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"Kommenden Winter wird Europa kaum ohne russisches Gas auskommen"

René Bautz, Generaldirektor von Gaznat, an der Druckreduzier- und Zählstation in Cossonay im Kanton Waadt. Gaznat

Die USA wollen künftig auf fossile Energiestoffe aus Russland verzichten. René Bautz, Generaldirektor von Gaznat und Vorsitzender des Global Gas Centre, macht kein Hehl aus seinen Befürchtungen für Europa und die Schweiz.

Dieser Inhalt wurde am 15. März 2022 - 11:50 publiziert
Olivier Grivat

swissinfo.ch: In der Schweiz sind die Gaspreise seit letztem Sommer um das Zwölffache gestiegen. Haben Sie in Ihrer Karriere je einen solchen Preisanstieg erlebt?

René Bautz: Das ist ein Rekord, der noch nie erreicht wurde. Die Preise sind auf 345 Euro pro Megawattstunde (MWh) gestiegen. Durchschnittlich lagen sie vorher um die 30 Euro herum. Dennoch hat Europa immer noch genug Gas: Die Speicher sind zu 30% gefüllt. Russland liefert immer noch 250 Millionen Kubikmeter pro Tag.

Der Preisanstieg ist vor allem emotional bedingt. Es ist nicht sehr kalt, und mit dem Frühling werden die Temperaturen steigen. Unsere Prognosen zeigen, dass die Preise in diesem Sommer deutlich steigen und im nächsten Winter wieder sinken werden.

Gaznat

Die Aktiengesellschaft ist für die Versorgung und den Transport von Hochdruckgas in der Westschweiz zuständig. Das Global Gas Centre (GGC) mit Sitz in Genf ist eine gemeinnützige Organisation, die sich den Führungskräften und Fachleuten von Erdgas-Unternehmen widmet, die ihre besten Praktiken austauschen möchten.

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Wie kann man sich gegen Preissteigerungen auf den Märkten schützen?

Ab dem Frühjahr werden die Gasunternehmen ihre unterirdischen Speicher in Frankreich, Italien, Belgien, Deutschland usw. füllen. Die grössten Speicher in Europa befinden sich in unterirdischen Strukturen.

Die Reserven, die Gaznat in Frankreich erworben hat, würden es dem Unternehmen ermöglichen, sich im nächsten Winter einige Dutzend Tage teilweise selbst zu versorgen. Die Winterperiode entspricht dem fünf- bis sechsfachen des Sommerverbrauchs. Es wird also mehr in die Speicherung investiert werden müssen.

In der Schweiz werden Projekte wieder aufgenommen werden, besonders in unterirdischen Hohlräumen im Oberwallis und im Grimsel-Felsmassiv – ein 400 Millionen Schweizer Franken teures Projekt.

Aber es gibt nicht nur Gas. Die Stromerzeugung in den wichtigsten europäischen Ländern hängt auch von der russischen Kohle ab. Die gesamte Energieversorgung aus Russland ist in Frage gestellt.

Washington hat beschlossen, ganz auf fossile Energiestoffe aus Russland zu verzichten. Auch die Europäische Union hat angekündigt, dass sie ihre Abhängigkeit verringern möchte. Aber kann Europa ohne russisches Gas auskommen?

Die USA sind Gasexporteure, während der Anteil des von den Europäern importierten russischen Gases bei 40% liegt. Im Jahr 2021 wird der Anteil in der Gaznat-Zone, welche die Westschweiz umfasst, schätzungsweise 25% betragen.

Der russische Anteil ist auf der deutschsprachigen Seite höher. Fiele das russische Gas vollständig weg, wäre es eine grosse Herausforderung, die Speicher in diesem Sommer füllen zu können. Man müsste neue langfristige Verträge abschliessen, grosse Investitionen in Flüssiggas in Europa tätigen, das würde drei bis vier Jahre dauern.

Bern hat den Verband der Schweizerischen Gasindustrie gebeten, die Versorgungssicherheit erneut zu überprüfen. Es findet ein Politikwechsel statt. Es wird ein "Vorher" und ein "Nachher" geben.

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Welche Alternativen gibt es für die Versorgung?

Es gibt Nordafrika, das Kaspische Meer im Osten und die Nordsee mit der sich im Bau befindlichen Baltic-Pipe, die Norwegen über Dänemark mit Polen verbindet. Es gibt auch ein Projekt in Ägypten mit den im Mittelmeer entdeckten Vorkommen.

Es wäre auch möglich, den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) zu steigern, doch dazu sind Hafenterminals erforderlich, die das Gas bei -163°C verflüssigen können, um sein Volumen zu verringern, und es dann bei der Ankunft wieder erhitzen. Deutschland, das 49% seines Gases aus Russland importiert, hat keine solchen Terminals.

Mit welchen Preiserhöhungen muss die Schweizer Privatkundschaft rechnen?

Das hängt vom Gasversorger und seiner Politik ab, wie er mit Preiserhöhungen umgeht. Der Gaspreis umfasst das Gas an sich, den Transport, die Abgaben (Mineralöl- und CO2-Abgabe, die stark gestiegen ist) und die Mehrwertsteuer. Die Steuern machen etwa 30% aus.

Eine Lösung wäre, die Mehrwertsteuer (7,7%) vorübergehend zu senken und zudem einige Abgaben zu senken. Eine der grössten Befürchtungen ist, dass die Zahl der Konsumentinnen und Konsumenten steigen wird, die Schwierigkeiten haben, ihre Rechnungen zu bezahlen.

Auch wenn es die Schweiz noch nicht betrifft, befinden sich 100 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten in Europa in dieser Situation. Öl, Gas und Strom – alles wird gleichzeitig teurer! Wie wird die Situation im Herbst aussehen? Das kann man nicht wissen.

Ein LNG-Tanker, der verflüssigtes Erdgas (LNG) transportiert, das auf -163 °C abgekühlt wurde. Gaznat

Profitieren die Gasversorger von den steigenden Preisen?

Sie gehören grösstenteils den Stadtwerken. Jedes hat seine eigene Preispolitik. Wenn das Gas teurer wird, müssen die Erhöhungen zum Teil an die Kundschaft weitergegeben werden.

Ab einem bestimmten Preisniveau kann dies die Nachfrage verringern. Die Menschen werden mehr Energie sparen, ihre Häuser besser isolieren oder auf Alternativen umsteigen. Das birgt jedoch Risiken, speziell einen Strom-Blackout.

Gas hat auf der Agenda des Bundesrats einen höheren Stellenwert eingenommen.

Bern prüft den Bau von drei gasbetriebenen Spitzenlast-Kraftwerken, für die acht potenzielle Standorte in der Westschweiz in Frage kommen. Am Ende werden zwei bis drei Kraftwerkprojekte ausgewählt, wobei die Verteilung zwischen der Romandie und der Deutschschweiz erfolgt.

Sie sollten sich möglichst in der Nähe einer Gaspipeline und einer Schaltstation in bestehenden Industriegebieten befinden. [Die thermische Anlage von Chavalon im Walliser Chablais könnte somit reaktiviert werden; Anm. d. Red.] Auch die Verwaltungsverfahren müssen verkürzt werden. Die Verwaltungsfristen sind systematisch gestiegen.

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Wird der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe bis 2050, wie es die Regierung anstrebt, noch möglich sein?

Beim Gas ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, auch wenn es immer wieder in Frage gestellt wird. Langfristig müssen wir aus den fossilen Energien schrittweise aussteigen und die erneuerbaren Energien sowie die Biomasse auf Pflanzenbasis ausbauen. Letztere stellt in der Schweiz ein noch ungenutztes Potenzial dar.

Alles zu elektrifizieren ist nicht möglich und wäre zu teuer. Es ist besser, sich auf einen Energiemix zu stützen. Dazu braucht man Zeit und ausreichende Mittel. Und eine proaktive Politik, um den einheimischen Anteil zu erhöhen: Wasserkraft, Solarenergie, Windkraft, aber auch synthetisches Gas und Biogas.

(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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