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Geständnisse eines 'Ndrangheta-Bosses im Schweizer TV

Die Zeugenaussage von Felice Ferrazzo: eine dunkle Realität. RSI

Während die Mailänder Staatsanwältin Ilda Boccassini einen Prozess gegen 174 mutmassliche Mitglieder der 'Ndrangheta, der mächtigen kalabrischen Mafia, führt, sagt der Ex-Boss des Ferrazzo-Clans aus – und dies auch erstmals im Tessiner Fernsehen (RSI).

Dieser Inhalt wurde am 18. Dezember 2010 - 11:07 publiziert
Gemma d'Urso, Lugano, swissinfo.ch

Um seine Aussagen für den Dokumentarfilm "L'onore del sangue" (Die Ehre des Blutes) aufzunehmen, reisten die beiden Tessiner Filmemacher Gianni Gaggini und Marco Tagliabue nach Italien, "an einen geheimen Ort". Dort lebt der 55-jährige Felice Ferrazzo mit seiner Familie unter Polizeischutz. Seit 2000 arbeitet er mit der Justiz zusammen, .

Der grobschlächtige und wenig kultivierte Mann - "ich ging nur bis zur dritten Primarklasse in die Schule" - war während zehn Jahren, von 1990 bis 2000, Boss des Clans, der seinen Namen trägt. Die in Mesoraca in der kalabrischen Provinz Crotone ansässige "kleine Familie" herrschte über ein Gebiet, auf dem einer der blutigsten Mafia-Kriege ausgetragen wurde.

Schweizer Wurzeln

"Ich war Befehlshaber über zehn Personen", erzählt der Ex-Boss den RSI-Filmemachern. "Ich entschied über unsere Aktionen und bestimmte die Personen, die umgebracht werden mussten."

Unter den Befehlen des Chefs habe der Ferrazzo-Clan den Drogenhandel, namentlich mit Kokain, sowie den Waffenhandel kontrolliert, ebenso die Geldwäscherei, sagt Gianni Gaggini gegenüber swissinfo.ch. "Die Wurzeln des Clans reichten nicht nur bis nach Norditalien, sondern bis in die Schweiz, nach Lugano und Zürich."

Felice Ferrazzo, der zwei Kinder aus zwei Ehen hat, kennt die Schweiz gut. Mit 17 Jahren kam der Kalabrier mit seinen Eltern in den Kanton Tessin, zuerst in die Region Locarno, später nach Lugano, wo eine grosse kalabrische Gemeinschaft lebt, grösstenteils aus Mesoraca stammend. Ohne jegliche Ausbildung arbeitet der junge Felice als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Ein Leben, das er nicht lange so führen wird.

"Wenn ich im Tessin weiterhin auf dem Bau gearbeitet hätte, wäre ich heute schon fast pensioniert", sagt er mit einem leicht bedauernden Ton in seiner Stimme. "Aber die Dinge sind anders verlaufen…"

Gefängnis in Lugano und Flucht

1982 erhält Felice Ferrazzo eine erste Strafe aufgebrummt, wegen Handel mit Cannabis. Er muss ins Gefängnis 'La Stampa' in Lugano. Eineinhalb Jahre später gelingt ihm die Flucht aus dem Knast, und er kehrt nach Mesoraca zurück. "Dort unten hat man mich 'getauft', und ich wurde ein 'Mann der Ehre'…eine Scheissehre schlussendlich!"

Ab 1990 konsolidiert Felice Ferrazzo seine Autorität an der Spitze des Clans. Dazu beseitigt er jene, die ihm im Weg stehen, wie Ernesto Russo, Ex-Chef der "Familie". So wird Felice zum unumschränkten Boss der Region, die er dank den in Lugano oder Zürich gekauften Waffen kontrolliert.

"Man brachte sie in Reis- oder Kaffee-Paketen versteckt über den Zoll von Chiasso oder Ponte Tresa" erinnert er sich. "Wir wurden nie kontrolliert."

Ein Netz von Helfershelfern

In der Schweiz wäscht der Ferrazzo-Clan auch sein Geld, vor allem bei Tessiner und Zürcher Banken. "Mit diesem Clan ist die 'Ndrangheta ein Schweizer Phänomen geworden, eine Realität, mit einem festen Netzwerk", sagt Gaggini.

"Im Tessin, vor allem in Lamone, einem nördlichen Vorort von Lugano, Hochburg der Leute aus Mesoraca, hat Felice Ferrazzo ein Netz von Helfershelfern auf die Beine gestellt. Die Beziehungen zu seinen Handlangern in der Schweiz waren stabil und sicher", sagt Gaggini.

In Italien wird Felice Ferrazzo 1993 erstmals verhaftet und bleibt bis 1996 im Gefängnis. Nach seiner Freilassung kehrte er in die Schweiz zurück, natürlich geheim. Dabei baut er die Kontrolle über die Achse Lugano-Zürich aus.

Nach seiner Rückkehr nach Mesoraca im Jahr 2000 verändert sich das Leben des Bosses entscheidend. Felice Ferrazzo und sein älterer Sohn entkommen knapp einem Anschlag, der von seinem Cousin und Rivalen Mario Donato organisiert wurde, der heute im Gefängnis sitzt.

Seitenwechsel

"An diesem Tag fuhren mein Sohn und ich in einem gepanzerten Kleinwagen, deswegen kamen wir mit dem Leben davon", sagt Ferrazzo. Dieses Ereignis bringt den Clan-Boss dazu, sich den Behörden zu stellen und mit der Justiz zusammenzuarbeiten. "Ich habe beschlossen auszusagen, um mein Gewissen zu erleichtern."

Dank seinen wichtigen Zeugenaussagen konnten die italienischen und die Schweizer Behörden die geheimsten Mechanismen der kalabrischen Mafia und deren internationale Vernetzungen aufdecken. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, wo das Massaker von Duisburg ein frappantes Beispiel einer Abrechnung zwischen Clans war, und in Spanien.

"Das lange Gespräch mit Felice Ferrazzo, das eigentlich ein erschütterndes Geständnis war, seine einfachen und harten Erzählungen haben ein anderes Bild der 'Ndrangheta gegeben: Nicht nur eines einer strategischen Organisation, sondern auch eines einer blutigen Realität, welche das Verbrechen banalisiert und welcher keine Person ausweichen kann, weder in Italien noch in der Schweiz", sagt Gianni Gaggini.

Zerschlagung der 'Ndrangheta in Mailand

Am 15. Dezember 2010 hat die Mailänder Staatsanwaltschaft den Prozess gegen 174 im vergangenen Juli in der Lombardei (Norditalien) verhaftete mutmassliche Mitglieder der 'Ndrangheta eröffnet.

Die Staatsanwältin Ilda Boccassini, bekannt für ihre zahlreichen Untersuchungen gegen das organisierte Verbrechen und die Zusammenarbeit mit der Ex-Tessiner Staatsanwältin Carla del Ponte, beschuldigt die Angeklagten zahlreicher Delikte, darunter der kriminellen Vereinigung.

Die Angeklagten, die in Mailand vor Gericht stehen, haben ihre Aktivitäten in die ganze Lombardei und in andere europäische Länder, auch die Schweiz, ausgeweitet.

Zahlreiche Angeklagte sind laut Boccassini über jeden Verdacht erhabene Personen, Unternehmer, bisher unbescholtene Berufstätige.

Dank ihrer Infiltration in lokale Unternehmen gelang es der 'Ndrangheta beinahe, die Wettbewerbs-Ausschreibungen für die internationale Expo 2015 in Mailand unter ihre Kontrolle zu bringen.

Am 3. Dezember 2010 hat die Staatsanwaltsschaft von Mailand das Eigentum von Mafia-Bossen beschlagnahmt, Wohnungen, Grundstücke, Warenlager und Geschäfte im Wert von über 15 Millionen Franken.

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Schneller Aufstieg

Die 'Ndrangheta ist reich und mächtig. Mafia-Experten schätzen deren Jahresumsatz auf 44 Milliarden Euro.

Roberto Saviano, Schriftsteller, Journalist, Mafia-Experte und Autor des Buches Gomorra, das die Aktivitäten der neapolitanischen Mafia (Camorra) beschreibt, spricht sogar von 100 Mrd Euro allein in Italien.

Die 'Ndrangheta hat das Monopol über den Kokain-Handel in Europa. Die Organisation arbeitet mit den wichtigsten Drogenbaronen Lateinamerikas zusammen.

Tonnen von Kokain werden von dort aus via Ostafrika nach Europa geschleust, auch in die Schweiz, wo der Kokain-Konsum in den letzten fünf Jahren massiv zugenommen hat.

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