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Keine Hoffnung auf eine baldige Eiszeit

Prozession gegen den Vormarsch der Gletscher in den Alpen wikicommons

Ein Berner Klimatologe und ein Klimahistoriker haben ein Buch über das Klima der letzten 1000 Jahre geschrieben. Ihre Botschaft: Die klimatische Situation heute ist unvergleichbar.

Dieser Inhalt wurde am 11. November 2021 - 11:45 publiziert

Auf der Blüemlisalp findet man keine Blumen – nur Felsen und Kälte, das Bergmassiv in den Berner Alpen ist von Eis umschlossen. Doch der Sage nach soll die Blüemlisalp einst so saftig gewesen sein, dass die Kühe, die dort weideten, dreimal täglich gemolken werden mussten und der reiche Senn seine Geliebte in Milch baden liess. Die Wege pflasterte er mit Käselaiben. Die gerechte Strafe folgte: Eis und Fels donnerte über den Ort hinein, der Gletscher schloss sie ein.

Die Blüemlisalp-Sage ist nicht nur eine Parabel über die Vertreibung der Hochmütigen aus dem Paradies, sondern auch ein Zeugnis vom Klimawandel am Ende des Mittelalters. Als nach einer Wärmephase des Wohlstands die Kleine Eiszeit über Europa hineinbrach, begannen die Gletscher wieder zu wachsen. Man versuchte sie mit Gebeten und Prozessionen zu besänftigen, mit Kreuzen zurückzudrängen. Heute betet man dafür, dass die Gletscher nicht ganz verschwinden.

"Skeptische" Privatklimatolog:innen lieben solche alte Geschichten. Da wird von Wärmeperioden im Frühmittelalter geschwärmt und mit der Kleinen Eiszeit am Ende des Mittelalters argumentiert. Daraus wird geschlossen, dass auch Klimageschichte wie die Kleidermode in Zirkeln verläuft: Alles kommt immer wieder. Nachdem es kalt war, wird’s halt wieder warm, kein Grund zur Sorge, so ist der Lauf der Geschichte. Klimaforscher:innen wird vorgeworfen, gerade mit Klimageschichte Panikmache zu betreiben.

Ötzi als Weckruf

Diesen Nebelwerfern stellen sich der Historiker Christian Pfister und der Klimatologe Heinz Wanner klar entgegen. Der erste Satz ihres Buches über Klimageschichte lautet: "Die historische Situation ist unvergleichbar." Denn auch wenn in England im 14. Jahrhundert noch (halbwegs) trinkbarer Wein angebaut wurde und Olivenbäume in Köln wuchsen: Der Klimawandel, den die Welt seit Mitte des 20. Jahrhunderts erfährt, ist ohne historisches Beispiel.

Ein Zeuge von vielen dafür ist die berühmteste alpine Leiche, Ötzi, die 1991 plötzlich freigeschmolzen aufgefunden wurde. Das zeigte, "dass die Grösse der Alpengletscher unter die Minima der vorangegangenen 5000 Jahre gefallen war." Wer ein weniger morbides Beispiel braucht: Ein Jahr davor hatte man in den Schweizer Alpen damit begonnen, die Abfahrtshänge künstlich zu beschneien, um den Skifahrbetrieb aufrecht erhalten zu können, obwohl kaum mehr Schnee fiel.

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Der Meeresschlick als Klimazeuge

Historisch arbeitende Klimatolog:innen und Klimahistoriker:innen ziehen ihre Informationen aus den Archivalien der Natur – Baumrinden, Ablagerungen in Meeresschlick, Bohrkerne aus Eisbergen, Stalagmiten - aber auch aus jahrhundertealten Roggenpreislisten.

Die Geschichte des Klimawandels lässt sich auf mehrere Arten und Weisen erzählen. Eine ist die Geschichte ihrer Treiber. Bis in die Mitte des 19. Jahrhundert blieb der menschliche Einfluss auf das Klima minim. Veränderungen waren das Resultat von Vulkanausbrüchen und vor allem schwankender Sonnenaktivität. Mit der Industrialisierung setzt dann der menschgemachte Klimawandel ein. Doch richtig beschleunigt wurde der Klimawandel durch die bis heute herrschende Konsum- und Mobilitätskultur, die in den 1950er Jahren durch eine Schwemme billigen Öls möglich wurde.

Das Buch beschäftigt sich auch vorsichtig nur mit der Klimageschichte Europas, denn bis ins 20. Jahrhundert gibt es keine globale Klimageschichte. Erst seit den letzten Jahrzehnten zeigen sich global die gleichen Verschiebungen. Eine synchrone Weltgeschichte des Klimas gibt es erst durch den menschlichen Einfluss.

Die neue Verletzlichkeit

Pfister und Wanner zeigen auch, wie klimatische Bedingungen in der Geschichte die Anfälligkeit auf Umbrüche wie Aufstände, Krieg und Hetze erhöht haben.

Dieses Zürcher Flugblatt von 1570 zeigt Hexen, die den Teufel anbeten. Oben links sieht man, wie eine Hexe mit einem satanischen Zaubertrank ein Unwetter herbeizaubert. wikicommons

Dabei bringen der Historiker und der Klimatologe ihre Expertisen zusammen. Es ist ihnen bewusst, dass beispielsweise die Verfolgung der Hexen durchaus auch noch andere Ursachen hatte, als das Wetter. Doch der Einfluss des Klimas war doch ein entscheidender Faktor: Mitte des 15. Jahrhunderts sackte die Sonnenaktivität ab, es wurde kälter, die Folge war eine Serie regnerische und unfruchtbarer Sommer – vergleichbar mit dem des Jahre 2021. Eine beliebte Erklärung: Hexerei. Der Höhepunkt der Hexenverfolgung fällt mit einer rapiden Klimaverschlechterung zusammen.

Heute, mit der neuen Warmperiode und den extremen Schwankungen, die damit einhergehen, begeben wir uns wieder in eine neue Ära der Verletzlichkeit, argumentieren die Autoren. "Klima und Gesellschaft in Europa" versteht sich als historisches Buch über die Zukunft: Das Ziel der Autoren ist es, zu zeigen, wie klimatische Verschiebungen die Gesellschaft der Vergangenheit beeinflusst haben – und wie man sich nun auf Ähnliches wappnen könnte.

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