Kauf von russischem Öl. Die Begründung: bestehende Verträge müssten erfüllt werden. Heute wird jedoch eine Änderung angekündigt, wobei hinter den vermittelten ethischen Motiven ein ganz praktisches Motiv stehen könnte: Die Banken haben die Finanzierung russischer Rohstoffgeschäfte eingestellt.

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