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Nach Scharon die Sintflut?

swissinfo.ch

Die Schweizer Presse betont das Vakuum, das der Abgang des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon von der politischen Bühne hinterlässt.

Dieser Inhalt wurde am 06. Januar 2006 - 08:24 publiziert

Nach Ansicht der meisten Kommentatoren war Scharon trotz seiner sehr durchzogenen Bilanz der einzige Garant für einen Frieden in der Region.

Die Meinung in den Schweizer Zeitungen ist einhellig: Mit dem Ende der politischen Karriere Ariel Scharons fehlt "der starke Mann" in Israel. "Sharon reisst plötzlich eine Lücke", titelt etwa die Neue Zürcher Zeitung, "Israel ohne Führung" die Berner Zeitung und "Nicht so einfach zu ersetzen" heisst es in der Zeitung Die Südostschweiz.

Überragende Figur

"Kaum ein Politiker hat die Geschicke Israels derart stark beeinflusst, wie Ariel Scharon", kommentiert die Berner Zeitung Der Bund. Sie verweist auf seine umstrittene Militärlaufbahn und auf die politische Umkehr, die ihn zuletzt "zur grössten Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten machte".

"Israelische Politik ohne Ariel Scharon – man muss sich an den Gedanken erst noch gewöhnen", schreibt die Basler Zeitung. Die umstrittene Figur habe die politische Bühne im nahöstlichen Krisengebiet überlegen dominiert. "Jetzt könnte es sich rächen, dass Israels Politik zunehmend einer Ein-Mann-Show glich."

Für die Neue Zürcher Zeitung ist es "schwierig, sich Israel und die israelische Politik ohne Ariel Scharon vorzustellen". Er habe "im Guten wie im Schlechten die Geschicke seines Landes in den letzten Jahrzehnten mitgeformt".

Hoffnungen zerschlagen

Scharon wäre der Mann gewesen, dem es zuzutrauen gewesen wäre, die Politik seines Landes neu zu bündeln und auszurichten und schliesslich auch einen begrenzten Rückzug aus dem Westjordanland einzuleiten, mutmasst die NZZ. "Nun wird es wohl anders kommen".

Auch die Berner Zeitung befürchtet dies. Schliesslich habe Scharon, "altersweise" geworden, den Palästinensern einen eigenen Staat zugestanden. "Ohne Scharon scheint dieser Staat für die Palästinenser in fast hoffnungslose Entfernung gerückt."

Und sie stellt der Leserschaft die Frage: "Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, dass Scharon jetzt als Hoffnungsträger für friedlichere Zeiten vermisst würde?"

"Der Rückzug aus Gaza war ein Glanzstück an Mut und Tatkraft", kommentiert die Neue Luzerner Zeitung. Und dies sei erst das eigentliche Vorspiel für einen Teilrückzug aus dem Westjordanland gewesen. "Dazu wird es jetzt schwerlich kommen."

Denn mit dem Abgang von Scharon sei wieder Verunsicherung in der Region angesagt. "Und den höchsten Preis dafür werden, erneut, die geschundenen Palästinenser zu bezahlen haben."

Stabilität wackelt

Nun müssen die Karten neu gemischt werden. Doch die Frage nach einer Nachfolge stelle die Stabilität der ganzen Region in Frage. "Eine gefährliche Unsicherheit", schreibt die Westschweizer Zeitung La Liberté zur Situation. Das brutale politische Ende sei "ohne Zweifel das am stärksten destabilisierende Ereignis in Israel seit der Ermordung von Jitzhak Rabin".

Auch Le Temps zieht den Vergleich mit Rabin: "Mit Scharon, wie mit Rabin vor ihm, schien der Pfad vorgezeichnet, man musste ihm nur folgen. Ohne sie muss der Weg nun erneut von vorne aufgebaut werden."

"Eine Region ohne Kompass", titelt der Zürcher TagesAnzeiger. "Als wäre die Lage im Nahen Osten nicht schon vertrackt genug, taucht mit dem Abgang Ariel Scharons von der politischen Bühne in Israel ein Element auf, welches das Bild der Region zusätzlich verschwimmen lässt."

Offen bleibe jedoch auch, "ob Scharons Taktik längerfristig einen Konflikt entschärft hätte, der nun nach seinem Abgang weiter von einer Lösung entfernt scheint als fast je zuvor", so der TagesAnzeiger weiter.

Sowohl in Israel wie auch in den palästinensischen Gebieten stehen demnächst Wahlen an. "Wohin die Reise gehen wird, ist beidenorts völlig offen. Der Nahe Osten hält den Atem an", schreibt Der Bund.

Und die Basler Zeitung befürchtet eine mögliche Eskalation: "Sollten in dieser heiklen Phase islamistische Kräfte im Libanon und in Gaza versuchen, Israel mit Terror zu provozieren, droht die nächste Gewaltexplosion."

Nachfolge offen

Mit Scharons neuer Partei hätte die Möglichkeit bestanden, den Weg zum Frieden zu festigen, meinen die meisten Kommentatoren. Dies sei nun alles andere als klar, schreibt auch Die Südostschweiz.

"Wer hofft, dass der amtierende Regierungschef Ehud Olmert oder irgendein anderer Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten die von Scharon anvisierten Schritte in Richtung Konfliktlösung machen kann, macht sich Illusionen."

swissinfo, Christian Raaflaub

Fakten

Der israelische Premierminister Ariel Scharon hat am Mittwoch einen Schlaganfall erlitten.
Der 77-Jährige musste sich einer stundenlangen Operation unterziehen und liegt derzeit in stabilem Zustand im künstlichen Koma.
Nach Einschätzung von Mitarbeitern, Parteifreunden und behandelnden Ärzten wird Scharon nicht mehr in die Politik zurückkehren können.
Sein Stellvertreter Ehud Olmert wurde zum amtierenden Regierungschef ernannt.
Scharon war als General in der Armee gefürchtet und ist seit 1977 in der Politik, wo er vom Gegner eines Friedensplans zur Hoffnungsfigur wurde.

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