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Geberländer müssen mehr für Sudan tun

Im Süd-Sudan muss nach 20 Jahren Bürgerkrieg viel aufgebaut werden, sagt Walter Kälin. Keystone Archive

Walter Kälin, Sonderbeauftragter für intern Vertriebene bei den Vereinten Nationen, betont im Gespräch mit swissinfo, dass mehr Hilfe für den Süd-Sudan nötig ist.

Dieser Inhalt wurde am 15. Oktober 2005 - 18:53 publiziert

Obwohl nach 20 Jahren Bürgerkrieg Frieden in diese Region eingekehrt ist, sei sie für die Rückkehrer nicht sicher, warnt der Berner Rechtsprofessor.

Kälin ist gerade von einer zehntägigen Reise in den Süd-Sudan in die Schweiz zurückgekehrt. Noch aus dem Sudan rief er vergangene Woche die internationale Gemeinschaft, Geberländer und die sudanesische Regierung auf, die Menschenrechte der rund vier Millionen Vertriebenen zu sichern, die in den Süd-Sudan zurück kehren wollen.

Kälin ist seit September 2004 Sonderbeauftragter des UNO-Generalsekretärs für die Rechte intern Vertriebener. Die UNO versucht gegenwärtig den Schutz von rund 500'000 Vertriebenen zu verstärken, die in den kommenden sechs Monaten in ihre Dörfer zurückkehren wollen. Die Weltorganisation braucht dafür 48 Mio. Franken.

swissinfo: Offiziell herrscht im Süden des Sudans Frieden. Wie sicher ist es für die Menschen, dorthin zurück zu kehren?

Walter Kälin: Es ist insofern sicher, dass dort Frieden herrscht. Aber es ist nicht sicher in allen Teilen der Region. Einige Dörfer sind noch vermint, an einigen Orten gibt es Banden von Milizionären, welche die Zivilbevölkerung belästigen. Allgemein gibt es zu viele bewaffnete Zivilisten, meist junge Männer, die zu einer Gefahr für die Rückkehrer werden können. Je nachdem wo man sich befindet, bleibt die Situation volatil.

swissinfo: Das Problem ist also nicht Frieden, sondern Sicherheit?

W. K.: Das erste Ziel war Frieden. Das ist ein riesiger Schritt nach vorn für den Süd-Sudan. Der nächste Schritt wird sein, der Region Stabilität und Sicherheit zu bringen. Die Vereinten Nationen zeigen militärische Präsenz. Das ist ein guter Anfang, aber es braucht noch viel mehr.

swissinfo: Die UNO ist vor Ort, braucht es noch andere Mittel, um die Sicherheit zu gewährleisten?

W. K.: Wenn es nicht nur um die Sicherheit von Leib und Leben, sondern um den Schutz der Rechte der intern Vertriebenen geht, dann ist die UNO-Präsenz aus meiner Sicht ungenügend. Bis jetzt sind die Internationalen in den urbanen Zentren geblieben. Es braucht eine viel stärkere Präsenz der internationalen Gemeinschaft im ganzen südlichen Sudan.

swissinfo: Welche Probleme erwarten die Rückkehrenden?

W. K.: Die Sicherheit ist eines ihrer Hauptprobleme. Auch sonst fehlt es an fast allem, beispielweise gibt es fast keine Wasserversorgung ausserhalb der urbanen Zentren. Ich habe Dörfer am Rand des Hungers besucht, weil es nicht genug Nahrung und Landwirtschaft gibt. Ausserdem gibt es weder ein Bildungssystem noch ein Gesundheitswesen.

Vor allem die Rückkehrer aus dem Norden, jene, die in der Nähe der Hauptstadt Khartum geblieben sind, bestehen auf Grundschulen für ihre Kinder. Sie fürchten, dass die nächste Generation marginalisiert wird, wenn sie keine Ausbildung erhält.

swissinfo: Sollten die Menschen abgehalten werden, zurück zu kehren?

W. K.: Es ist nicht einfach die Frage, den intern Vertriebenen zu sagen, sie sollen warten. Viele kehren spontan heim. Es gibt Gruppen, die Präsenz markieren wollen und selber Konvois organisiert haben, um heim zu kehren.

Es ist aber noch zu früh für grossangelegte Rückkehr-Operationen. Ich fordere von der sudanesischen Regierung und den Geberländern, dass sie die Leute, die aus eigenem Antrieb zurückkehren, unterstützen und beschützen. Wir sollten uns aber zurückhalten, grosse Rückkehr-Operationen zu organisieren.

swissinfo: Was können Länder wie die Schweiz jetzt im Süden Sudans tun?

W. K.: Ich sehe weniger eine politische Rolle der Schweiz. Sie sollte sich auf ihre Position als Geberland konzentrieren und internationale Organisationen und NGO drängen, die bestehenden Pläne umzusetzen und Personal vor Ort zu schicken.

swissinfo: Jetzt wo es im Süd-Sudan Frieden gibt, wird in Ländern wie der Schweiz überlegt, die humanitäre Hilfe zu beenden und zur Entwicklungs-Zusammenarbeit zu schreiten. Macht das Sinn?

W. K.: Normalerweise ziehen sich die Nothelfer kurz nach dem Ende eines Konfliktes zurück und die Entwicklungshelfer übernehmen das Zepter. Ich denke aber nicht, dass dies für den Süd-Sudan angebracht ist. Wegen der fehlenden Infrastruktur werden viele Menschen noch geraume Zeit auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. Allerdings sollte man auch verhindern, dass Vertriebene einfach von einem Lager im Norden in ein Lager im Süden gebracht werden. Der Wiederaufbau und die wirtschaftliche Erholung müssen jetzt beginnen.

swissinfo: Als Sondervertreter für die Rechte der Vertriebenen bei den Vereinten Nationen, wie schätzen Sie die Lage im Sudan ein?

W. K.: Sudan ist rein numerisch das grösste Problem in ganz Afrika. Es gibt nicht nur die Vertriebenen des Konflikts im Süden aus den vergangenen 20 Jahren, sondern auch noch die Vertreibungen in Darfur und an anderen Orten. Sudan ist wirklich ein Land intern Vertriebener.

Die Situation im Land ist immer noch sehr schwierig. Sie ist durch die Angriffe auf die Friedenstruppen der Afrikanischen Union in den vergangenen zwei Wochen noch schwieriger geworden.

Aber im Süd-Sudan haben wir eine Chance, die wir nutzen müssen, um die Probleme, die aus der Rückkehr von intern Vertriebenen entstehen können, von Anfang an anzugehen. Wir wollen eine neue humanitäre Krise im Süden verhindern.

swissinfo-Interview: Scott Capper
(Übertragung aus dem Englischen: Philippe Kropf)

Fakten

Im Sudan warten rund vier Millionen intern Vertriebene darauf, in den Süd-Sudan zurückkehren zu können.

Sie mussten während des Bürgerkriegs zwischen der muslimischen Regierung im Norden und christlichen sowie animistischen Rebellen im Süden fliehen.

Im vergangenen Januar wurde ein Friedensabkommen geschlossen, das den langwierigsten Konflikt in Afrika beendet hat, der rund zwei Millionen Tote forderte.

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In Kürze

Der Berner Rechtsprofessor Walter Kälin wurde im September 2004 von UNO-Generalsekretär Kofi Annan zu dessen Sonderbeauftragten für die Rechte von intern Vertriebener ernannt.

Er ist auch Mitglied des Menschenrechts-Ausschusses der UNO.

Er wird der UNO-Generalversammlung diesen Monat seinen Bericht vorlegen und im kommenden Frühling der UNO-Flüchtlings-Kommission.

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