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Afrika, vom Monte Bré aus gesehen

Corinne Hofmann, Luganeserin "durch Adoption". Keystone

13 Jahre nach dem Bestseller "Die weisse Massai" bringt die Schweizerin Corinne Hofmann mit "Afrika, meine Passion" ihr viertes Buch heraus. Sie erzählt von einer Reise, von Slums und der ersten Begegnung ihrer Tochter mit ihrem Massai-Vater.

Dieser Inhalt wurde am 09. Juli 2011 - 10:00 publiziert
Gemma d’Urso, Lugano, swissinfo.ch

Die Schriftstellerin Corinne Hofmann, die als Tochter eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter in Frauenfeld, Kanton Thurgau, geboren wurde, wird für immer die "weisse Massai" bleiben, wohin sie auch geht.

Auch wenn sie versucht habe, dieses Kapitel abzuschliessen, bleibe Afrika für immer in ihrem Herzen, sagt sie.

Dass ihr Afrika immer noch sehr wichtig ist, merkt man, sobald man ihr dreistöckiges rotes Hauses am Hang des Monte Bré bei Lugano betritt, das sie vor drei Jahren gekauft und selber renoviert hat.

Im grosszügigen Esszimmer mit Sicht auf die Bucht von Lugano erinnern Gemälde, Möbel, Fotos und Schmuck an den Schwarzen Kontinent. Sie begrüsst uns ebenso herzlich wie bei früheren Begegnungen.

swissinfo.ch: Nach "Die weisse Massai", "Zurück aus Afrika" und "Wiedersehen in Barsaloi" geht es auch in Ihrem vierten Buch um Afrika. Worum genau?

Corinne Hofmann: Mein neuestes Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten erzähle ich von einer Wanderung, die ich zwischen Mai und Juli 2009 in Namibia unternommen habe.

Im zweiten Teil berichte ich von meinen Besuchen in den Slums von Nairobi, Kenia, wo ich humanitäre und soziale Projekte vorgestellt habe.

Der dritte Teil ist sicher der berührendste, denn er handelt vom ersten Treffen meiner Tochter Napirai – geboren am 1. Juli 1989 in Wamba in Nordkenia während meiner Ehe mit dem Samburu-Krieger (a.d.R.: Stamm der Massai) Lketinga – mit ihrem Vater und seiner gesamten afrikanischen Familie.

Als ich im Oktober 2008 die Lesetour meiner ersten drei Bücher durch die Deutschschweiz, Deutschland und Österreich abgeschlossen hatte, war ich entschlossen, dieses Kapitel meines Lebens abzuschliessen. Doch ich konnte nicht lange widerstehen: Ende 2008, nach einer vierwöchigen Reise durch Indien, packte mich das "Afrikafieber" wieder, quasi ein "Afrikaweh".

Ich habe nicht sofort an ein viertes Buch gedacht, als ich Ende 2008 ohne zu zögern auf eine Anzeige in einem Reiseheft reagierte. Ein deutscher Fotograf suchte eine "Autorin/Begleiterin mit viel Mut und Humor für eine Expedition zu Fuss und Kamel, wo die Welt noch wild ist".

Ich liebe Spaziergänge und gehe oft in die Berge – auch im Tessin –, also habe ich am Tag nach der Publikation, am 31. Dezember 2008, geantwortet, ich sei interessiert.

swissinfo.ch: Und wie ging es weiter?

C.H.: Der Organisator der Reise kontaktierte mich umgehend und erklärte,  wir würden sechs Wochen lang durch die namibische Wüste wandern. Ich war definitiv überzeugt, und im Mai 2009 flog ich wieder nach Afrika. 

Fünf Jahre zuvor war ich das letzte Mal in Afrika gewesen. In Barsaloi, der Gegend, aus der mein Ex-Mann stammt, hatte ich beim Film "Die weisse Massai" die Regieassistenz gemacht.

Wir wanderten 720 Kilometer durch verschiedene, teils trockene, teils üppige Landschaften. Ein 22-jähriger namibischer Kamelführer begleitete uns mit Zelten und Gepäck. Ich traf wunderbare Menschen, voller Lebensfreude, mit faszinierenden Liedern und Tänzen.

Ich hatte auch Angst, als ich mich etwa in einem Nebelmeer verirrte, das ich überraschenderweise im namibischen Hochland angetroffen hatte. Ich litt stark an den Blasen an meinen Füssen. Ich habe 12 Kilo abgenommen, aber trotzdem jeden Moment dieser Reise genossen -  im Wissen, dass sie ein einzigartiges und unvergessliches Erlebnis sein wird.

swissinfo.ch: Eine Reise, die Sie schliesslich wieder nach Kenia brachte?

C.H.: Genau. Alles, was ich in Namibia erleben durfte, brachte die Erinnerungen an Kenia wieder hervor. Ich wollte das Land erneut besuchen, in dem ich 1990 einen Teil meines Herzens gelassen hatte und wo meine Tochter geboren wurde.

Ich habe auf dieser Reise ein anderes Kenia kennengelernt, jenes der Slumsiedlungen, der Millionen von Armen, die um Nairobi herum leben, weit weg von den touristischen Trampelpfaden.

Klaus, ein deutscher Kameramann, den ich vom Dreh der "weissen Massai" kannte, schlug mir vor, ihn auf eine Reise in die Hauptstadt zu begleiten. Er hatte dort über die Jahre Kontakte geknüpft mit initiativen Leuten, die Projekte für Entwicklung und humanitäre Hilfe aufgebaut hatten.

Im Februar 2010 brach ich also nach Nairobi aufn, wo ich in den Slums soziale Projekte kennenlernte wie den Bau einer Schule oder ein Haus für Frauen und Kinder. Ich bekam dort aus erster Hand Geschichten und Lebenserfahrungen von 15 Frauen zu hören, die vorher auf der Strasse gebettelt oder von Prostitution gelebt hatten.

Dank Mikrokrediten konnten sie ihre Träume verwirklichen und finanziell unabhängig werden. Eine der Frauen kaufte beispielweise eine Nähmaschine, begann zu nähen und konnte nach langem Sparen ein Haus erstehen, wo sie und ihre Kinder in Würde leben können.

Ich habe im Kleinen eine Stiftung aufgebaut, um diesem Teil der afrikanischen Bevölkerung zu helfen.

swissinfo.ch: Ein Erlebnis, das sie geprägt hat?

C.H.: Ja, sehr tief. In der Schweiz und in Europa sind wir uns nicht bewusst, dass wir alles haben: ein optimales Sozialsystem, Sicherheit, Gesundheit. In Afrika, wo sich die meisten Menschen auf einen Gelderwerb konzentrieren und die Kinder in der Obhut der Grosseltern lassen müssen, ist das ganz anders.

Trotzdem versprühen diese Menschen, die nichts haben, die kämpfen, um auf ein lebensnotwendiges Minimum zu kommen, eine unglaubliche Lebensfreude.

swissinfo.ch: Der dritte Teil Ihres Buches liegt Ihnen vermutlich am meisten am Herzen?

C.H.: Seit ich "Die weisse Massai" geschrieben habe, fragten mich Leser immer wieder, wann ich die Geschichte der ersten Reise meiner Tochter nach Kenia schreiben würde.

Um die Ängste und die Schüchternheit von Napirai zu überwinden und sie auf ihre erste Reise nach Afrika vorzubereiten, brauchte es Jahre, während denen sie Briefe der Familie ihres Vaters las und ich ihr Geschichten erzählte.

Den Damm gebrochen hat schliesslich ein sehr bewegender Brief von James, dem jüngeren Bruder meines Ex-Mannes, der seine Nichte in Barsaloi treffen wollte.

Wir brachen im August 2010 auf. Die Entdeckung ihrer Heimat wühlte Napirai sehr auf. Das erste Treffen mit ihrem Vater in Maralal bewegte sie sehr, und die anschliessende Reise nach Barsaloi erlaubte ihr, sich dem wahren Afrika anzunähern, nachdem sie es nur von meinen Beschreibungen gekannt hatte.

Die Umarmung durch ihre Grossmutter war ein unbeschreiblicher Moment mit grossen Gefühlen. Napirai durfte auch ihre vier Stiefschwestern und ihren Stiefbruder kennenlernen, die Kinder der zweiten Frau ihres Vaters, sowie ihre Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen.

Meine Beziehung zu ihnen und zu Kenia ist noch stärker geworden, unauflöslich. Jetzt kann ich wirklich sagen, dass Afrika meine grosse Passion ist.

Corinne Hofmann

Geboren am 4. Juni 1960 in Frauenfeld, Kanton Thurgau, deutscher Vater und französische Mutter. Nach der Schule in Glarus tritt sie eine Berufslehre zur Einzelhandels-Angestellten an.

In den 1980er-Jahren lässt sie sich in Biel nieder, wo sie eine Boutique für Second-Hand-Brautkleidung führt.

1986 verändert sich ihr Leben komplett, als sie mit ihrem Schweizer Verlobten eine Reise durch Kenia unternimmt: In einem Hotel in Mombasa lernt sie Lketinga kennen, einen schönen Massai-Krieger, der für Touristen in folkloristischer Kleidung auftritt. Sie verliebt sich unsterblich.

Nach der Rückkehr nach Biel löst Hofmann die Verlobung auf, verkauft das Geschäft und fliegt erneut nach Kenia. Sie trifft Lketinga im Dörfchen Barsaloi wieder, wo sie 1988 heiraten.

Im Juli 1989 wird die gemeinsame Tochter Napirai geboren. Die Geburt hilft aber nicht, Lketingas  Eifersucht zu lindern. Seine Trinkgewohnheiten setzt er fort. Zudem leidet die Gesundheit der Schweizerin unter den extremen Lebensbedingungen.

1990 setzt sich Hofmann mit ihrem Kind in die Schweiz ab, unter dem Vorwand, sie wolle das Mädchen ihrer Familie zeigen. Von dort informiert sie ihren Mann, dass sie  nicht mehr zurückkehren und sich scheiden lassen will. In den folgenden Jahren arbeitet sie für eine Versicherung und unterstützt die Familie ihres Ex-Mannes.

1998 kommt der Durchbruch: Der deutsche Verlag A1 veröffentlicht ihren Roman "Die weisse Massai". Das Buch wird in 17 Sprachen übersetzt und verkauft sich über 3 Millionen Mal. 2004 wird es verfilmt.

2002 zieht die Schriftstellerin nach Lugano. Sie gibt dem Druck ihrer Leserschaft nach und veröffentlicht ein Buch über ihr Leben nach Kenia: "Zurück aus Afrika".

Das dritte Buch, "Wiedersehen in Barsaloi", wird 2005 veröffentlicht. Darin erzählt sie vom ersten Wiedersehen mit ihrem Ex-Mann, 14 Jahre nach ihrer Abreise.

"Afrika, meine Passion" ist ihr viertes Buch. Es kam am 25. Mai 2011 im A1 Verlag heraus. Am 22 Juni erreichte es Platz 1 auf der Bestsellerliste der Deutschschweiz.

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