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Schon zwei Drittel der Studierenden "Bologna-reformiert"

Bologna brachte weniger mobile Studenten als erwartet. Keystone

Vor acht Jahren wurde die Erklärung von Bologna unterzeichnet. Heute steht die Schweiz als gute Schülerin da: Zwei Drittel aller Hochschüler studieren unter dem neuen Universitätssystem.

Dieser Inhalt wurde am 04. Juni 2007 - 10:54 publiziert

Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (vss) allerdings ist enttäuscht. Insbesondere die Versprechen in Bezug auf die Mobilität seien nicht eingehalten worden.

An den Schweizer Universitäten absolvieren heute über 60% der Studierenden ein Studium nach dem Bologna-System. Damit ist die Schweiz im internationalen Vergleich "sehr weit", erklärt Susanne Obermayer. Sie ist bei der Rektorenkonferenz der Schweizerischen Universitäten (CRUS) verantwortlich für die Koordination des Bologna-Prozesses.

Bis 2010 sind alle Schweizer Hochschulen auf dem neusten Stand, fügt sie bei. Dies ist die Frist, welche für die Umsetzung des vereinheitlichten europäischen Hochschul- und Forschungsraums gesetzt ist. Die letzten unter dem alten System immatrikulierten Studierenden dürften ihre Ausbildung 2011 abgeschlossen haben.

An der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) ist die Reform bereits abgeschlossen. Sie hat das neue System 2003 in einem einzigen Schritt eingeführt. Die ETH Zürich ist laut Obermayer "weit fortgeschritten".

Auch die sieben Schweizer Fachhochschulen (FH) bieten seit 2005 Lehrgänge im Bologna-System an. Heute absolvieren 50% bis 60% der Fachhochschüler Lehrgänge in den zwei Etappen Bachelor/Master.

Medizin im Rückstand

Am unterschiedlichsten ist die Situation an den Universitäten. In St. Gallen und im Tessin sind heute alle Studiengänge nach dem neuen System aufgebaut. In Zürich dagegen, wo wegen der Grösse der Alma Mater längere Vorbereitungsarbeiten nötig waren, studiert erst ein Viertel nach dem neuen System.

An den anderen Unis – Lausanne, Genf, Freiburg, Neuenburg, Basel und Bern – sind es ungefähr zwei Drittel. Überall gilt daneben noch das alte System.

Insgesamt standen den Universitäten zur Einführung von der Bologna-Reform 32 Mio. Franken zur Verfügung. Die Medizin ist am stärksten im Rückstand, wie CRUS-Generalsekretär Nivardo Ischi sagt.

"Übergang gelungen"

Die Reform in der Schweiz sei aber insgesamt ein Erfolg, findet Ischi. Nicht nur wurde der Unterricht an den Universitäten dynamischer, das akademische System wurde auch transparenter.

Auch Susanne Obermayer ist der Meinung, dass der Übergang zum Bologna-System in der Schweiz gelungen ist. Allerdings sei bei gewissen Versprechen noch unklar, ob sie eingehalten wurden, beispielsweise die viel gerühmte Mobilität der Studierenden.

Faktor Kosten

Viel kritischer sieht es der vss. "Erste Untersuchungen zeigen, dass die Mobilität seit der Einführung von Bologna sogar rückläufig ist", betont Co-Präsidentin Deborah Ummel.

Zahlen belegen dies: 2004 absolvierten nur knapp ein Viertel der Studierenden ein Semester oder Jahr im Ausland. Das Hauptproblem sind die Kosten, wie eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik (BFS) von 2005 ergab.

Es sind auch die Kosten, die laut Ummel einen Teil der Studierenden davon abhalten, nach dem Bachelor noch den Master zu machen. Denn wegen der Verdichtung der Lehrgänge ist es schwieriger geworden, neben dem Studium einem Verdienst nachzugehen. Gleichzeitig gehen aber die Finanzhilfen eher zurück.

Laut dem BFS gewährten die Schweizer Kantone 2005 Stipendien und Kredite von 306 Mio. Franken, wobei der Betrag stagniert. Unter Berücksichtigung der Teuerung ging er in den letzten Jahren gar um knapp 10% zurück.

Vermarktung des Wissens

CRUS-Generalsekretär Nivardo Ischi ortet noch ein weiteres Problem: Die zunehmende Zahl der Studierenden führt in einigen Branchen zu Schwierigkeiten bei der Betreuung, namentlich in den Bereichen Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Psychologie.

Ebenfalls problematisch ist die so genannte Jagd nach Leistungspunkten, die es je nach besuchter Lehrveranstaltung gibt. Sie führt dazu, dass diejenigen Veranstaltungen besser belegt sind, die viele solcher Leistungspunkte einbringen. Das löst bei den Professoren eine gewisse Bitterkeit aus. Einige klagen, dass sich die Studierenden immer "konsumorientierter" verhalten.

Acht Jahre nach der Unterzeichnung der Erklärung von Bologna spricht der vss laut Ummel von einer "grossen Enttäuschung" und von "Kollateralauswirkungen, die zu verhindern gewesen wären, wenn man langsamer vorgegangen wäre." CRUS und Schweizerische Universitätskonferenz sind zuversichtlich, räumen aber ein, dass Verbesserungen möglich sind.

swissinfo, Carole Wälti
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

In Kürze

Die Erklärung von Bologna wurde 1999 von 29 Ländern unterzeichnet. Bis heute sind ihr 46 Staaten beigetreten.

Sie sieht die Schaffung eines einheitlichen europäischen Bildungs- und Forschungsraumes bis 2010 vor. 2003 wurden Massnahmen zur Beschleunigung des Prozesses beschlossen.

Die Einführung einer Studienstruktur auf drei Stufen (Bachelor, Master und Doktorat) und eines Kreditpunktesystems (ECTS) zur Evaluierung des Erreichten sind die Hauptpunkte der Reform.

In der Schweiz setzen die zehn Universitäten, die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) und die sieben Fachhochschulen (FH) die Reform um.

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VIERTE NACHFOLGEKONFERENZ

Die Umsetzung des Bologna-Prozesses auf europäischer Ebene wird regelmässig an Nachfolgekonferenzen überprüft, an denen alle Bildungsminister teilnehmen.

Die vierte Nachfolgekonferenz fand am 17. und 18. Mai in London statt. Die Schweiz wurde von Charles Kleiber, Staatssekretär für Bildung und Forschung, vertreten.

Dabei beschlossen die Bildungsminister, der Organisation der Studien, der Qualität sowie der Anerkennung der Studienzeiten und der Diplome Priorität einzuräumen.

Die Schweiz rief dazu auf, die von akademischen Kreisen gegenüber Bologna vorgebrachten Kritiken ernst zu nehmen. Sie wird den Fortschritt der Reform überprüfen und die Mitgliedsländer über ihre Schlussfolgerungen informieren.

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