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Küng: "Die Wirtschaft braucht eine gewisse Moral"

Der Schweizer Theologe Hans Küng fordert mehr Ethik in der Wirtschaft. Keystone Archive

Der Schweizer Theologe Hans Küng gilt als einer der brillantesten katholischen Denker seiner Generation.

Dieser Inhalt wurde am 26. Dezember 2002 - 10:07 publiziert

Vor kurzem sprach er mit Jonathan Summerton von swissinfo über die Rolle der globalen Ethik in Wirtschaft und Politik.

Küng hat mehrere Bücher geschrieben, darunter "Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft".

swissinfo: Was ist Weltethos?

Hans Küng: Das ist nicht etwa Teil einer neuen Ideologie, sondern vielmehr eine Superstruktur für bestimmte Leute. Es ist also nicht eine einzige Religion.

Es ist ganz einfach: Es ist der moralische Mindeststandard, der in einer Familie, einer Gemeinschaft, einer Nation nötig ist, damit die Menschen zusammenleben können. Es braucht einen gewissen Konsens über grundlegende moralische Prinzipien, und diese Prinzipien finden Sie in allen grossen Traditionen der Menschheit: in den religiösen und philosophischen Traditionen.

Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: Die goldene Regel "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg' auch keinem andern zu" ist in den Lehren des Konfuzius, im Judentum, in der "Bergpredigt" und in der islamischen Tradition zu finden. Es ist eine ganz allgemeine Norm, die auf Menschen, Länder und andere Gesellschaftsgruppen angewendet werden kann.

Hat das im 21. Jahrhundert denn noch Gültigkeit? Werden Weltethik und Weltstandards nicht irgendwie als westliche Normen definiert?

Nein, diese Normen findet man in der alten chinesischen Weisheit, in indischen Traditionen oder bei den Aborigines in Australien. Das ist ja eben das Schöne daran: Es ist nicht so, dass das westliche Konzept anderen auferlegt wird. Es werden nicht einfach westliche Ethikstandards angewendet, denn diese Grundhaltungen findet man überall.

Transparenz und Verantwortlichkeit sind wichtige Schlagworte in Politik und Wirtschaft. Gibt es das wirklich oder sind es Begriffe, mit denen die Öffentlichkeit und die Medien mit ihren Forderungen beschwichtigt werden sollen?

Es gibt sicher einen Mangel an Transparenz. Und an den jüngsten Skandalen der Wall Street oder auch in der Schweiz sieht man, dass es nicht nur einen Mangel an Transparenz im technischen Sinne gibt, sondern dass ganz einfach gelogen, betrogen und gestohlen wurde. Das sind sehr elementare Prinzipien.

Ich denke, sowohl an der Wall Street wie in der Schweiz realisieren eine Menge Leute, dass die Wirtschaft eine bestimmte Moral und Ethik braucht, um Katastrophen wie bei Swissair, Credit Suisse, Ringier und anderen zu vermeiden, wo es eine Menge Lügen und Unehrlichkeit gab.

Ist es nicht so, dass jemand, der wirtschaftliche oder politische Macht hat, vor allem für seine eigenen Interessen arbeitet, und dies so lange, als man sie dabei nicht erwischt?

Ja, aber die jüngste Entwicklung zeigt, dass das keine gute Politik ist, auch keine gute Wirtschaft. Natürlich ist es legitim, für seine eigenen Interessen zu arbeiten, aber in Kombination mit gewissen ethischen Standards.

Beim Geschäften jede Art ethische Norm beiseite zu lassen, ist vielleicht in einer Seifenblasenwirtschaft möglich, wie wir sie bis vor kurzem hatten.

Aber sobald eine kritische Phase kommt - und in einer solchen sind wir heute - platzt die Seifenblase und es wird klar, dass die Wirtschaft ihre Wurzeln nicht in guten ethischen Prinzipien hat.

Zwar versuchen Firmen zu zeigen, dass sie Verantwortung für Umwelt oder Leben der Menschen in anderen Ländern übernehmen. Aber ist man auf Seiten der Antiglobalisierungsgruppen nicht immer noch misstrauisch?

Sogar Leute wie Dr. Horst Köhler, Geschäftsführer des Internationalen Währungsfonds (IWF) räumen ein, dass viele Proteste und Demonstrationen gegen bestimmte Missbräuche der Globalisierung gerechtfertigt sind.

Heute ist man sich mehr und mehr einig, dass die Globalisierung sicher grosse Vorteile hat, die wir nicht verpassen dürfen. Doch andererseits hat sie auch viele Nachteile: Es gibt nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer.

Wir dürfen nicht vergessen, dass im Frühstadium des Kapitalismus bestimmte Reformen nötig waren. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, können wir nicht nur einfach wirtschaftlichen Prinzipien folgen, ohne uns um Länder oder gar Kontinente wie Afrika zu kümmern, die nicht Schritt halten können. Wir müssen ein gewisses Gleichgewicht finden.

Wenn wir von Globalisierung sprechen, sprechen wir nur von einer Handvoll Ländern, deren Firmen sich überall sehr breit machen. Müssen die Chefs dieser Firmen Philanthropen werden und anderen Ländern helfen?

Es ist gut, wenn sehr reiche Leute auch Menschenfreunde sind.

Aber natürlich kann das nicht die Lösung sein. Wir brauchen eine neue Finanzstruktur in der Welt. Wir können nicht so abhängig bleiben von den Bewegungen des Marktes, wo der Glaube an ein gewisses Land zu schnell wächst, und wo dann bei einer weltweiten Krise das gesamte ausländische Kapital das Land verlässt und es zur Katastrophe kommt. Wir brauchen bestimmte Vorschriften. Aber dazu ist ein ethischer Impuls nötig.

Wenn in den Regierungen oder den Finanzhierarchien niemand bereit ist, etwas zu tun und zu sagen, dann geraten wir von einer Krise in die nächste.

Die jüngste Entwicklung - die Kursstürze an der Börse - ist bereits ein Zeichen, dass wir einen irrationalen Überschwang hatten, wie der Präsident der Federal Reserve Board sagte. Aber warum tat man nichts gegen diesen Überschwang? Die Kurse stiegen und stiegen, aber wie üblich platzte die Blase. Um solche Entwicklungen in Zukunft zu vermeiden, müssen wir vorsichtiger sein und erkennen, dass die Finanzstruktur der Welt nicht zufriedenstellend ist.

Eigentlich brauchen wir eine neue Art von Bretton Woods Abkommen. Das erste verhalf während zwei oder drei Jahrzehnten zu finanzieller Stabilität in den Märkten. Jetzt brauchen wir meiner Meinung nach eine neue Art von Abkommen, und ich hoffe, dass wir nicht bis zum nächsten grossen Crash wie jenen im Jahr 1929 warten müssen, dass endlich etwas geschieht.

Fakten

September 2002:

Die Erinnerungen von Hans Küng

"Erkämpfte Freiheit" - Bericht über die ersten vier Jahrzehnte seines Lebens

Die Autobiografie schildert Küngs Kampf um die Freiheit des Denkens

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In Kürze

Hans Küng wurde 1928 in Sursee, im Kanton Luzern geboren.

Küng studierte Philosophie und Theologie in Rom und Paris und wurde 1954 ordiniert.

1962 ernannte ihn Papst Johannes XXIII zum offiziellen Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils, das bis 1965 dauerte.

Er lehnte als erster wichtiger römisch-katholischer Theologe, in seinem Buch "Unfehlbar? Eine Anfrage" (1971), die Doktrin der päpstlichen Unfehlbarkeit ab.

1979 wurde ihm sein Lehrauftrag entzogen.

Von 1960 bis zu seiner Pensionierung war Küng Professor für Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung der Universität Tübingen, Deutschland.

Er ist Präsident der Stiftung Weltethos.

Am 18. Dezember erhielt er den Ehrendoktor der Universität Miami, die letzte von zahlreichen Würdigungen.

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