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Die guten Götter des bösen Death Metal made in Switzerland

Nihilo sind ein Aushängeschild des Swiss Death Metal. Auf der Bühne lösen Ragulan Vivekananthan (Gesang), Nicola Graber und Nils Mikael Hugi (Gitarren), Adrian Rohr (Bass) und Damiano Fedeli (Schlagzeug) einen Orkan voller Düsternis aus. Aber das ist nur die eine Seite.

Dieser Inhalt wurde am 07. September 2014 - 11:00 publiziert
Renat Kuenzi, Bilder: Christoph Balsiger, Langenthal und Bern, swissinfo.ch

Abseits der Bühne sind die fünf Berner aus dem Raum Langenthal die Liebenswürdigkeit in Person. Vivekananthan arbeitet abseits der Bühne als Journalist, Graber ist Gitarrenlehrer, Hugi Marketingforscher, während Rohr und Fedeli ihr Geld als Immobiliensachbearbeiter/Tontechniker und Fitness-Instruktor verdienen.

"Beim Singen verwandelt man sich in ein Tier. Mit seinen Schreien zerstört man den Kosmos."

Gion Mathias Cavelty, The Litterband

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"Nihilo aus Kleindietwil sind ein hervorragendes Beispiel für die Schweizer Metal-Untergrundszene: Die Band zieht seit 10 Jahren mit viel Herzblut ihr Ding durch. Sie spielen aus reiner Überzeugung, denn sie verdienen nicht nur nichts damit, sondern finanzieren alles selbst. So auch das fünfte Album, das sie soeben veröffentlicht haben", sagt Patrick Häberli, seit Anfangstagen Manager und künstlerischer Mentor der fünf Oberaargauer.

Idealismus pur

Häberli managt nicht nur seine Freunde von Nihilo, sondern noch weitere Metal-Bands aus dem Inland. Er mischt aber auch international mit, als Manager dreier Metal-Bands aus Finnland, den USA und Grossbritannien. Dazu ist er Organisator, Fotograf, Videoregisseur, Produzent und selbst Metal-Musiker, was ihn zu einer zentralen, weil unverzichtbaren Macher-Figuren in der Schweizer Metal-Szene macht. 

Für ein Bandfoto von Nihilo wählte er eine Höhle als adäquat-düsteres Untergrund-Ambiente; das Video zum Nihilo-Stück "Infected" inszenierte er mit tatkräftiger Hilfe von vielen Freunden, Bekannten und Verwandten als trashig-überdrehten Zombie-Schocker im beschaulich-provinziellen Langenthal.

Mit dem Metal-Bazillus infiziert wurde Häberli in frühen Teenager-Jahren durch seinen älteren Bruder. Seine "Erweckung" war die US-Band Dream TheaterExterner Link: Während vier Jahren hörte er fast ausschliesslich deren Progressive Metal. Beeindruckt war Häberli vor allem durch die verschiedenen Rhythmus- und Tempowechsel in ihren Stücken. "Ich habe sie fast 20 Mal live gesehen, indem ich ihnen an die Konzerte nachgereist bin", berichtet er. In den letzten Jahren aber habe er sich dann stilmässig geöffnet.

Metal-Szene Schweiz

Patrick Häberli charakterisiert diese als "sehr lebendig" und durch eine hohe Banddichte geprägt. Es mangle aber an Plattformen, auf der sich die Bands präsentieren könnten.

Trotzdem sieht der Insider die Schweiz international als wenig einflussreich. Krokus, Celtic Frost oder aktuell Eluveitie seien zwar Legenden. Der grosse Rest aber sei selbst eingefleischten Fans im Ausland kaum geläufig.

Der Grund: "Für die Labels des internationalen Musikbusiness sind Schweizer Bands nicht interessant, weil sich Produktions- und Promotionskosten im kleinen Markt kaum amortisieren lassen."

Deshalb muss sich die Szene selbst helfen. Wichtig sind dabei "Manager für alles" wie Patrick Häberli oder die zahlreichen Kleinst-Labels, welche die Werke der meist nur lokal oder regional bekannten Metal-Bands veröffentlichen.

Wichtige Plattformen sind auch Festivals/Open Airs. Das Greenfield-Festival in Interlaken ist ein mehrtägiger Grossevent. Dazu kommen ein paar mittelgrosse Anlässe.

Zahlreich sind Mini- und Mikro-Openairs, die meist von einer Handvoll Metal-Freaks organisiert sind. Sie ziehen maximal 200 oder 300 Fans an und existieren oft nur kurze Zeit.

Westschweizer Metal-Bands sind laut Häberli eher vom "modernen, extremen Metal französischer Bands" inspiriert. Deutschschweizer Metal-Bands hielten sich eher an den klassischen Death- und Thrash-Metal, wie er von vielen deutschen Bands gespielt werde.

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Wider die Bekömmlichkeit des Alltags

Echter Metal, das sind Männer mit wilden Mähnen, aggressiv-rasende Rhythmen, animalisch röhrender oder verzerrter Falsett-Gesang, begleitet von dumpf grollenden oder grell heulenden Gitarren. Verbindender Code der äusserst vielschichtigen Metal-Szene (siehe Box rechts) ist das Morbid-Diabolische, weisen doch Bandnamen und –logos sowie Bühnenoutfit mit Vorliebe Motive mit Totenschädel, Knochen und triefendes Blut auf.

"Sie drücken damit aus: Fuck you, ‚Happy Day‘! Fuck you, Ernährungstipp 86: Gesunder Brunch! Fuck you, Ernährungstipp 87: Leichte Saucen! Fuck you, exklusives Golfparadies mit Meerblick! Fuck you, bunte Bijoux und ihre Botschafterinnen! Fuck you, praktische Tipps für einen stilvollen Alltag! Fuck you, Buchtipp: Leon de Winter: ‚Ein gutes Herz‘! Fuck you, Salto Natale! Fuck you, Internationaler Tag des Meerschweinchens! Fuck you, floraler Herbst!", sagt Gion Mathias CaveltyExterner Link, Schriftsteller, Journalist und Sänger der von ihm gegründeten Metalband "The Litterband". Und Satiriker.

Wer die diabolischen oder satanischen Bezüge zum Nennwert nimmt, verkennt eines: Hinter den ruppigen Metallern auf der Bühne stecken höchst mitfühlende und hilfsbereite Menschen. Nur ist ihre Antwort auf die allgegenwärtige Gewalt unseres Zeit ebenso schiere, aber rein akustische – und obendrein erst noch vergnügliche - Gewalt.

Art der Vergangenheitsbewältigung

Für Cavelty, den ehemaligen Ministranten des ultra-konservativen Churer Bischofs Wolfgang Haas, der 1997 von Rom nach Liechtenstein "versetzt" worden war, hat guter Metal eindeutig satanistisch zu sein. "Umgekehrte Kreuze, nackte Nonnen und so weiter. Feuer, Corpsepaint, Altäre, Totenköpfe, Blut, Blut, Blut. Jedes dritte Wort 'Satan' resp. 'Lucifer'", proklamiert er.

Patrick Häberli beschreibt die Metal-Musiker als sehr offene, unkomplizierte, und positive Menschen. "Sie sind ausgesprochen anständig und aufrichtig und haben untereinander einen grossen Zusammenhalt. Deshalb ist es eine Freude, mit ihnen zusammen zu arbeiten."

Aggression ist anderswo

Weiteres Merkmal, das skeptische Aussenstehende überraschen mag: Die Friedfertigkeit der Szene. Wenn in den Medien behauptet werde, das Eidgenössische Schwingfest von letztem Sommer in Burgdorf sei mit seinen 300'000 Besuchern die grösste friedliche Veranstaltung, entlocke ihm das ein Lächeln, so Häberli. "Die grossen Metal-Openairs wie etwa jenes in Wacken bei Hamburg sind auch so gross und ebenso so friedlich!"

Yves Pessina, der als Programmleiter des Parabôle FestivalsExterner Link in der französischsprachigen Westschweiz jedes Jahr Metal-Bands aus dem In- und Ausland engagiert, betont den friedlichen Charakter der Gemeinde. 

Metal – hochdifferenzierte Sparte

Metal ist der Oberbegriff für eine Sparte, die in zahlreiche Subgenres unterteilt ist.

Hier eine unvollständige Übersicht: Heavy Metal, Black Metal, Speed Metal, Thrash Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Doom Metal, Power Metal, True Metal, New/Nu Metal, Progressive Metal, Gothic Metal, Folk Metal, Pagan Metal, Celtic Metal oder Symphonic Metal.

Es gibt auch Jazz Metal und gar Progressive Death Jazz Metal.

Dazu kommen Sparten-Verbindungen wie Metalcore oder Grindcore.

Viele Metal-Genres weisen hochkomplexe Songstrukturen auf, die von zahlreichen Wechseln von Tonart und Rhythmus geprägt sind. Diese werden in rasendem Tempo und mit höchster Präzision vollzogen.

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Als ihn seine Frau erstmals an ein Metal-Konzert begleitet habe, sei sie voller Skepsis gewesen, erzählt Pessina, der seit 10 Jahren mit Freunden in der Metalband Schnoï spielt. "Dann hat sie absolut erstaunt festgestellt: 'Es ist ja viel ruhiger und sympathischer als an einem Rockkonzert!' Es ist in der Tat so: An unserem Festival haben wir nie irgendwelche Probleme mit Fans, was die Ordnung oder Sicherheit betrifft, etwa Besucher, die versuchen, gratis aufs Gelände zu gelangen", sagt Pessina.

Am Metal-Milieu schätzt der Informatikingenieur ETH und Vater zweier Kinder neben der Musik insbesondere auch den ausgeprägten Gegensatz zwischen dem "extravaganten oder gar martialischem Auftritt der Exponenten als Musiker und den ganz normalen, liebenswerten und friedlichen Menschen, wenn sie von der Bühne herunterkommen".

Gion Mathias Cavelty dagegen will nichts von einem solchen Kontrast zwischen Metal-Musikern als kulturelle Grenzgänger und sanftmütig-hilfsbereiten Menschen wissen. "Abseits der Bühne ist nicht die wirkliche Welt. Die wirkliche Welt ist auf der Bühne. Abseits der Bühne interessiert mich nicht."

Auch nicht gelten lassen will Cavelty das Bild von Metal als einem Kult, der vorwiegend  Männer in den Bann zieht. "Meine erste Metal-Platte – "Black Sabbath" von Black Sabbath – habe ich als kleiner Junge bei meiner Mutter im Plattenschrank gefunden, unter Tonnen von Peter-Kraus- und Conny-Froboess-Platten (Teenager-Idole an der Schnittstelle Rock n' Roll/Schlager, die Red.) Das war natürlich eine hübsche Überraschung!"

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