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Kampf der Kantone um Spitzenmedizin

Seit 10 Jahren ringen die Kantone um die Spitzenmedizin. Keystone

Die Spitzenmedizin in der Schweiz soll auf die fünf Universitätsspitäler aufgeteilt werden. Dies raten internationale Gesundheits-Experten.

Dieser Inhalt wurde am 22. November 2006 - 08:30 publiziert

Doch der Kanton Zürich will die Konzentration der Spitzenmedizin auf lediglich zwei Zentren: eines an der Limmat, das andere an der Rhone. Zürich kündigt auf Ende Jahr eine eigene Expertise an.

Alle fünf Universitätsspitäler der Schweiz sollen ihren Beitrag zur Spitzenmedizin leisten. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten, das internationale Experten im Auftrag der Kantone Basel und Bern verfasst haben.

Das monopolistische Zürcher Modell wird von ihnen nicht als sinnvoll eingestuft. Der Kanton Zürich reagierte verhalten und wartet ein eigenes Gutachten ab.

Konzentration unumgänglich

Die ausländischen Experten bestritten an der Medienkonferenz in Basel nicht, dass die Spitzenmedizin in der Schweiz konzentriert werden müsse.

Eine Beschränkung auf ein einziges nationales Zentrum oder auf zwei Zentren in der Deutsch- und der Westschweiz, wie es die Zürcher Regierung will, würde der komplexen Schweizer Situation aber ihrer Ansicht nach nicht gerecht.

Die drei Gutachter aus Quebec, Oxford und München fanden vielmehr, dass jedes Universitätsspital seinen Beitrag leisten solle. Sie schlugen deshalb eine Netzwerklösung vor. So könnte durch positiven Wettbewerb eine hohe Versorgungsqualität und gleichen Zugang zur hochspezialisierten Medizin in allen Landesteilen garantiert werden.

Zudem würden günstige Kosten-Nutzenrelationen sowie die wirtschaftliche Entwicklung der Universitätskantone Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich gefördert.

Modell von Basel und Bern

Die Experten kamen aber auch zum Schluss, dass die fünf Partner für eine solch radikale Lösung noch nicht bereit seien. Sie schlugen deshalb vor, die Zusammenarbeit zwischen Basel und Bern als Modell für künftige Entwicklungen zu nutzen.

Dabei könnten nicht nur weitere Universitätsspitäler, sondern beispielsweise auch Kantonsspitäler eingebunden werden. Weiter braucht es laut dem Gremium ein nationales Register für die Programme der Spitzenmedizin.

Basel und Bern bestärkt, Westschweiz zufrieden

Die Regierungen der Kantone Basel-Stadt und Bern fühlen sich durch das Gutachten in ihrer Haltung bestärkt. Der Berner Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud hofft, dass die Netzwerk-Strategie auch in der Gesundheitsdirektoren-Konferenz der Kantone (GDK) begrüsst wird.

Erste Reaktionen seien positiv ausgefallen. Ihm sei aber auch klar, dass der Preis für ein funktionierendes Netzwerk der partielle Verzicht sei.

Über die Verteilung der Spitzenmedizin-Programme müsste erst noch entschieden werden. Der Basler Gesundheitsdirektor Carlo Conti lud die Zürcher Kollegen ein, "wieder ins Boot zu steigen".

Die Gesundheitsdirektoren der Waadt und des Kantons Genf reagierten ebenfalls zufrieden. Pierre-Yves Maillard (Waadt) und sein Genfer Kollege Pierre-François Unger halten den Weg mit fünf Spitzenmedizin-Zentren für richtig.

Zürich wartet ab

Die Zürcher Regierung ist zwar grundsätzlich gesprächsbereit. Wie die Gespräche weitergehen sollen, könne aber erst entschieden werden, wenn auch das von Zürich in Auftrag gegebene Gutachten vorliege, sagte Martin Brunnschweiler, Generalsekretär des Zürcher Gesundheitsdepartements.

Für Kopfschütteln sorgte in Zürich, dass die Fragestellung der beiden Gutachten nicht übereinstimme.

Medizinischer Föderalismus

Die Zürcher wollen klären lassen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, damit die hochspezialisierte Medizin möglichst wirtschaftlich, qualitativ hochstehend und international konkurrenzfähig erbracht werden könne, erklärte Brunnschweiler.

Die Basler und Berner dagegen hätten nicht nach diesen ökonomischen und medzinischen Kriterien gefragt. Sie wollten Auskunft über die Bedeutung für die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Schweiz.

Eine solch föderalistische Verteilung hätte laut Brunnschweiler wirtschaftliche und qualitative Nachteile und würde die internationale Konkurrenzfähigkeit mindern.

Die Zürcher wollen ihr Gutachten noch vor Weihnachten präsentieren. Erst dann könne man sich auch abschliessend zum Gutachten aus Basel und Bern äussern.

swissinfo und Agenturen

Eine lange Geschichte

2004: Die Kantone vereinbaren die Reduktion der hochspezialisierten Medizin auf wenige Zentren (Interkantonalen Vereinbarung über die Koordination und Konzentration der hoch spezialisierten Medizin, IVKKM).

Damit würden Kosten gespart. Die IVKKM sollte ab 2008 Organ-Transplantationen, Herzchirurgie, pädiatrische Kardiologie sowie grossflächige Verbrennungen regulieren.

2005: Der Kanton Zürich entscheidet, dieser Vereinbarung nicht beizutreten, weil er eine Konzentration auf zwei Zentren bevorzugt.

Mai 2006: Bern und Basel beschliessen, die Herzchirurgie ab 2007 gemeinsam zu betreiben.

November 2006: Basel und Bern präsentieren ein Gutachten, das eine Netzwerklösung vorschlägt.

Dezember 2006: Der Kanton Zürich will eine von ihm in Auftrag gegebene neue Expertise präsentieren.

Mai 2007: Die Gesundheitsdirektoren-Konferenz (GDK) wird erneut über das Thema beraten.

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