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"Mittellos ist etwas anderes als arm"

Alleinerziehende und Familien mit mehr als drei Kindern haben ein besonders hohes Armutsrisiko. Keystone

Die Europäische Union und die Schweiz haben das Jahr 2010 als das "Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung" erklärt. Was es heisst, während Jahren in finanzieller Not zu leben, weiss Maggie aus eigener Erfahrung.

Dieser Inhalt wurde am 05. Mai 2010 - 08:20 publiziert

Maggie ist eine von rund 360'000 Personen in erwerbstätigem Alter in der Schweiz, die als arm gelten.

Während Jahren lebte die allein erziehende Mutter nahe, meist jedoch unter der Armutsgrenze. Immer wieder war sie arbeitslos oder konnte trotz einer Stelle kein Einkommen über der Armutsgrenze erzielen. Während 16 Jahren bezog sie Sozialhilfe.

"Eigentlich habe ich das Wort 'Armut' nicht so gern", sagt die 52-jährige Maggie gleich zu Beginn des Gesprächs: "Ich betrachte mich nicht als arm".

Unregelmässiges Einkommen als Armutsrisiko

Maggie hatte seit ihrem Lehrabschluss kein regelmässiges Einkommen. Nach ihrer kaufmännischen Lehre in einem Verlagshaus, hatte sie zuerst Mühe, eine Stelle auf ihrem Gebiet zu finden. Schliesslich fing sie an, temporär zu arbeiten, woran sie auch Gefallen fand.

"Jahrelang hatte ich kaum eine feste Stelle. Ich arbeitete ein Jahr hier, ein Jahr dort", erinnert sie sich. "Man konnte mich überall einsetzen", sagt sie nicht ohne Stolz. Gleichzeitig sind das heute ihre Nachteile, denn sie hat keinen lückenlosen Lebenslauf: "Ich habe diese temporären Einsätze nicht dokumentiert und auch keine Arbeitszeugnisse verlangt."

Als 1991 ihr Sohn auf die Welt kam, entschied sie sich, nicht mehr einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. "Ich wollte mindestens die ersten drei Jahre für mein Kind da sein", erklärt sie. Aber nach der langen Pause gestaltete sich der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt als schwierig.

"Hinzu kam, dass ich als allein erziehende Mutter nicht 100 Prozent arbeiten wollte", sagt sie. Sie konnte zwar mal hier, mal dort etwas arbeiten, doch schliesslich sei sie beim Sozialamt gelandet.

"Bis mein Sohn 16 Jahre alt wurde, also bis vor zwei Jahren, bezog ich Sozialhilfe", erzählt Maggie. "Ich bin erst von der Sozialhilfe weggekommen, als ich zwei Stellen hatte und mehr als 100 Prozent arbeitete.

Geld ist nicht alles

Damals arbeitete Maggie tagsüber in einem Büro. Abends war sie zusätzlich als Pizzakurierin tätig, was sie bis heute noch aushilfsweise ist.

"Dank dem zusätzlichen Einkommen als Pizzakurier, bin ich von der Sozialhilfe weggekommen", sagt Maggie. "Ich konnte mein Selbstwertgefühl wieder zusammensuchen und Glauben an mich finden."

Doch hielten diese Gefühle nicht lange an: "Bei der Stelle im Büro herrschte schlechtes und stressiges Arbeitsklima, was ich nicht ertragen konnte", sagt sie.

Mit zwei Arbeitsstellen blieb auch wenig Zeit für ihren Sohn. "Ich bekam Schwierigkeiten mit ihm. Er kam einige Male völlig betrunken nach Hause und da musste ich Stopp sagen", erinnert sie sich.

Ihr Sohn sei immer gut damit umgegangen, dass wenig Geld zur Verfügung stand. "Natürlich gab es Situationen, in denen ich sagen musste, dass wir uns dieses oder jenes nicht leisten können", erzählt die Mutter.

Mehr Mühe hatte er damit, dass seine Mutter mit zwei Stellen wenig Zeit für ihn hatte. "Wir waren an einem Punkt, an dem wir gar nicht mehr reden konnten. Der Dialog ging verloren", sagt Maggie.

So habe sie sich entscheiden müssen, was wichtiger war: ein gesundes Kind oder Geld zu haben. "Natürlich ist mir die Gesundheit meines Kindes wichtiger", sagt sie bestimmt. Aus diesem Grund habe sie die Stelle im Büro gekündigt und sei so wieder in Geldnot geraten.

Mittellos ist nicht arm

Doch trotz der jahrelangen finanziellen Armut, bezeichnet sie sich nicht als arm: "Ich habe ein Dach über dem Kopf und meine Rechnungen konnte ich immer irgendwie bezahlen. Zwar bin ich ständig am Zappeln, aber ich komme mir trotzdem privilegiert vor", erklärt sie.

"Mittellos ist etwas anderes als arm", sagt Maggie. Im Vergleich zu anderen Menschen führe sie ein Luxusleben. "Es gibt Leute, die wirklich nichts haben, nicht einmal Gesundheit", erklärt sie. "Ich bin nicht krank. Wir haben zu essen und können sogar unsere Katze durchfüttern."

Natürlich müsse sie sich ab und zu überlegen, welche Schuhe sie anziehen solle. "Schuhe, die noch keine Löcher haben", präzisiert sie und fügt hinzu: "Aber ich mag es nicht so schwer nehmen."

Ungewisse Aussichten

Zurzeit ist Maggie in einem Beschäftigungsprogramm, das Ende Mai endet. "Das Programm ist aufgeteilt in einen Bewerbungskurs und in eine Teilzeitstelle beim Betreibungsamt", erzählt sie.

"Wenn ich jetzt eine feste Stelle finde, dann halte ich mich die nächsten zehn Jahre ruhig", sagt sie. Die Zeitspanne von zehn Jahren sei nicht zufällig gewählt, denn dann werde sie bald im Rentenalter sein, wo schon die nächsten finanziellen Schwierigkeiten auf sie warteten.

"Durch das Rumjobben über Jahre hinweg, steht es nicht sehr gut um meine Pensionskasse und solche Dinge. Dann wird das Theater einfach weiter gehen", stellt sie nüchtern fest.

Sandra Grizelj, swissinfo.ch

ARMUT IN DER SCHWEIZ

In der Schweiz gibt es keine allgemein gültige Armutsgrenze. Das Bundesamt für Statistik (BFS) richtet sich nach der Definition der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).

Die SKOS zieht für die Berechnung der Armutsgrenze drei Komponenten bei: die Kosten für den Grundbedarf für den Lebensunterhalt, die Prämie für die Krankenversicherung sowie die Wohnkosten.

Daraus ergeben sich folgende Armutsgrenzen:

Alleinstehende: 2200 Fr.
Alleinerziehende mit 2 Kindern: 3800 Fr.
Paar ohne Kinder: 3550 Fr.
Paar mit 2 Kindern: 4600 Fr.

Die vom Bundesamt für Statistik berechnete Armutsquote in der Schweiz bezieht sich auf die Werte der SKOS. Im Jahr 2007 lag die Armutsquote bei rund 9%.

Diese Prozentzahl bezieht sich jedoch nur auf die Bevölkerungsgrupe der 20- bis 59-Jährigen, also der erwerbstätigen Bevölkerung.

Es gibt keine schweizerische Armutsstatistik, welche die Gesamtbevölkerung einbezieht.

Weitere Bezugsgrössen sind die Sozialhilfe- und die Working-Poor-Statistik. Als Working-Poor gelten Menschen, die trotz Erwerbsarbeit kein Einkommen über der Armutsgrenze erzielen.

Das BFS hat für das Jahr 2007 eine Working-Poor-Quote von 4.4% berechnet. Die Sozialhilfequote lag bei 2.9%.

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EUROPÄISCHES JAHR DER ARMUT

Während dem Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung, werden in den EU-Ländern verschiedene Veranstaltungen, Informationskampagnen und Studien durchgeführt.

Auch in der Schweiz finden Veranstaltungen und Aktionen statt.

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe zieht mit der Wanderausstellung über die Sozialhilfe durch die Schweiz. Damit will sie die Öffentlichkeit über das Thema Sozialhilfe und Armut informieren.

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