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Religionen-Unterricht statt Katechismus

Das Kruzifix im Klassenzimmer wird immer seltener. Keystone

Immer mehr Schweizer Schulen versuchen, durch einen nichtkonfessionellen Religionsunterricht Wissen auf religiösem Gebiet zu vermitteln.

Dieser Inhalt wurde am 24. Dezember 2005 - 10:05 publiziert

Diese Tendenz zeigt sich auch im Kanton Obwalden, der 2005 "Religion und Ethik" in seinen Lehrplan aufgenommen hat. Statt Katecheten haben die Klassenlehrer das Wort.

Die Schweizer Verfassung garantiert die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Daher kann niemand dazu verpflichtet werden, am Religionsunterricht in der Schule teilzunehmen - zumindest dann, wenn die Unterweisung in Religionsfragen den Kirchen anvertraut ist.

Allerdings variiert das System in der föderalistischen Schweiz von Kanton zu Kanton. "In Bezug auf den Religionsunterricht gleicht die Schweiz einem Flickenteppich", sagt Ralph Kunz, Professor für praktische Theologie an der Universität Zürich, gegenüber swissinfo.

Es gibt – etwas vereinfacht gesagt – eine Trennung zwischen Osten und Westen. Im Osten befinden sich die Kantone, die stets mit den anerkannten Kirchen im Land kooperiert haben – der katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche.

Diese Kantone stellen die Infrastruktur in den staatlichen Schulen zur Verfügung und integrieren den Religionsunterricht in den normalen Stundenplan. Im Westen des Landes ist die Trennung von Staat und Kirche nach französischem Vorbild prägend. Der Religionsunterricht findet ausserhalb der Schule statt.

Wissen statt Indoktrination

Der Religionsunterricht stammt aus einer Zeit, in der fast alle Schülerinnen und Schüler einer der beiden grossen christlichen Kirchen angehörten. Doch das war einmal. Inzwischen hat sich die Gesellschaft säkularisiert, und die Immigration hat die religiöse Landschaft erweitert.

Doch mit der Säkularisierung verschwindet das Wissen um Religionen; und es bilden sich häufig Vorurteile. Diesem Trend wollen viele Kantone durch die Einführung eines nichtkonfessionellen Religionsunterrichts entgegen wirken. Religiöses Wissen statt "religiöser Indoktrination" lautet die Devise.

Der Kanton Bern hat diesen Weg bereits vor zehn Jahren eingeschlagen. Aber selbst in der traditionell katholischen Zentralschweiz geht es in diese Richtung. Der Kanton Obwalden hat einen entsprechenden Lehrplan in diesem Jahr in den Primarschulen in Kraft gesetzt.

"Religion als Pflichtfach verlangt eine neutrale Herangehensweise durch den Lehrer", sagt Professor Kunz. "Dies gilt im übrigen nicht nur für Religion. Auch im politischen Unterricht sollte nicht aktiv Politik betrieben werden."

Religionsunterricht als Staatsaufgabe?

Dieser Trend zu einem neuen Religionsunterricht könnte in Anbetracht einer gesellschaftlichen Entwicklung verwundern, in der konfessionelle Zugehörigkeit immer weniger verbreitet ist. "Doch eine grosse Mehrheit der Bevölkerung – Studien sprechen von bis zu 80 Prozent – scheint den Religionsunterricht zu unterstützen, auch wenn sie keiner Kirche angehören", sagt Kunz. Und offenbar ist es auch vielen Leuten egal, ob diese Aufgabe der Staat oder die Kirche übernimmt.

Die Regierung des Kantons Zürich hat diese Tatsache offenbar unterschätzt, als sie die Beiträge für den Religionsunterricht an Schulen strich. Kein Wunder, dass kurz darauf eine Volksinitiative "Biblische Geschichte" lanciert wurde, welche diesen Entscheid rückgängig machen will.

Über die Wichtigkeit von Religionsunterricht als Kulturgut herrscht offenbar Einigkeit. Doch unklar ist, wer diesen Unterricht finanzieren soll: Staat oder Kirche?

Unterschiedliche Interessen

Theologe Kunz unterstreicht, dass sich in der Frage des Religionsunterrichts verschiedene Interessen überlagern. "Als Bürger sehen wir darin einen Beitrag zu einer Gesellschaft der Werte und der Toleranz. Als Gläubige interessiert die Dimension des Glaubens und die spirituelle Erfahrung unserer Kinder."

Das Risiko einer allgemeinen Religionen-Lehre besteht in der Tat darin, die Dimension des Glaubens und der Glaubenserfahrung auszuklammern. Andererseits lassen sich Minderheiten in diesen Religionsunterricht integrieren und Kinder von konfessionslosen Familien.

"Ich hoffe, dass der Trend zu einem nicht an Konfessionen gebundenen Religionsunterricht den jungen Menschen von heute gegenseitige Toleranz und die Vielfalt heutiger Religiosität vermittelt", sagt Kunz.

swissinfo, Doris Lucini
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Fakten

In den letzten 20 Jahren ging die Zugehörigkeit zu einer der beiden offiziell anerkannten Kirchen in der Schweiz (römisch-katholische; evangelisch-reformierte) von 92 auf 77% zurück.

Volkszählung 2000: Katholiken: 41,8%; Protestanten: 35,3%; Moslems 4,3%; keine Religionszugehörigkeit: 11,1%.

Zwischen 1970 und 2000 hat sich die Zahl der Personen ohne Religionszugehörigkeit verzehnfacht.

Zwischen 1990 und 2000 hat sich die Zahl der Muslime und der orthodoxen Christen in der Schweiz fast verdoppelt

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In Kürze

Die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft und das Auftauchen neuer Religionen als Folge der Einwanderung haben die Diskussion um einen konfessionsunabhängigen Religionsunterricht an den Schulen angeheizt.

Die Religion wird als Kulturgut und Kulturerbe angesehen. Daher besteht die Tendenz, dass auch die öffentliche Schule obligatorischen Religionsunterricht erteilt, sich dabei aber nicht an Konfessionen bindet.

Nach wie vor untersteht in vielen Kantonen der Religionsunterricht den lokalen Kirchen. In zwei Luzerner Gemeinden gibt es auch Unterweisung im Islam. Die Teilnahme am Religionsunterricht ist in diesen Fällen immer freiwillig.

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