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"Ein erster Schritt, das Aussterben der Arten zu verhindern"

Der Komodowaran kämpft um sein Überleben: In der letzten Aktualisierung der Roten Liste der IUCN wurde er von "gefährdet" auf "verletzbar" herabgestuft. Andrey Gudkov / Biosphoto

Die Internationalen Weltnaturschutz-Union IUCNExterner Link mit Sitz in der Schweiz hat soeben ein neues Instrument zur Rettung gefährdeter Pflanzen- und Tierarten vorgestellt, die so genannte Liste des "Grünen Status der Arten". SWI swissinfo.ch hat eine Wissenschaftlerin interviewt, welche an der Entwicklung dieses Instruments massgeblich beteiligt war.

Dieser Inhalt wurde am 10. September 2021 - 16:00 publiziert

28 Prozent der von der IUCN untersuchten Arten – 38’543 von 138’374 - sind vom Aussterben bedroht. Dies geht aus der aktualisierten Roten Liste hervor, die auf dem gerade stattfindenden Weltnaturkongress in Marseille veröffentlicht wurde.  Die internationale Naturschutzorganisation IUCN mit Sitz in der Schweizer Gemeinde Gland (Kanton Waadt) hat bei diesem Kongress auch den "grünen Status" präsentiert, ein neues Instrument zur Bewertung der Auswirkungen von Programmen, welche die Wiederbelebung oder Erhaltung von bedrohten Arten zum Ziel haben.

Eigentlich kennt die Weltnaturschutz-Union schon eine "Grüne Liste". Diese enthält Informationen über Naturschutzregionen. Deswegen heisst die neue Liste zu den Tierarten offiziell nicht "Grüne Liste", sondern "Grüner Status der Arten".  Auf dieser Status-Liste ist verzeichnet, ob Tier- und Pflanzenarten, die gerade vom Aussterben bedroht sind, gerettet werden könnten.

"Daran haben wir 10 Jahre lang gearbeitet", sagt Molly GraceExterner Link, Wissenschaftlerin an der Universität Oxford und Koordinatorin der Gruppe, welche die "Grüne Status-Liste" mitentwickelt hat.

SWI swissinfo.ch: Frau Grace, viele Menschen haben schon von der Roten Liste der bedrohten Tierarten gehört. Jetzt hat die IUCN den "grünen Status" eingeführt. Was ist der Unterschied?

Molly Grace: Die Rote Liste dokumentiert das Aussterberisiko einer Art. Es ist ein grundlegendes Instrument, um beurteilen zu können, für welche Arten Schutzmassnahmen erforderlich sind. Ein Aussterben von Arten zu verhindern, ist jedoch nur ein erster Schritt. Letztendlich soll eine Art gerettet werden, sich erholen und gedeihen, damit sie ihre ökologische Funktion in ihrem jeweiligen Lebensraum erfüllen kann.

Molly Grace Università di Oxford

Dank des "Grünen Status" können wir die Auswirkungen bereits eingeleiteter und künftiger Erhaltungsprogramme sowie den Grad der Gesundung einer Art bewerten. Es handelt sich folglich um eine Ergänzung zur Roten Liste, welche eine optimistische Perspektive in Bezug auf die Bemühungen zum Erhalt der Arten bietet.

Wie funktioniert dieses neue Werkzeug?

Der Art wird eine Punktzahl von 0 bis 100 zugewiesen, die die Grösse und Verteilung der aktuellen Population aufzeigt. Null bedeutet, dass die Art ausgestorben ist, 100 bedeutet, dass sie sich vollständig erholt hat. Bislang haben wir 181 Arten bewertet. Insgesamt sind es aber etwa 160’000. Es liegt also noch eine Menge Arbeit vor uns.

Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen, wie der grüne Status eingesetzt werden kann?

Der Kalifornische Kondor wird in der Roten Liste der IUCN als "stark gefährdet" eingestuft. Die Bewertung des grünen Status hat jedoch gezeigt, dass durch die Fortsetzung der Erhaltungsprogramme eine starke Erholung der Art möglich ist und 75 Prozent der vollständigen Erhaltung erreicht werden kann.

Interessant ist auch der Fall des Grossen Pandas. In der aktualisierten Roten Liste wurde diese Art von "gefährdet" auf "verletzbar" runter gestuft. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Bemühungen zu einem Erhalt der Spezies nicht mehr als prioritär angesehen werden, wenn sich der Zustand verbessert. Dank eines Instruments wie der Grünen Charta können wir Erfolge beurteilten, gleichzeitig aber auch warnen, dass sich die Situation wieder dramatisch verschlechtern könnte, wenn wir unsere Bemühungen nicht fortsetzen.

Der Panda ist nicht mehr vom Aussterben bedroht. Keystone / Remko De Waal

Kann das Grüne Statut auch zur Erhaltung der in der Schweiz gefährdeten Arten beitragen?

Gewiss. Eine von uns untersuchte Art, die auch in der Schweiz vorkommt, ist der Grauwolf. Obwohl er auf der Roten Liste zu den Arten gehört, welche kaum Anlass zu Sorge geben, haben wir ihm den grünen Status "weitgehend dezimiert" gegeben: Unsere Analyse hat gezeigt, dass es ohne Schutzmassnahmen immer weniger Grauwölfe in der Schweiz und in Europa geben wird.

28 von 100 Arten bedroht

Mehr als 38’500 Arten sind vom Aussterben bedroht. Das sind 28% der fast 140’000 von der Weltnaturschutzorganisation berücksichtigten Arten. Zu den bedrohten Arten gehören 26% der Säugetiere, 41% der Amphibien, 14% der Vögel, 33% der Korallen und 34% rozent der Nadelbäume.

Zu den Arten, bei denen sich die Situation verschlechtert hat, gehört der Komodo-Waran, die grösste Eidechse der Welt. Auch Haie und Rochen sind aufgrund der intensiven Fischerei und der globalen Erwärmung im Rückgang begriffen: Der Anteil der bedrohten Arten liegt jetzt bei 37% , verglichen mit 24% im Jahr 2014.

Im Gegensatz dazu verbessert sich laut IUCN der Zustand von vier kommerziell gefangenen Thunfischarten.

In der Schweiz sind fast 60% der über tausend Insektenarten bedroht oder potenziell bedroht, wie der erste umfassende Bericht über den Zustand der Insekten in der Eidgenossenschaft aufzeigt.

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Welche Artenschutz-Programme waren bisher am erfolgreichsten?

Ein gutes Beispiel ist die Gelbschenkellibelle (Stylurus flavipes), ein Insekt, das sauberes Wasser benötigt. Aufgrund der Verschmutzung von Flüssen und Gewässern war ein starker Rückgang der Art zu verzeichnen.

Dank wirksamer Vorschriften, die in den letzten Jahrzehnten in der Europäischen Union erlassen wurden, konnte die Wasserqualität jedoch verbessert werden. Das hatte positive Folgen: Die Gelbschenkellibelle gilt heute als eine vollständig wiederhergestellte Art.

Es ist allgemein bekannt, dass Arten wie der Tiger, das Sumatra-Nashorn oder der asiatische Elefant vom Aussterben bedroht sind. Welche anderen Arten sind ebenfalls bedroht, auch wenn ihr Verschwinden kaum zur Kenntnis genommen wird?

Eine gefährdete Gruppe bilden die Pilze, an die wahrscheinlich kaum je gedacht wird. Dennoch spielen sie eine entscheidende Rolle bei der Zersetzung und dem Nährstoffkreislauf. Zu den bedrohten Tierarten gehört der Darwin-Frosch (Rhinoderma darwinii), der Owston-Palmenzibet (Chrotogale owstoni) und die Steppenantilope (Saiga tatarica), die wegen ihrer Hörner gejagt wird.

Selbst wenn die Menschen noch nie etwas von diesen Arten gehört haben, können wir nicht wegschauen. Jede Art spielt ihre eigene Rolle, um das wichtige Gleichwicht der Ökosysteme zu garantieren.

(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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