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Grenzensprenger: Roman Signer

Blaues Fass, 1999. Hauser & Wirth

In der Lokremise, St. Gallen, wird in einer Einzelausstellung das vielseitige Werk des Schweizer Künstlers Roman Signers gezeigt.

Dieser Inhalt wurde am 12. Mai 2003 publiziert Minuten

Die Werkausstellung der Sammlung Hauser und Wirth erstreckt sich über 30 Schaffensjahre und präsentiert rund 50 alte und neue Exponate.

Lokremise 2003. Aufeinander gestapelt, in einer Pyramidenform stehen zwanzig blaue Fässer mit je einem Einschussloch. Die Fässer stehen in einem Wasserbecken. Fässer und Umgebung spiegeln sich im Wasser. Der grosse Raum erscheint noch grösser, tiefer, weiter.

Lokremise 2003. Zwei Ventilatoren stehen sich gegenüber. Beide laufen, kühlen die Umgebung. Bei genauen Hinschauen wird klar, dass nur ein Ventilator Energie durch Strom bezieht. Der andere wird durch den verkabelten angetrieben. Energie ist Energie ist Energie.

Lokremise 2003. An der Decke hängt ein Koffer. Signers Koffer. Er dreht sich im Kreis. Eine eingebaute Kamera filmt die Umgebung, die wiederum auf einem Monitor zu sehen ist. Die Um-Welt im Ringsum-Schwebezustand.

Prophet im eigenen Land

International hat Roman Signer, 1938 in Appenzell geboren, längst alle Grenzen überschritten. Von New York bis Tokio, von der documenta 8, Kassel (1987) bis zur Biennale in Venedig (1999), Roman Signer ist weltberühmt.

In seinem Stammland hingegen, der Ostschweiz, schien bis vor kurzem das geflügelte Wort "vom Propheten, der im eigenen Lande nicht viel gilt", angebracht. Obwohl seit den 80er Jahren im öffentlichen Raum in St.Gallen präsent, ist der vielseitige Künstler bis heute weder richtig anerkannt noch mit Stolz genannt. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nun, vielleicht schafft ja diese Ausstellung in St. Gallen den Funkenschlag und entzündet ein Feuer für den Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Videokünstler, den Menschen Roman Signer. Und sprengt jene Grenzen, die Signer selbst in seiner Kunst so scheinbar mühelos versetzt, durchlöchert und neu zieht.

Die Kunst Roman Signers in Worte zu fassen ist so schwierig, wie seine Werke einfach und vielfach zugleich sind. Hintergründig, tiefgründig, abgründig. Mal erscheinen seine Arbeiten voller Poesie, voller Witz, Melancholie. Aber auch Trauer und politische Statements können daraus gelesen werden.

Schwelende Feuer

Bekannt geworden ist Roman Signer mit spektakulären pyrotechnischen Aktionen. Einst entfachte er eine lange Zündschnur vom Appenzellerland ins St. Gallische. Stundenlang zischte die Zündschnur über Wiesen, Hänge und Felder.

Was den einen als Kunst erschien, schien anderen als reine Provokation und Scharlatanerie. Denn das Verhältnis der beiden Ostschweizer Kantone kennt immer auch Spannung und schwelende Momente.

Ein anderes Mal trugen Raketen Mützen in den Himmel, zogen Feuerwerkskörper gelbe Bänder in die Höhe, sprengte Signer mit Schwarzpulver Kisten und Kästen.

Signers Kosmos

Dabei ist der signerische Kosmos unendlich, dehnt sich aus in Raum und Zeit. Seine künstlerischen Mittel sind nie nur Mittel zum Zweck, sie sind Protagonisten. Feuer ein Element unter vielen. Erde, Luft und immer wieder Wasser, die Natur sind Teil seiner Arbeit.

Wie sagt Michaela Unterdörfer, Kuratorin der Ausstellung: "Wir versuchen in dieser Ausstellung auch den anderen Signer zu zeigen, den Bildhauer, der den Skulpturenbegriff enorm erweitert hat. Die verschiedenen Zeitebenen in seinen Arbeiten. Das Davor, das Währenddessen, das Danach."

Einmalig vielseitig

Die Einmaligkeit vieler seiner Arbeiten dokumentierte Roman Signer schon früh. In der Fotografie, in der Zeichnung, im Super 8 Film. Heute nehmen diese Arbeiten einen wichtigen Teil in seinem Schaffen ein. Folgerichtig sind sie auch in der St. Galler Ausstellung zu finden.

Die Ausstellungsräume in der Lokremise, Signers örtliche Nähe zur Ausstellung, sowie der Wunsch nach neuen Installationen erwiesen sich als Glücksfall. Den ganzen Winter lang nahm Roman Signer die Räume in Beschlag, füllte sie und schuf neues und altes.

Die Magie, das Geheimnisvolle, das witzig Surreale seiner Werke ist mit jedem Schritt spürbar. Die (vermeintliche) Abwesenheit des Menschen in seinen Installationen zwingen die Besucher, das Kunstwerk in Kopf und Bauch zu "vollenden". Grenzüberschreitend.

Es gibt viele Gründe für einen Ausflug in die Ostschweiz. Die Ausstellung von Roman Signer ist einer davon. Ein zwingender.

swissinfo, Brigitta Javurek, St. Gallen

Fakten

Roman Signer, 1938 in Appenzell geboren, gehört heute zu den bedeutendsten europäischen Gegenwartskünstlern. Nach einer Bauzeichnerlehre und Studien in Zürich, Luzern und Warschau kehrte Signer in die Ostschweiz, nach St. Gallen zurück, wo er bis heute lebt und arbeitet. Bis heute hat Roman Signer, die ihm gebührende Achtung und Beachtung in der Schweiz, in der Ostschweiz noch nicht erhalten.

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In Kürze

Die Sammlung Hauser und Wirth ist eine private Sammlung internationaler zeitgenössischer Kunst. Seit Juni 1999 ist sie in den Sommermonaten in einer ehemaligen Lokremise in St. Gallen für die Öffentlichkeit zugänglich. Nach mehreren Gruppenausstellungen zeigt die diesjährige Ausstellung über 50 Exponate und Rauminstallationen von Roman Signer. Die Ausstellung dauert vom 11. Mai 2003 bis 12. Oktober 2003.

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