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Ein Laboratorium für mehr Grün in der Stadt

Dieser Inhalt wurde am 08. August 2014 - 11:00 publiziert
Marc-André Miserez, Lausanne, swissinfo.ch
An der Rue de la Mercerie am Fuss der Kathedrale, wo die Hauptstadt des Kantons Waadt fast etwas ländlich wirkt, erhielt das Trottoir etwas mehr Grün. swissinfo.ch

Die Stadt der Zukunft ist grün – oder sie existiert nicht. Die Metropolen der Welt experimentieren mit verschiedenen Methoden, um mehr Grün in die Zentren zu bringen, besonders mit "Urban Farming". Seit 1997 bietet "Lausanne Jardins" alle vier bis fünf Jahre im Sommer ein avantgardistisches und spielerisches Experimentierfeld der Stadt von morgen.

Es ist keine Gründungslegende, auch wenn diese Geschichte durchaus das Zeug dazu hätte: Christophe Ponceau und Adrien Rovero beugen sich über eine Karte des Zentrums der Stadt Lausanne, in jeder Hand etwa 15 Samen. Sie lassen diese fallen, und überall, wo sie hinfallen, wird ein Garten blühen.

Der Architekt und Landschaftsgestalter aus Paris und der Lausanner Designer waren bereits 2009 Teilnehmer, dieses Jahr sind sie die Kuratoren der Veranstaltung Lausanne Jardins 2014Externer Link, die unter dem Motto "Landings" durchgeführt wird: Die Gärten landen in der Stadt.

"Die Samen sind zufällig hingefallen, und das Spektrum der Orte reflektiert gut die Topographie der Stadt Lausanne. Es gibt welche in kleinen Strassen, auf Plätzen, in Parks, auf Dachterrassen", sagt Designer Adrien Rovero.

Ohne jene Dimension zu vergessen, die dem Stadtplan fehlt: das Relief. In Lausanne geht es immer irgendwo hinauf oder hinunter. Die zahlreichen Hügel, steilen Strassen, Treppen und Aussichtspunkte haben einen grossen Anteil am Charme des historischen Zentrums, dessen Grundstücke und Gassen noch weitgehend jenen des Mittalalters entsprechen.

Doch Lausanne ist auch eine grüne Stadt. Sie hat die Füsse im See und den Kopf in den Wäldern. Die Stadt ist voller Parks, Gärten, Promenaden, Bäume und Rabatten. Der Wald ist nur einen Steinwurf von der Altstadt auf dem Hügel entfernt, und ein Waldzipfel findet sich auch im Zentrum, am südlichen Rand des post-industriellen Quartiers Flon.

Hier, in einer engen Sackgasse zwischen zwei frisch renovierten, ehemaligen Lagerhallen von der vorletzten Jahrhundertwende, sehen jene, die den Blick nach oben schweifen lassen, den hängenden Garten. Die Pflanzen in Töpfen, die an einer Leine hängen, die über das Strässchen von einem zum anderen Fenster gespannt wurden, symbolisieren eine Beziehung zwischen den Nachbarn. In Neapel hängt man die Wäsche so auf. Hier sind es Pflanzen.

Privilegierte Stadt

Das ist die zentrale Idee von Lausanne Jardins: Dort begrünen, wo es sonst kein Grün hat. Überraschen, erstaunen, den Passanten ansprechen und ihn dazu bringen, seine Beziehung zu Stadt und Pflanzenwelt zu hinterfragen.

Eine Fragestellung, die Thierry Meyer, Chefredaktor der lokalen Tageszeitung 24 heures, auch in seinen Kolumnen ausarbeitet: "Ist die Stadt eine Landschaft? Braucht die Natur einen Rahmen? Ist der verfügbare Raum unveränderlich? Bedeutet konstruieren immer auch zerstören?", fragt er.

Was soll man da noch sagen? "Dass Lausanne eine privilegierte Stadt und deshalb ideal für diese Art von Experimenten ist", antwortet Architekt Christophe Ponceau. "Alle vier bis fünf Jahre haben die 330 Gärtner der Stadt die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und sich mit anderen Künstlern zu vergleichen."

Stark mit der Veranstaltung verbunden – das Giessen der Gärten kann nicht überall automatisiert werden – ist die Stadtgärtnerei Lausanne. Doch sie ist natürlich nicht der einzige Lieferant für die experimentellen Grünflächen. Lausanne Jardins ruft auch internationale, in Wettbewerben ausgewählte Künstler, Design-Studenten, Landschaftsgärtner und Architekten aus Hochschulen zur Teilnahme auf. Für die fünfte Ausgabe hat die Jury aus den 400 eingereichten Projekten 27 ausgewählt, darunter neun europäische und zwei amerikanische.

Universell und einmalig

Ist die Begrünung einer Stadt ein Trend? "Ganz klar Ja", sagt Ponceau. "Alle grossen Metropolen führen mehr oder weniger breit angelegte Versuche durch."

Genf verantaltet dieses Jahr übrigens erstmals sein Gartenfestival unter dem Namen "Genève, villes et champsExterner Link". Dennoch verfolgt Lausanne Jardins 2014 nicht direkt die Linie des "Urban Farming", das bereits jährliche Veranstaltungen in Brüssel, Prag oder Montreal kennt. Aus Kanada stammt die Wanderausstellung "Carrot CityExterner Link", die diesen Sommer in Lausanne Halt macht.

Tatsächlich gibt es dieses Jahr in Lausanne lediglich eine produktive Fläche, ein imposantes Tomaten-Gewächshaus mit Fenstern aus den späten 1950er-Jahren.

Beim Grossteil der Gärten "haben wir uns eher auf die Form des Gartens konzentriert, als auf die Notwendigkeit eines Gartens in der Stadt. Wenn man uns mit anderen Festivals vergleicht, die 'Urban Farming' ins Zentrum rücken, sind wir durch die Grösse und die Dauer von vier Monaten weltweit praktisch einmalig", sagt der Pariser Architekt.

Der Architekt und der Designer

Christophe Ponceau ist diplomierter Architekt der École Boulle in Paris, aber auch freier Landschaftsgestalter und künstlerischer Direktor für Design, Fotografie und Grafik.

2000 nahm er an der Ausstellung "Le jardin planétaire" in der Grande Halle de la Villette in Paris teil.

2008 war er der Vater des französischen Pavillons an der Weltausstellung in Saragossa, Spanien.

In letzter Zeit arbeitete er für den Garten des neuen Regionalfonds für zeitgenössische Kunst in Orléans, Frankreich, und entwickelte Projekte in Detroit, USA, in denen er kurzlebige Architektur mit Fotografie und Landschaft verband.

Adrien Rovero ist diplomierter Industriedesigner der Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL).

Er war aktiv in den Bereichen Möbel, Beleuchtung und Inszenierung im Raum.

2006 eröffnete er sein Atelier in Renens.

Seither zeichnet und entwirft er Objekte für Verlagshäuser in ganz Europa, und Institutionen mandatieren ihn für Inszenierungs-Projekte, so etwa das Centre Pompidou in Paris, das Museum Grand-Hornu Images in Belgien oder das Museum für Design und zeitgenössische angewandte Kunst (Mudac) in Lausanne – drei Institutionen, die zudem Kunstwerke des Designers für ihre Sammlungen gekauft haben.

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Und Ko-Kurator Rovero ergänzt: "Hier sind wir wirklich im urbanen Garten. Was uns interessiert, ist dorthin zu gehen, wo es eine etwas grössere Herausforderung ist, Vegetation hinzubringen."

Das ist es auch, was den grossen Unterschied ausmacht zwischen Lausanne Jardins und einem Festival wie etwa jenem im französischen Chaumont-sur-LoireExterner Link, wo die Gärten – auch die avantgardistischsten – inmitten existierender Gärten angepflanzt werden.

In Lausanne hingegen scheinen einige der Gärten wahrhaftig vom Himmel gefallen zu sein, während andere auf bereits begrünten Flächen blühen. Und dann gibt es auch das absolut Unerwartete: eine wortwörtlich durch Rasenstücke aufgeblähte neoklassizistische Fassade, bei der die Grasbüschel zwischen den Säulen regelrecht hervorquellen. Ein fast schon post-apokalyptisches Bild, als ob die Pflanzen die Stadt regieren würden.

Forschung und Entwicklung

"An das haben wir überhaupt nicht gedacht", sagt Ponceau. "Wir wollen vielmehr neue Arten erforschen, wie man Pflanzen in die Stadt bringen kann – in eine bewohnte Stadt. Ich sehe es als eine Antwort auf andere Vorschläge, die es für vertikale Gärten gibt."

Vertikale Gärten, Pflanzen-Fassaden – eine Mode, gegenüber welcher der Architekt gewisse Vorbehalte hat: "Es kann gerechtfertigt sein, wenn sich das Gebäude in die Landschaft einfügen soll, aus thermischen Gründen oder wegen Fragen der Isolation. Doch wenn es nur ein Dekor ist oder Staunen hervorrufen will, muss man es in Frage stellen, weil doch recht viel Wasser verbraucht wird."

"Unbedingt vertikal Pflanzen anzusetzen, kann ein Irrglauben sein, je nachdem, wo man es macht", ergänzt Rovero. Für ihn funktioniert der Rasen zwischen den Säulen "ganz gut für eine Veranstaltung, die eine limitierte Zeit andauert, doch man sollte es nicht zu einer ständigen Einrichtung werden lassen".

Mit einigen Standorten oder Ideen wird dies jedoch geschehen, wie nach jeder Ausgabe von Lausanne Jardins. Noch ist es zu früh zu wissen, welche Gärten das sein werden, doch die beiden Kuratoren setzen ihre Hoffnung bereits auf eine neue Form von zusammensteckbaren Schalen für Topfblumen, die nach ihrem ersten Auftritt in einer Fussgängerzone im Stadtzentrum in der ganzen Stadt blühen könnten.

Es ist dieser experimentelle Aspekt, den Adrien Rovero an diesem Abenteuer besonders liebt. "Wir sprechen hier von einem Laboratorium, von Forschung und Entwicklung, es ist weit mehr als urbane Dekoration. Mit über hundert Ausstellungen, Konferenzen und Kolloquien ist Lausanne Jardins ein echtes Kulturereignis, an das sich die Leute erinnern werden – weil es nur alle fünf Jahre stattfindet – und alle sich auf die nächste Ausgabe freuen." Traditionellerweise sind die Gärten gut besucht und werden selten zerstört, auch nicht in den so genannt "heissen" Quartieren.

"Ich finde es auch positiv, dass sich alle zukünftigen Designer oder Architekten aus den Hochschulen, die für Lausanne Jardins gearbeitet haben, Überlegungen zu ihrer Arbeit mit Pflanzen machen mussten", ergänzt der Lausanner Designer. "Sie haben gelernt, Pflanzen zu respektieren, sie als etwas Lebendes zu betrachten, und nicht einfach nur als dekoratives Element."

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