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Krypto-Nation Schweiz trotzt Bitcoin-Absturz

Das Streben nach dezentralisierten digitalen Systemen geht trotz der starken Turbulenzen auf den Kryptowährungs-Märkten weiter. Keystone/ Valentin Flauraud

Der Preis des Bitcoin ist auf ein Drittel seines Höchstwerts gefallen. Eine experimentelle Kryptowährung namens Terra ist auf spektakuläre Weise abgestürzt. Und mehrere Kryptounternehmen haben Arbeitsplätze abgebaut oder stehen gar vor dem Aus. Was bedeutet das für die wachsende Blockchain-Industrie in der Schweiz?

Dieser Inhalt wurde am 04. August 2022 - 14:00 publiziert

"Der Marktcrash wird für viele Schweizer Startups katastrophale Folgen haben", sagt Adrien Treccani, Geschäftsführer des Schweizer Kryptounternehmens Metaco, gegenüber swissinfo.ch. "Ich sage voraus, dass in den nächsten sechs Monaten etwa 20 bis 30% von ihnen verschwinden werden."

Der volatile Markt für Kryptowährungen hat eine weitere Auf- und Abstiegsphase erlebt. Der Preis des Bitcoin hat sich zwischen Mitte 2020 und Ende letzten Jahres mehr als verzehnfacht und ist danach wieder um zwei Drittel eingebrochen. Wobei ein Grossteil der Verluste in den letzten Monaten zu verzeichnen war.

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Die Boom-Phase saugte Geld von Daytraderinnen und Startup-Investoren an, die durch den Mangel an anderen Geldvermehrungsmöglichkeiten und die Freude an Krediten für Investitionen zu Tiefstzinsen ermutigt wurden.

Erschütternde Rückschläge

"Wir sahen, wie viel Geld blindlings in Träume floss, die von Technologiegläubigen verkauft wurden", sagt Erik Wirz, geschäftsführender Partner der Zuger Headhunting-Firma Wirz & Partners.

"Die Leute wollen an Träume glauben, aber viele davon waren Luftschlösser. Vor einigen Monaten, noch vor dem Absturz der Kryptokurse, begannen Investorinnen und Investoren nachzufragen: 'Wo ist der Businessplan, wo ist das Geld?'"

Dank einer umfassenden Überarbeitung der Finanz- und Unternehmensgesetze zur Integration von Kryptowährungen in die Unternehmenslandschaft ist die Schweizer Blockchain-Industrie auf mehr als 1000 Unternehmen angewachsen. Sie bieten insgesamt rund 6000 Arbeitsplätze an.

In der selbsternannten "Krypto-Nation" gab es bisher weder Stellenstreichungen in der Grössenordnung der US-amerikanischen Börse Coinbase noch Zusammenbrüche wie bei der Auflösung des Hedgefonds Three Arrows Capital auf den britischen Jungferninseln.

"Mein Bauchgefühl sagt mir, dass einige Unternehmen in der Schweiz in Schwierigkeiten sind, aber wie sich der Markt in Zukunft entwickeln wird, kann nur die Zeit zeigen", sagt Dirk Klee, Geschäftsführer der in Zug ansässigen Bitcoin Suisse. Sein Unternehmen sei gut aufgestellt, um dem Sturm zu trotzen, da es die Belegschaft im vergangenen Jahr um 60% auf 300 Mitarbeitende erhöht habe.

"Andere [globale] Marktteilnehmer haben ihre Belegschaft vervierfacht oder sogar noch mehr, und sie müssen jetzt Korrekturen vornehmen. Wir waren ein wenig vorsichtiger", sagt Klee.

Aber die jüngsten herben Rückschläge konnten den Enthusiasmus der Schweizer Blockchain-Branche insgesamt nicht dämpfen. "Es gehört einfach zu den Eigenschaften der Kryptomärkte, dass wir solche Abstürze haben. Dies war keine grosse Überraschung", sagt Andy Flury, Gründer des Krypto-Finanzdienstleisters Algotrader mit Sitz in Zürich.

"Es wird noch viel experimentiert, und einige Technologien sind noch sehr neu. Wenn einige Dinge jetzt nicht funktionieren, heisst das nicht, dass sie in Zukunft nicht besser werden können", sagt Diana Biggs, Chief Strategy Officer bei Valour.

Das in Kanada ansässige Unternehmen gibt kryptogestützte Anlageprodukte an Börsen aus. "Diese Technologie kann nicht gebremst werden, und es gibt kein Zurück mehr. Ich bin nach wie vor optimistisch für diesen Bereich."

Auf die Substanz kommt es an

Solche Äusserungen hört man oft in der Schweiz, und sie klingen entweder nach Angeberei oder nach purer Verblendung. Die zugrundeliegende Botschaft ist, dass der Preis von Bitcoin irrelevant sei, wie der Schaum auf einem Cappuccino. Was zählt, sei die Substanz, die zurückbleibe, wenn die Blasen geplatzt sind.

Ziel der Blockchain ist es, ein digitales System aufzubauen, das die Nutzenden von den Zwängen des Internets befreit, indem es Gebühren, Papierkram und Zeitverluste durch den Zwischenhandel reduziert.

Ausserdem soll damit den Tech-Giganten, die persönliche Daten für ihren eigenen Profit abgreifen, die Kontrolle entrissen werden. Das Ethos besteht darin, eine neue Art von Internet zu schaffen, das sich im Besitz und unter der Kontrolle eines Netzwerks von normalen Nutzenden befindet.

Ein solches System, so die Befürworterinnen und Befürworter, werde ein faireres Mittel bieten für den Geschäftsverkehr, den Wertschriftenhandel, die Stimmabgabe, Computerspiele, das Führen eines Unternehmens, das Eintreiben von Tantiemen im Kunstbereich, das Speichern persönlicher Daten und eine Vielzahl anderer Anwendungsfälle.

"Krypto als Anlageklasse wird sich ungeachtet der jüngsten Ereignisse durchsetzen", sagte Tracey McDermott, Leiterin der Abteilung Verhalten, Finanzkriminalität und Compliance bei der Standard Chartered Bank, auf dem schweizerisch-singapurischen Point Zero Forum für Finanztechnologie in Zürich.

"Niemand von unserer Kundschaft hat sich von Verträgen zurückgezogen oder Projekte verschoben. Die Zahl der neuen Anfragen ist nicht zurückgegangen", sagt Flury von Algotrader. "Der Krypto-Crash hat keinen Einfluss auf die langfristigen Digital-Assets-Strategien der grossen Finanzunternehmen."

Sein Unternehmen zählt zehn grosse Banken zu seinen Kunden, ebenso wie die Schweizer Bank für digitale Vermögenswerte Sygnum. Metaco, ein weiteres Unternehmen, das die klassische Finanzwelt mit Kryptowährungen verbindet, hat kürzlich den US-Bankenriesen Citi und die französische Société Générale unter Vertrag genommen.

Der jüngste Marktabsturz wurde durch das Scheitern einer als Stablecoin bekannten Form der Kryptowährung beschleunigt. Diese soll ihren Wert an traditionelle Währungen oder andere Vermögenswerte wie Gold koppeln.

Der Terra-Stablecoin, der an den US-Dollar gekoppelt werden sollte, erfreute sich grosser Beliebtheit. Bis er zusammenbrach und Milliarden von angelegten Geldern mit sich in die Tiefe riss. Aus einer Innovation wurde über Nacht die komplette Zerstörung.

Dies führte dazu, dass verschiedene Länder – darunter die Vereinigten Staaten, aber auch die Europäische Union – sowie internationale Gremien, welche die globalen Finanzmärkte überwachen, eine Vielzahl neuer regulatorischer Massnahmen ergriffen haben.

Es lässt sich auch nicht leugnen, dass es im dezentralen Finanzwesen viele ruchlose Aktivitäten gegeben hat. Die Gier der Öffentlichkeit nach schnellem Geld bietet immer wieder einen fruchtbaren Boden für Schneeballsysteme, Insiderhandel, Marktmanipulation und irreführendes Marketing von Krypto-Investitionssystemen.

"Ein Grossteil des Handels mit digitalen Vermögenswerten ähnelt dem US-Aktienmarkt im Jahr 1928 [eine Periode frenetischer Spekulationen, die dem Wall-Street-Crash vorausging]", sagte Urban Angehrn, Leiter der Schweizer Finanzaufsichtsbehörde Finma, am Point Zero Forum. "Alle Arten von Missbrauch (...) sind häufig und üblich."

Mehr Überwachung wird kommen

Die Finma hat sich bisher auf die Verhinderung von Geldwäsche mithilfe von Kryptowährungen konzentriert. Angehrn deutete jedoch an, dass die Zeit reif sein könnte für eine strengere Überwachung von Marktmissbräuchen.

"Es ist nicht verboten, zu spekulieren. Spekulation ist eine legale Aktivität", sagte er. Aber Spekulantinnen und Spekulanten mit zwielichtigen Praktiken zu schröpfen, sei nicht in Ordnung. "Wir brauchen einen geordneten Handel und Transparenz. Wir sollten die Mittel haben, um missbräuchliche Aktivitäten zu bekämpfen", warnte Angehrn.

Mehrere Kryptowährungs-Unternehmen, die ihr Leben auf abgelegenen Offshore-Inseln begannen, wie etwa die Börsen Bitmex und Binance, haben dies zur Kenntnis genommen und verlagern zunehmend Teile ihres Betriebs in stark regulierte Länder wie die Schweiz.

Der Crash der Kryptowährungen wird zudem die schwächeren Unternehmen aus dem Markt drängen. Viele überlebende Unternehmen betrachten die erwartete Periode niedriger Preise für Kryptowährungen – bekannt als "Krypto-Winter" – als eine Gelegenheit, sich in aller Ruhe und ohne Ablenkung durch den Handelsrausch aufzubauen.

"Das Platzen der Blase wird den Lärm herausfiltern und den Markt vereinfachen. Normalerweise tauchen nach einem grossen Zusammenbruch neue Möglichkeiten auf", sagt Adrien Treccani von Metaco.

Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub

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