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Russland, Land der Träume und Albträume

Café Dominique in St. Petersburg um 1910, eröffnet von einem Bündner. Desertina Verlag

El Dorado für Auswanderer, Reich des Bösen, lockender Markt: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland waren von Zwiespalt geprägt.

Dieser Inhalt wurde am 14. Februar 2006 - 13:27 publiziert

Im Gespräch mit swissinfo schlägt der Schweizer Historiker Hans-Ulrich Jost den Bogen über die letzten vier Jahrhunderte.

Bis 1918 hatten rund 60'000 Menschen aus der Schweiz ihr Glück in Russland gesucht – und oftmals auch gefunden. Mit der Revolution der Bolschewisten wurde alles anders: Die Sowjetunion wurde zum Feind Nummer 1.

Das Gespenst des Kommunismus sei unterschwellig noch nicht ganz getilgt, so Hans-Ulrich Jost im Gespräch mit swissinfo. Jost gehört zu den namhaftesten Historikern der Schweiz und war bis 2005 Professor an der Universität Lausanne.

swissinfo: Russland war bis im 19. Jahrhundert ein beliebtes Auswanderungsland, weshalb?

Hans-Ulrich Jost: Russland galt quasi als El Dorado, das Kalifornien Europas, wo man schnell relativ viel verdienen konnte. Als Russland im 19. Jahrhundert seine Modernisierung begann, haben Schweizer Industrielle, Techniker und Spezialisten für die Landwirtschaft beim wirtschaftlichen Aufbau mitgewirkt. Einzelne Unternehmer kehrten nach zehn Jahren als Millionäre zurück.

swissinfo: Ausgeprägt waren auch die kulturellen Beziehungen: Schweizer Baumeister und Erzieher waren in Russland tätig. Wieso gerade Schweizer?

H.-U.J.: Insbesondere im 18. Jahrhundert versuchte Russland, wissenschaftlich und kulturell Anschluss an den Westen zu finden. Da waren Schweizer Gelehrte, beispielsweise Mathematiker, aber auch Schweizer Lehrpersonal, bei aufgeschlossenen russischen Adligen gefragt. An der Akademie in St. Petersburg waren sogar Schweizer Gelehrte tätig.

swissinfo: Im Ersten Weltkrieg wurde die Sowjetmission in Bern aus der Schweiz weggewiesen. Was führte zu diesem drastischen Schritt?

H.-U.J.: Ende des Ersten Weltkrieges fand die russische Revolution statt, und mit den Bolschewisten an der Macht galt Russland nicht mehr als befreundetes Land. Eine russische Mission in Bern – ohne offiziellen Status - wurde Ende des Krieges ausgewiesen, weil sie beschuldigt wurde, in der Schweiz zusammen mit linksradikalen Kräften die Revolution geschürt zu haben. Dafür hat es aber nie Beweise gegeben.

Das Fehlen diplomatischer Beziehungen war ein Handicap, denn trotz des virulenten Antikommunismus und Antibolschewismus waren Schweizer Wirtschaftskreise daran interessiert, die russischen Märkte zu erschliessen.

Während des Zweiten Weltkrieges stand die Schweiz vor dem Abschluss eines Wirtschaftsabkommens. Nach Hitlers Angriff auf Russland 1941 wurde aber jede Beziehung zum Sowjetregime abgebrochen.

Das führte zu einer der grossen Krisen in der Schweizer Geschichte: Als sich der Sieg der Allierten, zu denen auch Russland gehörte, abzeichnete, versuchte sich der Schweizer Aussenminister Pilet-Golaz in nicht sehr delikater Weise Russland anzunähern.

Stalin aber erteilte ihm eine sehr barsche Abfuhr. Erst nach schwierigen Verhandlungen konnten die diplomatischen Beziehungen 1946 eingeführt werden.

swissinfo: Kalter Krieg hiess in der Schweiz vor allem Brandmarkung des Kommunismus. Vorab aus innenpolitischen Motiven, um alle linken Aktivisten im eigenen Land zu bespitzeln und zu verfolgen?

H.-U.J.: Der Antikommunismus ist eines der wesentlichen politischen Motive der bürgerlichen Parteien des 20. Jahrhunderts. Er diente zur Festigung des inneren Zusammenhalts. Gleichzeitig wurde die schweizerische Linke mit dem Vorwurf an die Wand gedrückt, bolschewistisch zu sein. Antikommunismus zählte schliesslich zu einer Art übergeordneter Wertvorstellung der Schweiz.

Trotzdem hätte die Schweiz gerne mit Russland Handel getrieben, weil dort wie im 18. und 19. Jahrhundert grosse Märkte zu erobern gewesen wären. Das führte zu einer Art Schizophrenie in der Schweizer Haltung: Einerseits erklärte man sich neutral, andererseits war man virulent antikommunistisch, hoffte aber gleichzeitig, mit diesem bösen Feind Handel treiben zu können.

Diese sehr zwiespältige Situation wurde auch nach dem Fall der Berliner Mauer am Ende des 20. Jahrhunderts noch nie richtig aufgearbeitet und mental bereinigt.

swissinfo: Ist der Kalte Krieg in den Schweizer Köpfen noch nicht zu Ende?

H.-U.J.: Ich würde sagen, dass der Kalte Krieg in den Köpfen noch nicht intellektuell verarbeitet ist. Angesichts der linken Kräfte gibt es noch immer irgendwo diesen unterschwelligen Gedanken vom Reich des Bösen, trotz des Untergangs der Sowjetunion.

swissinfo-Interview: Renat Künzi

In Kürze

Zu kaum einem anderen Land waren die Beziehungen der Schweiz so spannungsgeladen wie zu Russland.

Im 18. Jahrhundert waren Schweizer Baumeister, Gelehrte und Erzieher in Russland sehr gefragt.

Im 19. Jahrhundert wurde Russland für Schweizer Auswanderer zum El Dorado.

Nach der bolschewistischen Revolution 1917/1918 wurde Russland zum Feindesland. Der Abbruch aller diplomatischer Kontakte wirkte sich auch für die Schweizer Wirtschaft negativ aus.

Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen erfolgte 1946.

Widersprüchlich war die Haltung der Schweiz im Kalten Krieg: Kommunismus war das Feindbild, gleichzeitig wollte die Schweizer Wirtschaft auf den russischen Markt.

Im Januar 2006 vereinbarte die Schweiz und Russland Gespräche über ein Freihandels-Abkommen.

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Fakten

Vor 190 Jahren eröffnete die Schweiz in St. Petersburg ihre erstes Konsulat.
Vor 100 Jahren eröffnete die Schweiz dort ihre erste offizielle Botschaft.
Vor 60 Jahren nahmen die beiden Länder nach 28-jährigem Unterbruch wieder diplomatische Beziehungen auf.
Im Jubiläumsjahr gibt es in beiden Ländern 60 Projekte und über 100 Anlässe.
Die Koordination liegt bei Präsenz Schweiz, der Promotions-Agentur für die Schweiz im Ausland.
Ende 2005 lebten 576 Schweizerinnen und Schweizer in Russland.

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