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Was Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine für die Schweizer Energiepolitik bedeutet 

Rund die Hälfte des in der Schweiz verbrauchten Erdgases stammt aus Russland. Die Schweizer Versorger beziehen es hauptsächlich aus der EU, zum Beispiel aus Deutschland und Frankreich. Keystone / Maxim Shipenkov

Der Angriffskrieg Russlands gegen die souveräne Ukraine zwingt viele Staaten, ihre Energiepolitik zu aufzustellen. Auch die Schweiz muss sich neu orientieren.

Dieser Inhalt wurde am 24. März 2022 - 14:00 publiziert
Olivia Chang

Als weltgrösster Exporteur von Öl und Gas ist Russland ein wichtiger Teil des globalen Energieversorgungssystems. Die Invasion in der Ukraine und die darauffolgenden Sanktionen werden dieses System grundlegend verändern.

Die USA kündigten an, Ölimporte aus Russland zu verbieten, die Europäische Kommission plant, die Abhängigkeit der EU von russischem Gas um zwei Drittel zu reduzieren, und auch die Schweiz muss über die Bücher.

"Russland ist für die Schweiz und auch das restliche Europa ein wichtiger Lieferant von Erdgas und Uran", sagt Aya Kachi, Professorin für Energiepolitik an der Universität Basel. "Der Einmarsch in der Ukraine und die Art und Weise, wie der Rest der Welt, einschliesslich der Schweiz, mit Sanktionen reagiert hat, werden die Energieversorgung durcheinanderbringen."

Die Pipelines für Erdgas nach Europa (Grafik in Englisch):

Kai Reusser / swissinfo.ch

Gas macht rund 15 Prozent des Endenergieverbrauchs in der Schweiz aus und wird hauptsächlich zum Heizen und Kochen verwendet. Rund die Hälfte davon stammt aus Russland, obwohl es keine direkten vertraglichen Beziehungen zu russischen Unternehmen gibt. Die Schweizer Versorger beziehen ihr Gas hauptsächlich aus EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich. 

Um sich auf die kommenden Winter vorzubereiten, will der Bundesrat seine Bemühungen um die Beschaffung von Gas und Speicherkapazitäten sowie die Einfuhr von Flüssigerdgas (LNG) verstärken – dies gab er Anfang Monat bekannt. Die Regierung verzichtet zudem auf kartellrechtliche Bestimmungen, damit die Gasunternehmen Vereinbarungen über die Speicherung und Versorgung treffen können.

Der Bundesrat erklärte zwar, dass die Gasversorgung in diesem Winter gesichert sei, doch warnte er zugleich vor einem "Restrisiko" von Engpässen. Die Schweiz verfügt derzeit weder über grosse Speicherkapazitäten für Erdgas noch über eigene Gasreserven. Das bedeutet, dass jede grössere Unterbrechung – etwa, wenn Russland die Gaslieferungen nach Europa unterbricht – die Staaten dazu zwingen würde, ihren Verbrauch zu reduzieren.

"Es müssen starke und konzertierte Anstrengungen unternommen werden, um sicherzustellen, dass genügend Energie sowohl für die Haushalte als auch für die Industrie zur Verfügung steht", sagt Beat Ruff von Economiesuisse. Er ist stellvertretender Leiter des Bereichs Infrastruktur, Energie und Umwelt beim Schweizer Wirtschaftsdachverband.

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Energieversorgung im Wandel

Gas, das in der Schweiz nur einen kleinen Teil der Energieversorgung ausmacht, ist aber nur ein Teil des Problems. Die Schweiz arbeitet derzeit an einem ehrgeizigen Plan für die Energiewende, der Energiestrategie 2050, die durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 angestossen wurde. Hauptziele dieser Strategie sind die Aufrechterhaltung einer sicheren Energieversorgung, der Ausstieg aus der Atomenergie und die Reduzierung der Treibhausgasemissionen. 

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Der anhaltende Krieg in der Ukraine zwingt die Schweiz, sich nun schneller und intensiver mit längerfristigen Energiefragen auseinanderzusetzen.

"Die Notwendigkeit, die Versorgungssicherheit zu erhöhen, ist noch dringlicher geworden", sagt Patrick Dümmler, Senior Fellow der Denkfabrik Avenir Suisse. "Angesichts der Notwendigkeit, fossile Energieträger in den Bereichen Mobilität und Heizung zu ersetzen, müssen wir neue Kapazitäten für die Stromerzeugung aufbauen." 

Diese Dringlichkeit wurde vergangene Woche bei einer Debatte im Nationalrat als Reaktion auf den aktuellen Krieg unterstrichen. "Wir müssen die erneuerbaren Energien mit aller Kraft ausbauen und auch die Energieverschwendung eindämmen", sagte Energieministerin Simonetta Sommaruga.

Das "Trilemma" der Schweiz

Kurzfristig bedeutet dies, dass die Schweiz ihre Speicherkapazitäten aufstocken, ihren Energiemix vergrössern und ein vielfältiges Lieferantenportfolio aufbauen muss. Dazu könnten der Ausbau der Wasserkraft und die Substitution von russischem Gas durch LNG aus den USA gehören, sagt Dümmler.

Für die Schweiz als Binnenland stellt der Zugang zu LNG aber eine Herausforderung dar. Erdgas wird verflüssigt, um sein Volumen um etwa das 600-fache zu reduzieren, damit es mit Tankschiffen transportiert werden kann. Durch Erhitzen wird das Gas wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückgebracht, danach kann es ins Pipelinenetz eingespeist werden. Doch wie Reuters kürzlich berichtete, stossen die dafür benötigten Hafenterminals in Europa bereits an ihre Grenzen. 

Langfristig wäre eine Option, die Produktion von erneuerbarem Biogas, das aus organischen Abfällen wie Gülle oder Lebensmittelresten gewonnen wird, zu steigern. So könnte die gesamte Gasversorgung auf erneuerbare und klimaneutrale Energie umgestellt werden.

Experten sind sich einig, dass jedes Szenario ein gewisses Mass an Importabhängigkeit beinhaltet, da eine vollständige Energie-Autonomie für die Schweiz zu kostspielig wäre. Nach Angaben der Schweizerischen Energie-Stiftung ist die Schweiz bei ihrem Endenergieverbrauch bereits zu 74,6 Prozent von anderen Staaten abhängig.

Dieser Anteil hat sich seit 2001 nur um etwa 5 Prozent verringert. Diese Zahl könnte weiter sinken, wenn die Schweiz ihre Energiestrategie 2050 konsequent umsetzt und im Inland in umweltfreundlichere Energiequellen investiert. Eine Abhängigkeit wird aber immer bestehen bleiben. 

Der Knackpunkt ist die Balance zwischen Energiesicherheit, Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit, die für die Schweiz schon lange ein "Trilemma" darstellt. Philipp Thaler, Dozent für Energie-Governance an der Universität St. Gallen, spricht von der "unmöglichen Energie-Trinität". "In dieser Gleichung gibt es immer ein Ziel zu viel", sagt er. Seiner Ansicht nach müsste die Schweiz Kompromisse in Kauf nehmen, wie etwa den Verlust der Energiesouveränität oder Abstriche bei der Nachhaltigkeit. 

Kachi ist der Meinung, dass ein Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Nachhaltigkeit nur durch die gleichzeitige Abwägung verschiedener Energieoptionen erreicht werden kann. "Wenn die Regierung beispielsweise neue Gaskraftwerke vorschlägt, müssen deren ökologische und geopolitische Risiken auch mit denen der Kernkraft, der Wasserkraft und der neuen erneuerbaren Energien verglichen werden. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die bisher nicht gut bewältigt worden ist."

Alle Augen auf die EU

Letztlich hängt die Sicherung der Energieversorgung in der Schweiz von der Zusammenarbeit mit Europa ab. Alle Energieimporte der Schweiz sind von der europäischen Infrastruktur abhängig: Speziell von Strassen und Gas- und Ölpipelines.

"Da alle Brennstoffimporte über europäische Wege laufen, ist eine gute Koordination mit der EU fundamental", sagt Hannes Weigt, Professor für Energiewirtschaft an der Universität Basel. "Letztendlich werden die Optionen der Schweiz von den Beschlüssen der EU vorgegeben. Dort wird derzeit viel darüber diskutiert, wie die Versorgungssituation verbessert werden kann."

Russland noch immer der grösste Exporteur von Erdöl, Erdgas und Kohle in die EU: Die Staatengemeinschaft importiert rund 40 Prozent ihres Gases und 25 Prozent des Rohöls aus dem Land. Diese Abhängigkeit hat Europa davon abgehalten, russische Energieimporte vollständig zu verbieten, so wie es die USA und Grossbritannien getan haben. Dennoch unternimmt die EU Schritte, um die LNG-Lieferungen zu erhöhen und die Einführung von erneuerbaren Gasen zu beschleunigen. 

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Die Art und Weise, wie die Schweiz mit ihren Nachbarn umgeht, könnte sich für das Binnenland als entscheidend erweisen. "Die Schweiz ist ein kleines Land im Herzen Europas, das weder Mitglied der EU noch Mitglied von Energieabkommen mit seinen Nachbarn ist", sagt Philipp Thaler. "Was passiert, wenn es zu einer Strom- oder Gasknappheit kommt? Würden die Nachbarn zuerst die Lieferungen an die Schweiz kürzen?"

Im Jahr 2021 hat die Schweiz die Verhandlungen über ein Rahmenabkommen mit der EU abgebrochen und damit die Aussicht auf ein kurz- bis mittelfristiges Stromabkommen zunichte gemacht. Das bedeutet, dass sie derzeit von jeglichen Solidaritätsabkommen für gegenseitige Versorgung mit Gas in Notfällen ausgeschlossen ist. Angesichts des Scheiterns früherer Verhandlungen fragt sich Kachi, ob es für die Schweiz noch möglich ist, "eine Zusammenarbeit zu erreichen oder die notwendige Unterstützung durch die EU zu erhalten, wenn in Zukunft eine multilaterale Verhandlung über die Ressourcenversorgung erforderlich wird".

Preise steigen weiter

Das geopolitische Klima und die anhaltende Unsicherheit führen zu einem weltweiten Anstieg der Energiepreise. Vergangene Woche (16. März), lag der Preis für Rohöl der Sorte Brent bei 99 US-Dollar pro Barrel, nachdem er in der Vorwoche fast 130 US-Dollar erreicht hatte.

"Mittelfristig werden wir eine Reaktion auf den Märkten sehen: Die Nachfrage wird angesichts der höheren Preise zurückgehen, die Verbraucher werden auf fossilfreie Technologien umsteigen und die Importe aus nicht-russischen Quellen werden zunehmen", sagt Patrick Dümmler. Er ergänzt, dass die Auswirkungen auf die Inflation geringer sein werden, da "ein steigender Franken den Preisanstieg der importierten Energieträger dämpft". Der Franken hat vor kurzem die Parität zum Euro erreicht und ist jetzt 0,97 Euro wert. 

Dennoch spüren die Haushalte die Auswirkungen. Laut offizieller Statistik ist der Preis für Heizöl im Februar um 8,5 Prozent gestiegen, was einem Anstieg von über 48 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitpunkt des Vorjahres entspricht. Und auch die Kosten für Benzin haben sich allein von Januar bis Februar dieses Jahres um 5,3 Prozent verteuert. 

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