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Kein nationaler Stolz für "Junior Swissair"

Keystone

Fünf Jahre nach dem traumatischen Swissair-Grounding hat die Öffentlichkeit noch immer keine emotionale Bindung zur Nachfolgerin Swiss gefunden.

Dieser Inhalt wurde am 02. Oktober 2006 - 09:50 publiziert

Luftfahrtexperten glauben jedoch, dass Swiss Vertrauen erwerben könnte, wenn die gegenwärtige Aufwärtsbewegung unter den Fittichen der deutschen Lufthansa anhält.

Als die Swissair-Flugzeuge am 2. Oktober 2001 auf dem Boden blieben, wurde die Schweiz von einem virtuellen Katzenjammer erfasst. Das Vertrauen der Nation sank ins Bodenlose, als das Bild der wohl organisierten Zuverlässigkeit entlarvt wurde.

Der damalige Swissair-Pilot Christian Frauenfelder war auf dem Rückflug von Tokio, als die niederschmetternde Nachricht sein Cockpit erreichte.

"Als eindrücklichste Erinnerung an diesem Tag bleibt mir das Rollen durch die Reihen der gegroundeten Flugzeuge nach der Landung in Kloten. Es war wie ein Friedhof von Schweizerfahnen, und mein Herz war schwer", sagte er gegenüber swissinfo.

Beinahe das ganze Land teilte Frauenfelders Schock und Verlustgefühl. "Die Swissair wurde als Symbol der Schweiz gesehen, eines, das den Menschen gehörte. Der Zusammenbruch einer nationalen Fluglinie konnte in Drittweltländern geschehen, in Bananenrepubliken – aber nicht in der Schweiz", sagte er.

Aus Crossair und Rest-Swissair wird Swiss

Fünf Monate später wurde eine neue nationale Fluggesellschaft aus der Taufe gehoben. Dazu wurde die Fluggesellschaft Crossair mit den Resten der Swissair verbunden, finanziert mit Steuergeldern.

Aber trotz des Schweizerkreuzes auf den Heckflossen ihrer Flugzeuge konnte die Swiss nicht mehr die selben Gefühle von Stolz und emotionaler Zugehörigkeit erzeugen.

Aufwallende Gefühle

"Am Tag nach dem Grounding demonstrierten Swissair-Piloten in Zürich aus Protest gegen die Banken, die sie für den Niedergang der Fluglinie verantwortlich machten", erklärte Matthiaas Mölleney, in jener Zeit Swissair-Personalchef, gegenüber swissinfo.

"Als die Menschen sie marschieren sahen, kauften sie alle erhältlichen Blumen und schenkten sie den Piloten. Heute würden viele dieser Blumen in den Geschäften bleiben, wenn der Swiss dasselbe passieren würde."

Bröckelnder Status

"In den fünf Jahren seit dem Grounding standen die Fluggesellschaften unter einem unkontrollierbaren globalen Druck – dazu gehören Treibstoffkosten oder der Wettbewerb mit preiswerteren Konkurrenten. Dies führt in den Augen der Öffentlichkeit zu einem geringeren Status", sagt Madeleine Herren-Oesch, Sozialgeschichte-Professorin an der Universität Heidelberg.

"Airlines und Flughäfen sind nicht mehr Sinnbilder für die Moderne oder ein Symbol für den Erfolg einer Nation", so Herren-Oesch gegenüber swissinfo. "Sie werden jetzt als laut, störend und gefährlich betrachtet."

Verlangen nach Perfektion

Frauenfelder fliegt heute für die Swiss und ist Vizepräsident der Piloten-Gewerkschaft Aeropers. Er ist der Ansicht, dass sich die Swiss auch um die Zuneigung der Bevölkerung bemüht habe. In ihren ersten Jahren hätte sie jedoch vor allem für den Abbau von Schulden und Arbeitsplätzen kämpfen müssen.

"Als die Swissair am Boden blieb, groundete auch die Gefühlsbindung zu der Fluggesellschaft. Das kann nicht wieder gut gemacht werden", sagt er.

"Die neue Fluggesellschaft hatte schon von Beginn an Probleme. Und die Schweizer Bevölkerung konnte das nicht akzeptieren, weil sie eine perfekte nationale Fluggesellsschaft wollte. Swiss wurde eher als 'Junior-Version' der Swissair betrachtet."

Nach Mölleneys Ansicht ist es für das Publikum schwierig, sich mit einer in deutschem Besitz befindlichen Gesellschaft zu identifizieren. Frauenfelder ist jedoch überzeugt, dass die Intervention von Lufthansa einen "Willkommen-Reflex" ausgelöst hat.

Silberstreifen am Horizont?

Der kürzliche 24-Stunden-Streik von ehemaligen Crossair-Piloten hat einige öffentliche Reaktionen ausgelöst. "Swiss hat eben begonnen, das Ruder in finanzieller Hinsicht herum zu reissen. Und die Leute sehen diesen Streik als Bedrohung für diesen Erfolg", sagt Frauenfelder.

"Wenn dieser Erfolg aber anhält, sind die Menschen vielleicht wieder stolz auf die Fluggesellschaft mit den Nationalfarben am Heck."

swissinfo, Matthew Allen
(Übertragung aus dem Englischen: Etienne Strebel)

Fakten

Swiss International Airlines schrieb 2005 einen Verlust von 178 Mio. Fr., 38 Mio. Fr. mehr als im Vorjahr.

Trotzdem machte die Gesellschaft einen Gewinn von 76 Mio. Franken im ersten Semester dieses Jahres (in derselben Periode 2005 gab es einen Verlust von 89 Mio. Fr.)

Die Gesellschaft startete am 31. März 2002 mit 133 Flugzeugen und 10'000 Angestellten. Heute zählt sie noch rund 6539 Angestellte, und 67 Flugzeuge fliegen 69 Destinationen in 42 Ländern an.

Zwei Langestrecken-Airbus A330-200 kommen im November zur Flotte und weitere zwei Kurzstrecken-A321 und eine A320 werden den Flugzeugpark im Frühjar 2007 verstärken. Damit werden rund 250 neue Arbeitsstellen geschaffen.

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In Kürze

Die frühere nationale Fluggesellschaft Swissair brach 2001 unter einem Schuldenberg infolge einer verheerenden Expansionskampagne zusammen. Das letzte Swissair-Flugzeug landete, aus Buenos Aires kommend, am 1. April 2002 in Zürich.

Mit staatlicher Unterstützung wurde die Swiss am 31. März 2002 aus der Taufe gehoben. Die neue Gesellschaft war aus einer Fusion von Crossair und den Resten der Swissair gebildet worden.

Im März 2005 wurde Swiss von der deutschen Lufthansa für 430 Mio. Franken übernommen.

Gegen einige Swissair-Führungs-Mitglieder wurde Strafanzeige erstattet.

Am 26. September traten 78 ehemalige Crossair-Piloten in einen 24-stündigen Streik, nachdem die Swiss deren Forderungen nach mehr Lohn wiederholt zurückgewiesen hatte.

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