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Gesuch für neues Kernkraftwerk eingereicht

"Gösgen II" soll in der Nähe des bestehenden Kraftwerks zu stehen kommen. Keystone

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist in der Schweiz ein Gesuch für ein neues Atomkraftwerk eingereicht worden. Während die Wirtschaft den Vorstoss begrüsste, kündigten Atomkraft-Gegner bereits das Referendum an.

Dieser Inhalt wurde am 10. Juni 2008 publiziert

Das neue Kernkraftwerk des Schweizer Stromkonzerns Aare-Tessin AG für Elektrizität (Atel) soll im solothurnischen Niederamt auf den Gemeindegebieten von Däniken, Gretzenbach und/oder Niedergösgen SO gebaut werden.

Dies erklärte Atel-Chef Giovanni Leonardi am Dienstag in Olten. In Däniken steht bereits das Atomkraftwerk Gösgen.

Für Leonardi muss das neue Atomkraftwerk von einer Bevölkerungsmehrheit am Standort akzeptiert werden. Zweiter Faktor sei eine breite Trägerschaft für das Investitionsvolumen von 6 bis 7 Milliarden Franken. Dazu sei Atel noch auf Partnersuche. Zeitdruck bestehe nicht.

2025 ans Netz

Strom ans Netz liefern soll der neue Leichtwasserreaktor mit Hybrid-Kühlturm frühestens ab 2025. Nach Berechnungen von Atel soll der Bau acht Jahre dauern. Der Oltener Stromkonzern geht davon aus, dass eine Referendums-Abstimmung über die Rahmenbewilligung 2012 oder 2013 stattfinden könnte.

Das neue AKW soll als standardisierte Anlage aus erprobten Systemen, Anlageteilen und Geräten erbaut werden, wie Herbert Niklaus, Leiter Energie Schweiz bei der Atel, sagte. Details seien noch nicht festgelegt. Zur Diskussion stehe ein Reaktor mit einer Jahresleistung zwischen 1100 und 1600 Megawatt.

Die geologischen Bedingungen im geplanten Standortgebiet entsprächen den Voraussetzungen. Der Hybrid-Kühlturm würde 60 Meter hoch, der Nasskühlturm des bestehenden Kernkraftwerks Gösgen misst 150 Meter. Der neue Kühlturm würde fast keine Wolkenfahne erzeugen.

Engpass befürchtet

Hintergrund für den angepeilten Neubau ist für Atel der sich abzeichnende Versorgungsengpass. Dieser entstehe, weil der Stromverbrauch steige und das Stromangebot wegen der Ausserbetriebnahme der älteren Kernkraftwerke und dem Auslaufen von Langzeit-Importverträgen sinken werde.

Stromimporte seien wegen der Knappheit in ganz Europa nicht im grossen Stil möglich.

Zwei weitere AKW in Planung

Auch die Stromkonzerne Axpo und BKW planen zwei neue Kraftwerke, die dereinst die ältesten Schweizer Werke in Beznau und Mühleberg ersetzen sollen. Noch vor Ende Jahr wollen sie Gesuche um Rahmenbewilligungen einreichen.

Die gemeinsame Planungs-Gesellschaft Resun von Axpo und BKW nahm die Arbeit in diesem Jahr auf. Liegt ihr Rahmenbewilligungsgesuch bis Ende Jahr vor, könnte der Bundesrat 2009 über die neuen AKW entscheiden und das Parlament 2010. Das letzte Wort könnte das Volk 2012 haben, 2020 könnten die Werke in Betrieb gehen.

Referendumsdrohung

Die Reaktionen auf die Atel-Pläne fielen am Dienstag geteilt aus. Die Allianz "Stopp Atom" von 28 Umweltverbänden und Parteien kündigte umgehend das Referendum an. Die Grünen teilten mit, sie unterstützten dieses.

Die Umwelt-Organisation Greenpeace bezeichnete es als einen Fehler, auf diese Energie zu setzen, um den von Stromkonzernen erwarteten Energieausfall zu decken. "Es wäre besser, die Zeit und das Geld in eine Anlage zu stecken, die erneuerbare Quellen entwickelt", erklärte Sprecher Clément Tolusso gegenüber swissinfo.

Auch die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) hat kein Verständnis für das Anliegen. "Erstens ist eine noch viel sicherere Stromversorgung auf Basis von erneuerbaren Energien und einem effizienten Stromeinsatz möglich. Das zeigen auch die Energieperspektiven des Bundes", sagte Geschäftsleiter Jürg Buri.

"Zweitens sind diese neuen Atomkraftwerke nicht sicherer. Sie bergen genau die gleichen Risiken wie die bereits bestehenden. Die Atomtechnologie ist alles andere als ausgereift. Zudem sind die neuen Typen Prototypen, die noch nicht erprobt sind. Es ist im Prinzip alter Wein in neuen Schläuchen."

Wirtschaft: Bau nötig

Anders sieht es der Wirtschaftsdachverband economiesuisse. Er begrüsste das Gesuch. Angesichts einer drohenden Stromlücke sei der Neubau für den Wirtschaftsstandort Schweiz von entscheidender Bedeutung, sagte Sprecher Urs Näf. Die Atomenergie sei klimafreundlich, kostengünstig und im Inland erzeugt.

Und die Aktion für eine vernünftige Energiepolitik der Schweiz (AVES) verlangte, der Bau des neuen AKW müsse schnell an die Hand genommen werden. Seit mehreren Jahren drifte die Schweiz auf einen Versorgungsengpass zu. Neben der Aufrechterhaltung der Wasserkraft sei der Bau neuer AKW unerlässlich.

swissinfo und Agenturen

Die Zeiten ändern sich

In den 1990er-Jahren, kurz nach Tschernobyl, sagt das Stimmvolk Ja zu einem zehnjährigen Moratorium für neue Nuklearanlagen.

1998 entscheidet die Landesregierung (Bundesrat) den faktischen Ausstieg aus der Kernenergie.

Nach Ende des Moratoriums kommt die Forderung nach neuen Anlagen.

2003 werden die beiden Initiativen "Strom ohne Atom" (für den Ausstieg) und "Moratorium Plus" (für ein weiteres zehnjähriges Moratorium) an der Urne klar verworfen.

2005 tritt das revidierte Kernenergiegesetz in Kraft. Es lässt die Option Kernenergie offen und unterstellt neue AKW dem fakultativen Referendum.

Im Februar 2007 beschliesst der Bundesrat, die bestehenden Kernkraftwerke zu ersetzen oder durch Neubauten zu ergänzen.

Im Januar haben bereits England und Frankreich den Bau neuer Anlagen bestätigt.

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Bestehende 5 KKW

Beznau-I und II (Döttingen, Aargau), Nordostschweizerische Kraftwerke (NOK)
In Betrieb seit 1969 und 1971, Stromproduktion 2007: 3 Mrd. kWh und 2,9 Mrd. kWh

Mühleberg, Bern, Bernische Kraftwerke AG (BKW)
1972, 2,9 Mrd. kWh

Gösgen (Däniken, Solothurn), Aare-Tessin AG für Elektrizität (Atel)
1979, über 8,1 Mrd. kWh

Leibstadt, Aargau, Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg AG (EGL)
1984, 9,4 Mrd. kWh

Total Stromerzeugung 2007: knapp 26,5 Mrd. kWh, ca. 40% der Schweizer Produktion.

Ab 2020 müssen Mühleberg sowie Beznau I und II altershalber ersetzt werden. Gösgen hat eine Lebensdauer bis 2040, Leibstadt bis mindestens 2045.

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