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Historischer Streik in der Schweiz

Streikende Arbeiter vor einer Baustelle in der Nähe von Luzern. Keystone

Im grössten Streik der Schweiz seit 55 Jahren haben die Streikenden über hundert Baustellen lahmgelegt.

Dieser Inhalt wurde am 04. November 2002 - 14:13 publiziert

Die Gewerkschaften sprechen von über 10'000 Streikenden. Die Baumeister von einer schwachen Beteiligung.

Für Vasco Pedrina, den Präsidenten der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), sprach von einem "Riesenerfolg".

Im Kanton Genf und im Tessin ruhten auf fast allen Baustellen die Arbeit, meldete die Gewerkschaft. 3800 Streikende wurden aus dem Kanton Genf gemeldet. Im Tessin schätzte die lokale GBI die Zahl der Streikenden auf gegen 3500.

Auch in Bern und Umgebung wurde der Streikaufruf befolgt. Nicht gearbeitet wurde unter anderem auf der Baustelle des Wankdorf-Fussballstadions. In Basel ruhten die Arbeiten am Messeturm, dem höchsten Gebäude der Schweiz und an der Nordtangente, der grossen Strassenverbindung nach Frankreich.

Auch in der Innerschweiz sei die Teilnahme am Streik gut gewesen. Im Kanton Zürich hätten rund tausend Arbeitnehmer die Arbeit niedergelegt. Einzig im Kanton Wallis wurde nicht gestreikt.

Die Aktion dauerte den ganzen Montag. Am Nachmittag fanden diverse Kundgebungen statt.

Die Kampfmassnahmen hatten bereits am Sonntagabend um 22.00 Uhr auf der NEAT-Baustelle in Faido im Kanton Tessin begonnen.

Baregg-Tunnel blockiert

Vorübergehend wurde auch die Baustelle am Baregg-Tunnel blockiert. Bei der Autobahn-Baustelle an diesem Nadelöhr der A1 zwischen Zürich und Bern versammelten sich am Montag Nachmittag gegen 2000 Arbeiter. Der Verkehr auf der A1 kam sowohl in Richtung Zürich als auch in Richtung Bern zum Erliegen.

Lieber verhandeln

Der Aufruf der Gewerkschaften sei insgesamt nur schwach befolgt worden, schrieb der Schweizerische Baumeisterverband (SBV). Dies habe gezeigt, dass die Bauarbeiter lieber verhandelten als streikten. Der SBV bezeichnete den Streik als "sinnlos, kontraproduktiv und illegal".

Laut SBV-Präsident Heinz Pletscher waren rund 100 Baustellen landesweit lahmgelegt worden. Viele Baumeister hätten die Angestellten jedoch nach Hause geschickt, um die Arbeit später nachzuholen oder ihnen frei gegeben.

Streit um Frühpensionierung

Mit ihren Aktionen protestieren die Gewerkschaften, gegen einen - wie sie sich ausdrückten - "Vertragsbruch" des Schweizerischen Baumeisterverbandes. Die Baumeister würden "seit Monaten" die vertragliche Vereinbarung zur Frühpensionierung ab dem sechzigsten Altersjahr auf dem Bau nicht einhalten, obwohl ein rechtsgültig unterzeichneter Vertrag vorliege.

"Die Bauarbeiter bauen für die Schweiz und bezahlen dafür mit ihrer Gesundheit", schrieb die GBI. Mehr als 40 Prozent aller Bauarbeiter würden sterben oder invalid, bevor sie 65-jährig sind. Jahrelang habe man nun für die Frühpensionierung mit 60 gekämpft.

SBV: Kein Vertragsbruch

Für den Präsidenten des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV), Daniel Lehman, bricht der SBV keinen Vertrag, wie das die Gewerkschaften erklären.

Wie Lehman gegenüber swissinfo sagte, habe man keinen Vertrag zur Frühpensionierung unterzeichnet, sondern eine "Eckwert-Vereinbarung". Diese muss weiter verhandelt werden und führt dann zum Vertrag.

Die Frühpensionierung werde über einen Fonds finanziert, um die Reduktion der Leistungen der Pensionskasse bei Frührenten auszugleichen. Es wurde vereinbart, dass der Arbeitgeber 4%, der Arbeitnehmer 1% der Lohnsumme in den Fonds einbezahlt.

Damit wollte man dem Frühpensionierten 70% des letzten Lohnes ausrichten. Nun aber sei das in der heutigen Zeit nicht finanzierbar, sagt der SBV-Präsident. Die Arbeitgeber schlagen deshalb vor: 63 und 64-jährige erhalten 70%, 62-jährige 65% und die 60 und 61-jährigen 60% des letzten Lohnes.

Damit würde ein Bauarbeiter, der mit 60 in Rente geht 60% des letzten Lohnes (und nicht 70%) erhalten. Dazu kommt für tiefere Einkommen ein Sockelbeitrag von bis zu 6000 Franken pro Jahr. Diese Regelung müsste sicher 10 Jahre Bestand haben. Lehmann sagte, Berechnungen des SBV hätten ergeben, dass sonst der Fonds schnell einmal Verluste ausweisen müsste.

Die Arbeitgeber seien aber weiterhin gesprächsbereit und am 7. November würde man sich wieder mit den Gewerkschaften treffen. Der SBV stehe weiterhin zum Rentenalter 60 für Bauarbeiter, müsse aber auf den genannten Eckwerten beharren. Stur werde man aber nicht sein. "Ich finde dieses Angebot fair und begreife nicht, warum gestreikt wird", sagte SBV-Präsident Lehmann.

Urs Maurer und Agenturen

In Kürze

Der Präsident der Gewerkschaft Bau und Industrie, Vasco Pedrina, bezeichnete den Streik vom Montag als die grösste Arbeits-Niederlegung seit 1947. Bei dem von Pedrina angesprochenen Arbeitskonflikt von 1947 ging es um einen neuen Landesmantelvertrag im Baugewerbe mit Lohnerhöhungen und Arbeitszeit-Verkürzungen.

Es kam zu zahlreichen lokalen Streiks. Allein in Zürich traten rund 12'000 Bauarbeiter in den Ausstand. Unter Vermittlung der Schweizer Regierung wurde schliesslich ein Kompromiss gefunden. Die Gewerkschaften lenkten ein, um die anstehende AHV-Abstimmung nicht zu gefährden.

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