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Schweizer:innen öffnen ihr Zuhause für Flüchtlinge aus der Ukraine

Es sind vor allem Frauen und Kinder, die aus ihrer ukrainischen Heimat fliehen. Copyright 2022 The Associated Press. All Rights Reserved

Der Krieg in der Ukraine hat zu einer der grössten Flüchtlingskrisen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg geführt. Angesichts der steigenden Zahlen werden in der Schweiz auch private Unterkünfte für deren Unterbringung benötigt. Wie finden Gastfamilien und Flüchtlinge zueinander? SWI swissinfo.ch hat sich ein Bild gemacht.  

Dieser Inhalt wurde am 30. März 2022 - 08:30 publiziert

Der Krieg begann am 24. Februar und hat mittlerweile rund 10 Millionen Ukrainer:innen in die Flucht getrieben. Neben 6,5 Millionen Binnenflüchtlingen sind nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) bereits mehr als 3,5 Millionen in andere Länder geflohen.

Die meisten Flüchtlinge befinden sich in den Nachbarländern, vor allem in Polen, aber sie reisen auch weiter nach Westen. In der Schweiz haben sich bis Ende März knapp 20‘000 Menschen registrieren lassen. "Und es werden noch viel mehr kommen", sagt Andreas Freimüller, Mitbegründer von CampaxExterner Link, einer Schweizer Kampagnenorganisationen, die sich für die private Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine einsetzt.

Tausende von gewöhnlichen Menschen und Familien haben sich bereit erklärt, Flüchtlinge aufzunehmen, und viele Menschen wollen helfen, wo sie nur können. "Was jeder von uns tun kann, mag nur ein kleiner Schritt sein", sagt Milena Nowak, eine 39-jährige Polin, die in der Nähe von Zürich lebt und eine ukrainische Mutter mit zwei Kindern bei sich zu Hause aufgenommen hat. "Wer kein Zimmer zur Verfügung stellen kann, kann Geld oder Kleidung spenden. Diese kleinen Schritte summieren sich und werden zu einer grossen Unterstützung“, hält Nowak fest.

Schutzstatus S aktiviert

Die Schweizer Regierung hat für ukrainische Kriegsflüchtlinge den Schutzstatus SExterner Link aktiviert. Dieser beinhaltet auch eine sofortige Arbeitserlaubnis sowie die Erlaubnis zu einer selbständigen Erwerbsarbeit. Diese Bewilligung ist zunächst für ein Jahr gültig. Sie war in den 1990er Jahren als Reaktion auf den Jugoslawienkrieg eingeführt worden, bisher aber noch nie aktiviert worden.

Die unkomplizierte Aufnahme in der Schweiz ist eine verständliche Reaktion auf die immense Tragödie in der Ukraine, steht aber auch in scharfem Gegensatz zu den langwierigen Asylverfahren für andere Flüchtlinge, etwa aus Syrien oder Afghanistan.

"Die jetzige Situation erinnert an die Reaktion der Schweiz nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 und dem Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968", sagt Freimüller von der Organisation Campax. "Wir waren Teil des Kalten Krieges. Deshalb ist uns die Situation emotional sehr nahe gegangen."

Gemäss Eliane Engeler, Sprecherin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFHExterner Link), unterscheidet sich in der jetzigen Situation vor allem die offizielle Haltung der Schweizer Regierung von früheren Flüchtlingskrisen. Die Schweizer Bürger:innen hätten sich gegenüber Flüchtlingen immer grosszügig gezeigt, beispielsweise auch während der Migrantenkrise von 2015. "Wir haben bei der Schweizer Bevölkerung immer eine grosse Solidarität feststellen können – das ist nicht dasselbe wie die Bundespolitik", sagt Engeler gegenüber SWI swissinfo.ch.

Die 48-jährige Laure, eine Französin, die im Westschweizer Kanton Waadt lebt, hat eine ukrainische Mutter und ihre Tochter bei sich aufgenommen. Sie weist noch auf einen anderen Aspekt hin: "Die Tatsache, dass die meisten Flüchtlinge Frauen und Kinder sind, könnte auch ein Grund für die grosse Hilfsbereitschaft sein.“  

Tatsächlich unterscheidet sich die hohe Zahl von Frauen und Kindern von anderen Flüchtlingskrisen, etwa der syrischen Flüchtlingswelle, bei der viele Männer in die Schweiz kamen. Der Unterschied hat einen Grund: Als Reaktion auf die russische Invasion hat die Ukraine das Kriegsrecht eingeführt, das Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren dazu verpflichtet, im Land zu bleiben und kämpfen zu müssen.

Wie Flüchtlinge und Gastfamilien zusammenfinden

Die hohe Zahl von Frauen und Kindern birgt auch Risiken und Herausforderungen für den "besonderen Schutz" der Flüchtlinge. UN-Sonderberichterstatter haben vor einem erhöhten Risiko von MenschenhandelExterner Link und sexueller Gewalt gewarnt.  Wie werden nun in der Schweiz die richtigen Unterkünfte für die Flüchtlinge gefunden?

Andreas Freimüller erklärt, dass Campax eine Software entwickelt hat, die bei der Vermittlung hilft. Die eigentliche Koordination der Unterbringung von Flüchtlingen in Privatwohnungen werde aber von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe als unabhängiger Organisation koordiniert. Laut Engeler gibt es eine Reihe von Kriterien, darunter geografische Präferenzen, da einige Flüchtlinge bereits Freunde und Verwandte in der Schweiz haben und in deren Nähe wohnen möchten.

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Entscheidend ist die Frage, ob die Zahl der Flüchtlinge jeweils mit der Anzahl von Gastplätzen zusammenpasst. Und natürlich ist es wichtig, Familien zu finden, in denen eine gemeinsame Sprache wie Englisch, Französisch oder Ukrainisch gesprochen wird. Auch das Kriterium von Haustieren wird berücksichtigt.

In Bezug auf die Sicherheit wird laut Engeler das Strafregister der potenziellen Gastgeber:innen überprüft. Auch nur beim geringsten Hinweis auf ein Missbrauchsrisiko, werden solche Gastgeber:innen ausgeschlossen. Die SFH arbeitet mit lokalen Partner:innen wie der Caritas und dem Schweizerischen Roten Kreuz zusammen, um sicherzustellen, dass die Flüchtlinge in passenden Gastfamilien untergebracht werden.

Sowohl die Flüchtlinge als auch die Gastgeber:innen erhalten Telefonnummern von Vertrauenspersonen, die sie bei Problemen anrufen können. Das SFH verfügt sogar über eine eigene Hotline. "Die Familien werden zudem von unseren lokalen Partner:innen besucht", sagt Engeler gegenüber swissinfo.ch.

Die Gastfamilien müssen eine Unterkunft für mindestens drei Monate anbieten. Wenn sie danach die Offerte nicht aufrechterhalten wollen oder können, wird die SFH mit ihren Partner:innen nach alternativen Lösungen suchen. Im Idealfall stellen die Gastgeber:innen eine Unterkunft zur Verfügung, bis die Flüchtlinge finanziell unabhängig sind und sich eine eigene Wohnung suchen können.

Und was passiert mit traumatisierten Flüchtlingen? „Schwer traumatisierte Menschen und unbegleitete Minderjährige werden nicht in Privatwohnungen untergebracht“, so Engeler. Und wie sieht es finanziell aus? Flüchtlinge mit einer S-Bewilligung haben Anspruch auf Sozialhilfeleistungen der Kantone und ein Recht auf Arbeit. Gemäss Engeler liegt es im Ermessen der Kantone, ob sie auch die Gastgeber:innen finanziell unterstützen.

Ist die offizielle Hilfe zu langsam?

Die SFH rät Flüchtlingen insbesondere aus Sicherheitsgründen davon ab, auf eigene Initiative private Angebote anzunehmen. Milena Nowak hatte sich auf der Plattform von Campax registriert, dann aber eine Familie akzeptiert, die sie direkt über Facebook kontaktiert hatte. Die Familie ist vor zwei Wochen angekommen und hat ihr neues Leben bereits begonnen.

Hier finden Sie unsere Geschichte dazu:

Milena Nowak kann aber gut nachvollziehen, dass Regierung und Hilfsorganisationen genau definierte Abläufe verfolgen und einen Check-Up ausführen, um Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung zu verhindern. Doch ihrer Meinung nach können soziale Medien oft schneller und flexibler auf die Bedürfnisse der Flüchtenden reagieren. Obwohl von rein privaten Initiativen abgeraten wird, haben sowohl Milena als auch Laure bereits früher Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe gesammelt.

In der Schweiz gab es über 60‘000 Angebote für Schlafplätze, und viele Menschen warten auf eine passende Unterkunft. Auch Laure hat sich bei Campax angemeldet. Als sie aber auf Facebook gelesen hat, dass ein Einwohner ihrer Stadt mehrere Flüchtlingsfamilien an der Grenze abholen wollte, kontaktierte sie ihn, um eine der Familien aufzunehmen. Sie informierte Campax und bekam grünes Licht.

Laure hat die ukrainische Mutter (53) und ihre Tochter (16) in einem Gästezimmer untergebracht und mit dem Nötigsten an Kleidung und Essen versorgt. Sie hat sich bei den Behörden noch nicht einmal nach Zuschüssen erkundigt, „denn für ein paar Monate geht das so in Ordnung".

Ihre grösste Sorge ist im Moment, wie die finanzielle Unabhängigkeit der Flüchtlinge sichergestellt werden kann. Sie hofft, dass diese sobald wie möglich den S-Schutzstatus erhalten, aber auch Lebensmittelgutscheine und andere Subventionen, damit sie ohne finanzielle Sorgen leben können. "Es ist schwierig für sie, etwas zu bekommen, aber keinen eigenen Beitrag dafür zu leisten, auch wenn sie mit dem Vorgehen einverstanden sind", so Laure gegenüber swissinfo.ch.

Sowohl Milena als auch Laure sagen, dass sie glücklich sind, Gastgeberinnen für die geflüchteten Personen zu sein, dass die örtliche Gemeinde sehr hilfreich war und dass die Kinder bereits die örtlichen Schulen besuchen. "Für Gastgeber:innen ist es eine sehr positive und erfüllende Erfahrung ", sagt Laure.

(Übertragung aus dem Englischen: Gerhard Lob)

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