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Antisemitismus in der Schweiz

Das christliche Europa schuf den Judenhass im Mittelalter

Wenn es um Jüd:innen geht, kennen Hassfantasien kaum Grenzen: Titelbild des antijüdischen Pamphlets "Der Juden Ehrbarkeit" (1571) archive.org

Die Corona-Pandemie hat erneut gezeigt: Fast jede Verschwörungserzählung sieht die Juden als Verantwortliche für die Übel dieser Welt. Ihren Ursprung haben die bis heute verbreiteten Lügen im Europa des Mittelalters.

Dieser Inhalt wurde am 15. Juli 2022 - 14:15 publiziert

Kaum ein Gräuelmärchen war und ist weltweit so erfolgreich, wie das, dass das Judentum sich gegen den Rest der Welt verschworen habe. Die Blaupause aller Verschwörungstheorien geistert wirkmächtig wie eh und je durch die Chats dieser Welt: Hinter den Problemen der Welt steckten, so wird geraunt, Juden mit viel Geschick im Umgang mit Geld.

Radikalere Spielarten des Hasses zeichnen Juden als tierähnliche Monster – wie jüngst an der Documenta in Kassel. Während der Corona-Pandemie grassierte auch die Vorstellung im Netz, die Schuld an der Pandemie trügen Jüd:innen.

Das Sprechen über Jüd:innen läuft stets Gefahr, sich verhetzender Klischees zu bedienen – noch immer. Ihren Ursprung haben die Geschichten, die den Judenhass die letzten tausend Jahre unterfüttert haben, im Europa des Hochmittelalters, wo sie bereits Verfolgung und Vernichtung nach sich zogen – auch in der Schweiz.

Die Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden

Zwar war für das Christentum als jüdische Sekte die Abgrenzung vom Judentum von Anfang an grundlegend, und Spannungen zwischen den beiden Gruppen waren programmiert. So waren die Jüd:innen in Europa bald nach der Durchsetzung des Christentums mit Ausschluss und Dämonisierung konfrontiert – man bezichtigte sie der Schuld am Tod Jesu. Dennoch dauerte es mehr als tausend Jahre bis gewalttätiger Judenhass Alltag wurde für jüdische Gemeinschaften in Europa.

Die Stimmung veränderte sich im Umfeld des ersten Kreuzzugs um 1100: Horden religiöser Fanatiker:innen aller sozialer Schichten machten sich von Erlösungssehnsucht getrieben auf, um im Orient Heid:innen zu töten und das heilige Jerusalem zu befreien. Es schien für sie nahe zu liegen, die Feind:innen Christi bereits in der Heimat zu bekämpfen: Jüd:innen wurden drangsaliert, vor die Wahl gestellt, sich taufen zu lassen – oder zu sterben.

Die Verfolgung in den Zeiten der Kreuzzüge machte die jüdische Gemeinschaft schutzbedürftiger. Etliche Berufe waren Jüd:innen ohnehin verboten – ein Zugang zu den Zünften war ihnen beispielsweise verwehrt. So konnten die mittelalterlichen Obrigkeiten die Juden über horrende Schutzabgaben in das den Christen verbotene Kreditgeschäft hineindrängen. Zum Teil wurden sie zum Geldhandel sogar verpflichtet. Ende des 11. Jahrhunderts erlaubte der Papst den Juden das Erheben von Zinsen explizit, während es für Christen als sündhaft galt – ein gefährliches Geschenk.

Im 13. Jahrhundert wurde die Ausgrenzung der Juden zum kirchlichen Dogma. 1213 berief Papst Innozenz III, ein ehrgeiziger Kirchenrechtler, das 4. Laterankonzil ein. An die 1500 Abgesandte aus allen Provinzen reisten nach Rom, um dort monatelang über zentrale Dinge der katholischen Kirche zu beraten. Man sprach über die Notwendigkeit der Kreuzzüge, aber auch den Umgang mit ketzerischen Gruppen wie den Waldensern.

Etliche Fragen berührten das Leben der Jüd:innen, direkt und indirekt. So zum Beispiel die Forderung, dass Jüd:innen im Alltag Erkennungszeichen zu tragen hätten. Es war zwar nicht unüblich, dass die gesellschaftliche Ordnung in der Kleidung gezeigt wurde, doch Jüd:innen wurden zum Erkennungszeichen gezwungen – und damit stigmatisiert wie andere Randgruppen jener Zeit: Prostituierte, Bettler und Leprakranke.

Dazu kam, dass die Kleriker das Zinsnehmen noch entschiedener verdammten – im besten Wissen darum, dass es den Juden nur wenige Jahrzehnte zuvor explizit erlaubt wurde. Jüd:innen wurden so zu sozioökonomischen Blitzableitern.

Darstellung des angeblichen Ritualmords an Rudolf in der Schweizer Bilderchronik Diebold Schillings – die Juden sind an den Spitz-Hüten, die sie tragen mussten, deutlich zu erkennen. Diebold Schilling, Amtliche Berner Chronik

Die Ritualmordlüge

Doch lange blieben wirtschaftliche Interessen der Schuldner:innen der Juden eher stille Treiber, während man das Leid, das man den Jüd:innen antat, mit religiösen Gründen erklärte.  Indirekte Folgen für die Jüdinnen bewirkte die Diskussion am Konzil über das Ritual der Messe: Am 4. Laterankonzil wurde als orthodox festgelegt, dass die Hostien Jesu Leib und der Messwein Jesu Blut ist. Diese Lehre hing damit zusammen, dass die Passionsgeschichte Jesu immer stärker den Mittelpunkt gestellt wurde.

Im Zuge dieser Veränderungen verbreitete sich im 11. Jahrhundert die Verschwörungstheorie, dass Juden Christenkinder opfern würden. Zuerst verbreitete sich die Legende in England, dann in Frankreich. 1294 wurde auch in Bern ein Junge tot aufgefunden, Rudolf von Bern. Sein Tod wurde sofort einer Gruppe von Juden angelastet.

Die Behörden glaubten zwar nicht an die Ritualmordtheorie – dennoch wurden alle Jüd:innen aus der Stadt vertrieben. Rudolf von Bern galt nun als Märtyrer. Bis zur Reformation ruhten seine Gebeine im Altar des Berner Münsters, dann erst wurde er in ein Grab umgebettet – mit dem Vermerk, dass er von den Juden getötet worden sei. Erst im 19. Jahrhundert wurde sein Heiligenstatus vom Bischof von Basel in Zweifel gezogen.

Noch heute sucht die Vertreibung der Juden von 1294 die Stadt Bern heim in der Diskussion, ob der ikonische Kinderfresserbrunnen an die Ermordung Rudolfs erinnere. Grund dafür ist der auffällige Hut der Brunnenfigur: Er erinnere, so meinen Kritiker, an die gelben Spitz-Hüte, die Juden ab dem 13. Jahrhunderte zur Erkennung zu tragen hatten.

Am Anfang beschrieb man die Leiden der Kinder noch nahe angelehnt an die Passion Christi. Nicht selten wurde behauptet, sie seien ans Kreuz genagelt worden und die Juden hätten ihre Sünde mit einem christlichen Kind wiederholt. Doch im Verlauf der Ausbreitung der Legende in Europa wurde die angebliche jüdische Mordlust immer mehr mit ihrer Gier nach Blut begründet.

Die Juden bräuchten das Blut für die Herstellung von Matze – dem ungesäuerten Brot, das sie zu Pessach essen – oder für geheime Rituale. Der christliche Blutkult spiegelte sich im Hass auf die Ausgestossenen.

In der Verschwörungstheorie, die besagt, dass die "Hollywood-Elite" aus Kinderblut ein belebendes Hormon – Adrenochrom – gewinnen würde, erhielt das Horrormärchen vom Ritualmord neuen Aufwind. Keystone / Christian Monterrosa

Die Brunnenvergifterlüge: Die Loslösung von der Religion

Zur selben Zeit verändert sich laut der Kunsthistorikern Sara Lipton auch die Darstellung von Juden in der europäischen Kunst. Sie werden abgegrenzt von den Christen. In Darstellungen der Passion Christi tragen sie die ihnen neu aufgezwungenen Insignien, gelbe Hüte, gelbe Ringe – Gelb stand für Geiz, Neid und Hochmut.

Aber auch ihre Gesichter wurden nun anders gezeichnet: Man begann, Jüd:innen mit den bis in die nationalsozialistische Rassenlehre als typisch geltenden gekrümmten Nasen zu zeichnen – um sie in die Nähe von Satan zu rücken, der schon länger mit einer gekrümmten Nase dargestellt wurde.

Die gekrümmte, fast schnabelähnliche Nase des Teufels sollte in ihrer Hässlichkeit seine Bösartigkeit symbolisieren. British Library Board /Arundel 157 f.5v

Zugleich begann der Judenhass sich zunehmend von theologischen Erklärungen zu lösen. Als Ende des 14. Jahrhunderts die Pest über Europa rollte, kursierte eine weitere einflussreiche Lüge über die Juden: Ihnen wurde angelastet, sie hätten die Brunnen vergiftet, und damit den schwarzen Tod über die Bevölkerung gebracht.

Bei der darauf folgenden Verfolgung der Jüd:innen in ganz Europa handelte es sich nicht um eine Massenpanik: Die Vernichtungswelle folgte den Falschnachrichten, die über die Jüd:innen verbreitet wurden.

So sagte 1348 ein jüdischer Arzt unter Folter, verschworene Juden hätten ein Gift gebraut, und es dann an die jüdische Diaspora verschickt mit dem Auftrag, die Brunnen vor Ort zu vergiften. Die Behörden schickten Abschriften des Lausanner Geständnisses nach Fribourg, nach Bern und Strassburg – von wo aus es sich im deutschen Reich verbreitete.

Städte tauschten sich über ihre Erfahrungen mit den Vertreibungen und Vernichtungen aus – wo die Nachricht ankam, führte sie zu Hausdurchsuchungen, Folter und in der Folge zur Vernichtung aller Juden vor Ort. 1348 vernichteten oder vertrieben die Schweizer Städte Bern, Burgdorf, Solothurn, Schaffhausen, Zürich, St. Gallen und Rheinfelden ihre jüdische Bevölkerung.

Anfangs 2020 kursierten innert Kürze Memes, die den Juden die Schuld an dem Ausbruch von Covid-19 gaben -hier mit Tippfehler. Dieses Meme denunziert antisemitische Karikaturen sogar als Krankheitserreger. ADL

Zögernden Gemeinden wie etwa Aarau und Winterthur, wurde von anderen Städten 1349 angeraten, ihre Juden doch auch noch hinzurichten – was sie dann taten. In Basel schloss der Rat noch 1348 Gewalttäter aus, die den jüdischen Friedhof verwüstet hatten. 1349 liess der Rat dann alle Jüd:innen aus der Stadt schaffen und verbrannte Hunderte in einem eigens dafür errichteten Holzhaus auf einer Rheininsel.

Verurteilt in Abwesenheit: Die Lüge vom reichen Juden

Um 1400 begannen erste zeitgenössische Stimmen einen expliziten Zusammenhang herzustellen zwischen der Verfolgung und der ökonomischen Rolle, in die die Juden seit der Jahrtausendwende hineingedrängt worden waren. Der Strassburger Chronist Fritsche Closener meinte, dass man durch ihre Vertreibung auch die Schulden bei ihnen loswerden konnte, sei das eigentliche Gift, das den Juden zum Verhängnis geworden sei.

Es kam auch nach den Pestpogromen wieder zu zögerlichen Rücksiedelungen von Jüd:innen in die Städte überall in Europa. Doch die Abgrenzungsgebote der Kirche wurden nun rigoroser verfolgt: In Zürich wurden Prostituierte, die Juden bedienten, verbannt, Frauen, die mit Juden intim wurden, öffentlich, mit spitzen Judenhüten auf dem Kopf, gedemütigt.

Christen wurden bestraft, wenn sie mit Juden tanzten und feierten. In Basel durften Juden nun keine Esswaren auf dem Markt berühren. In Genf wurde den Juden ein Ghetto zugewiesen, dass sie ab Ende des 15. Jahrhunderts mit den Prostituierten teilen mussten.

Durch Vertreibungen und willkürliche Judenschuldtilgungen war das verfügbare Vermögen vieler jüdischer Geldleiher im 14. Jahrhundert stark gesunken. Die Vorgaben waren gelockert worden, zunehmend drängten nun auch christliche Konkurrenten ins Geschäft. Die Juden wurden in das Pfandleihgeschäft zurückgedrängt, das als besonders verwerflich galt, da Menschen dadurch Land und Häuser verloren.

Das antisemitische Meme "Happy Merchant" existiert in allen möglichen Varianten im Netz. Es zeigt einen händereibenden Mann mit gekrümmter Nase – es wird als Symbol für die Behauptung verwendet, Juden würden die Welt beherrschen und ihren Einfluss stetig vergrössern: In dieser Variante durch die Impfung gegen Corona. ADL

Insbesondere verarmte Adelige begründeten ihren ökonomischen Niedergang oft mit den hohen Zinsen der Juden – auch wenn diese oft der letzte Ausgang waren, flüssige Mittel zu besorgen. Hier erschienen die Juden als Sündenböcke eines ökonomischen Strukturwandels von der Feudalherrschaft zu einer von städtischem Handel dominierten Wirtschaft.

Ausgerechnet mit dem Niedergang ihrer ökonomischen Bedeutung wurde der Vorwurf, die Juden würden Wucher betreiben, zum Hauptmotiv ihrer Verfolgung– man brauchte sie nicht mehr.

Städte in ganz Europa begannen, die Jüd:innen endgültig zu vertreiben – manchmal durften noch ein jüdischer Arzt oder vereinzelte Familien bleiben. Ende des 15. Jahrhunderts wurden auch in der Schweiz alle Jüd:innen aus den Städten vertrieben. Sie flüchteten in den Osten oder liessen sich in ländlichen Regionen nieder.

Doch der Hass auf die Juden schwand nicht aufgrund ihrer Abwesenheit: In Passionsspielen wurden die teuflischen Juden alljährlich vorgeführt, und die Mär vom geldbesessenen, blutgierigen Juden entwickelte sich weiter.

Antijüdischer Blutkult als Kritik moderner Handelsformen. Leon Barritt: The Commercial Vampire (1898) wikicommons

Der Antisemitismus endet auch nicht mit der Reformation: Martin Luther und seine Hassreden gegen die Juden werden von Historikerinnen als zentrale Schnittstelle gesehen, die den Judenhass des Mittelalters an die Moderne anschliesst.

Juden werden in Abwesenheit zum bösen Prinzip erklärt, zum ökonomisch Schädlichen und göttlich Verdorbenen. Der Judenhass wird zur Folklore, die paranoiden Erzählungen über die Jüd:innen zu Passepartouts für alle möglichen historischen Bruchstellen und Phasen der Verunsicherung. 

Daran knüpfte dann auch der moderne Antisemitismus an: In den radikalen Umbrüchen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden die Juden erneut zum Blitzableiter des gesellschaftlichen Wandels. Der Hass gegen die Juden wird biologisch verbrämt, die Rassentheorie entsteht und tritt ihren vernichtenden Siegeszug durch Europa und die Welt an.

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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