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Religiöse Bauten und Symbole im öffentlichen Raum

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Wieso können gewisse zugewanderte Religionen relativ problemlos einen Tempel oder eine Kirche bauen, während Muslime dabei auf Widerstand stossen? Diese Frage wurde von Experten untersucht. Die Ergebnisse sind Teil einer Sonderausstellung in Biel.

Dieser Inhalt wurde am 23. Juni 2009 - 11:59 publiziert

Die Wanderausstellung "Kuppel, Tempel, Minarett: das neue Gesicht der Schweiz", eine Dokumentation von 18 neuen religiösen Bauten in der Schweiz seit 1945, ist zur Zeit in der Westschweizer Stadt Biel zu sehen, später auch in Bern, Basel, Zug und Nyon.

Der blütenweisse, in traditionellem Stil gebaute Gurdwara-Tempel der Sikhs mit seinen zwiebelförmigen Dekorationen und einer goldenen Turmspitze sticht markant aus der Langenthaler Industrie-Zone hervor.

Gegen den am 23. September 2006 eingeweihten Bau gab es kaum Widerstand. Von den lokalen Behörden mit einem rechtsbürgerlichen Stadtrat der Schweizerischen Volkspartei SVP wurde er sogar unterstützt.

Nur gerade zwei Kilometer entfernt steht das viel diskretere Islamische Zentrum: Ein bescheidenes, graues Haus ohne äusserliche Verzierung. Aber das muslimische Gebetshaus in Langenthal und ein weiteres in Wangen bei Olten waren sowohl auf lokaler wie nationaler Ebene ein Stein des Anstosses, als dort kleine Minarette geplant waren.

Negativschlagzeilen

Vermutlich noch in diesem Jahr wird das Schweizer Stimmvolk über die Volksinitiative "Gegen den Bau von Minaretten" abstimmen. Eingereicht wurde sie von der Schweizerischen Volkspartei.

Die Regierung und auch die meisten politischen Parteien sowie religiöse Gruppierungen lehnen das Begehren ab. Entschieden wird jedoch an der Urne. Die Inititive war mit 113'000 Unterschriften zustande gekommen.

"Wir sehen also, dass in der gleichen Stadt zwei Religionen nicht gleich behandelt werden", sagt Religionswissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti von der Universität Luzern und Koordinator der Ausstellung.

Gemäss dem Forscher ist die Öffentlichkeit wenig vertraut mit der kleinen Schweizer Gemeinde der Sikhs, wogegen die Medien voll seien mit Berichten über den islamischen Terror, was die Muslime leicht zu einer Zielscheibe für Politiker mache.

Akzeptanz

Der Fall Langenthal zeigt die tiefen Veränderungen auf, die in der religiösen Landschaft der Schweiz zur Zeit im Gang sind: Die Zahl der Kirchgänger bei den Landeskirchen der Schweiz ist sehr tief, wogegen die Migration zu einem Anstieg bei den zugewanderten und weniger bekannten Religionen geführt hat.

Während eine Mehrheit der Bevölkerung (75%) katholischen oder protestantischen Glaubens ist, wurden bei der letzten eidgenössischen Volkszählung im Jahr 2000 über 311'000 Muslime, 132'000 Mitglieder orthodoxer Kirchen, 18'000 Juden, 21'000 Buddhisten und 28'000 Hindus gezählt. Laut Schätzungen dürfte die Zahl der Muslime und Hindus inzwischen auf rund 400'000, respektive 50'000 gestiegen sein.

Die öffentliche Akzeptanz neuer religiöser Bauten hängt laut den Forschern von einer ganzen Reihe von Faktoren ab, so etwa vom politischen Kontext, der Stimmung in den Medien sowie vom Bekanntheitsgrad der Religion.

In der Ausstellung wird das Beispiel der Kirche "Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage", bekannt als Mormonen, gezeigt. Damals in den 1950er-Jahren stiess diese Kirche zuerst auf Widerstand, als sie bei Zollikofen, in der Nähe von Bern, ihren riesigen Tempel baute.

"Damals zählte die Kirche der Mormonen nur gerade 1,2 Millionen Anhänger weltweit. Viele Leute hielten sie für eine "komische Sekte". Diese Ängste existieren jedoch seit längerem nicht mehr, erklärt ihr Sprecher Peter Gysler.

Öffentliche Wahrnehmung

Laut dem Religionswissenschafter Tunger-Zanetti spielt die öffentliche Wahrnehmung ebenfalls eine Rolle: "Der Buddhismus stösst auf weniger Vorurteile als der Islam, vor allem seit dem 11. September. Man kann aber keineswegs sagen, Buddhisten seien per se friedlicher als Muslime."

Zudem, so der Experte weiter, sei es einfacher, eine Moschee in einer grossen Stadt wie Genf oder Zürich zu bauen als in einer kleinen Ortschaft. Hilfreich sei auch, frühzeitig eine sachliche Kommunikationskampagne zu führen, und genügend Geldmittel oder lokale Unterstützung zu haben.

Dies war der Fall, als das erste tibetische Kloster Europas in Rikon, östlich von Zürich entstand, und zwar auf dem des Kochgeschirr-Unternehmens Kuhn Rikon.

1959 waren über 100'000 Menschen aus Tibet geflüchtet. Die Schweiz nahm als erstes europäisches Land 1000 Tibeter auf. Einige erhielten Arbeit bei Kuhn Rikon, 1967 dann begannen sie mit dem Bau ihres eigenen Klosters.

"Das Dorf war gegenüber den Tibetern sehr positiv eingestellt. Sie wurden von der Bevölkerung beinahe mit Blumen empfangen", sagte Jacques Kuhn, der das Projekt begleitete.

Natürlicher Prozess

Tunger-Zanetti ist überzeugt, dass die gegenwärtigen Spannungen im Zusammenhang mit Minaretten oder anderen religiösen Symbolen Teil eines "natürlichen und notwendigen Prozesses" sind, die in jeder Gesellschaft entstehen, wenn Ausländer integriert werden.

Der Unterschied sei, dass die direkte Demokratie in der Schweiz der Bevölkerung das Recht einräume, über Vorschläge wie die Initiative "Gegen den Bau von Minaretten" abzustimmen.

"Der Vorteil dabei ist, dass die schweizerische Gesellschaft die Diskussion führt", sagt der Experte. "Vermutlich wird es dazu führen, dass die Schweiz mit dieser Vielfalt so umgehen kann, wie sie es mit ähnlichen Problemen in der Vergangenheit - so zwischen Katholiken und Protestanten - getan hat."

"Der Mensch neigt dazu, die Geschichte zu vergessen". Tunger-Zanetti erinnert daran, dass die katholische Valentinskirche im vorwiegend protestantischen Lausanne, die 1832 gebaut wurde, erst 1930 die Erlaubnis für einen Glockenturm erhielt.

"Als er schliesslich gebaut wurde, brach die Lausanner Gesellschaft nicht auseinander. Und jetzt leben Katholiken und Protestanten Seite an Seite. Das Gleiche kann von uns auch im Zusammenleben mit Hindus, Sikhs und Muslimen in den nächsten 20 Jahren erwartet werden."

Simon Bradley in Biel, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)

In Kürze

In der Schweiz bezeichnen sich über drei Viertel der Bevölkerung als Christen: 42% sind Katholiken, 35% Protestanten, 2,2% gehören anderen christlichen Glaubensrichtungen an.

Mit über 311'000 Mitgliedern (4,3%) ist der Islam die zweitgrösste Religion im Land. 12% der Muslime haben einen Schweizer Pass. Sie stammen hauptsächlich aus dem Balkan und der Türkei. Laut Schätzungen dürfte die Zahl inzwischen auf 400'000 angestiegen sein.

Die jüdische Gemeinde zählt 18'000 Mitglieder (0,2%), 80% von ihnen sind Schweizer.

Zudem leben in der Schweiz 28'000 Hindus (aktuell möglicherweise bereits 50'000) sowie 21'000 Buddhisten.

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Minatett-Initiative

Die Anti-Minarett-Initiative der Schweizerischen Volkspartei SVP wurde im Juli 2008 eingereicht, nachdem mehr als die erforderlichen 100'000 Unterschriften zusammengekommen waren. Der Initiativtext enthält nur einen Satz: "Der Bau von Minaretten ist verboten."

Die Botschaft der Regierung, welche die Initiative zur Ablehnung empfiehlt, war hingegen 50 Seiten lang. Sie argumentiert, das Verbot von Türmen, die normalerweise ausserhalb der Moschee stehen, verstosse gegen international garantierte Menschenrechte. Zudem würde ein Verbot die Intergration behindern und ohne Wirkung bleiben im Kampf gegen Extremismus.

Das Schweizer Stimmvolk wird vermutilch in der zweiten Hälfte 2009 über diese Frage entscheiden.

Muslimische Kreise in der Schweiz zeigten sich perplex über die "islamfeindliche" Initiative und warnten, sie könnte die bereits fragilen Beziehungen gefährden.

Sowohl die katholische und die protestantische Kirche, fast alle politischen Parteien wie auch Menschenrechtsexperten und mehrere Bundesräte sprachen sich gegen die Initiative aus.

In der Schweiz haben nur die Moscheen in Genf, Zürich und Wangen bei Olten ein Minarett, jene in Winterthur hat lediglich ein kleines.

Gesuche für den Bau eines Minaretts in Langenthal und Wil führten zu heftigen Debatten vor Ort.

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