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Freiheit des Wortes

Giangiacomo Feltrinelli im Kreise seiner Freunde Henry Miller und Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, 1968. Museum Strauhof

Bis in die Schweiz reichen die Spuren des italienischen Verlegers und Revolutionärs Giangiacomo Feltrinelli. Eine Ausstellung im Museum Strauhof beschreibt dessen Leben.

Dieser Inhalt wurde am 16. März 2002 - 10:46 publiziert

Freitagnachmittag im Strauhof, Zürich. Seit wenigen Stunden ist die Ausstellung "Giangiacomo Feltrinelli. Verleger und Revolutionär" eröffnet. Besucherinnen und Besucher gehen durch die Ausstellung. In einem der Ausstellungsräume, jenem mit wertvollen Original-Handschriften, zwei Jugendliche.

Beeindruckt lesen sie die Namen, finden es "geil", die Handschriften von Mikhail Bakunin, Karl Marx und Friedrich Engels, von Leo Trotzki lesen zu können. Einer der jungen Männer erklärt, dass seine Mutter immer von Feltrinelli geschwärmt habe. Für ihn sei nie genau ersichtlich gewesen warum. Aber jetzt hier, in dieser Ausstellung verstehe er erstmals ihre Faszination.

GgF (Giangiacomo Feltrinelli) hätte seine Freude daran gehabt. Sein Credo: "Um die Gegenwart zu verstehen und Perspektiven für die Zukunft zu formulieren, muss die Vergangenheit bewusst gemacht werden" gilt immer noch und vermag ganz offensichtlich auch junge Menschen anzusprechen. Entgegen des Klischees der unpolitischen Jugend.

Lebenslauf mit Nachhall

In der Tat böte das Leben und Werk dieses Mannes Stoff aus dem die grossen Romane, die grossen Filme sind. Trotzdem würde Hollywood das Handtuch werfen. Nicht, weil es zu wenig Brisantes gäbe, im Gegenteil, weil es ein zutiefst radikales, widersprüchliches, revolutionäres, ein visionäres Leben war. Eines ohne Happy End, mit Tiefenwirkung und Nachhall.

Die Lebensgeschichte Feltrinellis ist mehr als nur die Geschichte eines Mannes, der an die Kraft des Wortes glaubte. Es ist auch die Geschichte einer literarischen und verlegerischen Welt, die im Zeitalter der schnellen Bestsellers nur noch in Nischen zu überleben scheint. Und es ist ein wichtiger Teil der Nachkriegsgeschichte in Italien. Und der Geschichte Lateinamerikas. Und der Geschichte der Arbeiter.

Geld und Lenin

Giangiacomo Feltrinelli kommt am 19. Juni 1926 in Mailand zur Welt. Seine Familie ist nicht irgendeine, sondern gehört zu den reichsten Italiens. Erzogen wird privat und Umgangssprache ist deutsch. Die vielbeschäftigten Eltern sehen Giangiacomo und Antonella, seine Schwester selten. Es wird viel gereist. Zur Jagd ins Österreichische, zum Skilaufen in die Schweiz.

1935 stirbt der Vater. Seine Mutter heiratet wieder. Giangiacomo hasst seinen Stiefvater, das Verhältnis wird sich zeitlebens nicht bessern. 1943 nach der Landung der Alliierten rückt der Krieg auch für die begüterte Familie gefährlich nahe. Ein Jahr später, der junge Feltrinelli ist längst ein Gegner der Faschisten, liest GgF "Das kommunistische Manifest" und "Staat und Revolution" von Lenin.

1947 wird er volljährig und ist der einzige männliche Erbe der einflussreichen Familie Feltrinelli. Was soll er mit soviel Geld? Das Erbe ausschlagen? GgF gerät in jenen Zwiespalt, den er mit einigen Revolutionären teilen wird. Von Geburt der höchsten Klasse angehörig, mit dem Herzen für die unteren sozialen Schichten kämpfend. Ein Konflikt, der nie aufzulösen ist, den es auszuhalten gilt.

Arbeiterbewegung

Bald darauf, GgF ist das Erbe angetreten und seit zwei Jahren in der Kommunistischen Partei Italiens, startet er sein erstes eigenes Projekt. Die Gründung einer Bibliothek und eines Archivs zur Arbeiter-Geschichte.

Mit einem Freund reist er durch Europa sucht und kauft Dokumente, Nachlässe, Archive. Kontaktpersonen werden mit weiteren Suchen beauftragt. Für den deutschsprachigen Raum ist Theo Pinkus, der in Zürich eine genossenschaftlich organisierte Arbeiterbuchhandlung führt, zuständig.

Jahre später wird Theo Pinkus für seine Stiftung Salecina in Maloya (ein Ferien-und Bildungszentrum) einen Check über 50 000 Franken von Unbekannt erhalten. Der Unbekannte soll - es ist ein offenes Geheimnis - Giangiacomo Feltrinelli sein.

Heute ist die Fondazione Giangiacomo Feltrinelli eines der bedeutendsten Archive zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Darunter sind Erstausgaben von Rousseau, Robespierre, Machiavelli und vielen andern zu finden. Dazu gehören auch handschriftliche Notizen von Marx und Lenin. Einige davon sind in Zürich ausgestellt.

Der Verlag

1954 gilt als das Geburtsjahr des Verlags "Giangiacomo Feltrinelli Editore". Das GgF ein verlegerisches Talent und ein bestechendes literarisches Urteils-Vermögen besass, beweist er bereits in den ersten Jahren. Er verlegt "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak und "Il Gattopardo" von Giovanni Tomasi di Lampedusa.

Von nun geht's Schlag auf Schlag. Feltrinelli verlegt Henry Miller, Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Uwe Johanson und Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und und und.

1964 werden dem Verlag die Memoiren von Fidel Castro angeboten. Nach mehren Reisen bestimmt die Tagespolitik die Gespräche. Die Biografie tritt in den Hintergrund. Dennoch ist in der Ausstellung einer von 10 gedruckten Entwürfen zu sehen.

Eine weitere Ikone der kubanischen Revolution, Che Guevara nimmt im Leben von GgF und seinem Verlag eine wichtige Stellung ein. GgF lernt in Kuba den Fotografen Alberto Korda kennen. Er schenkt dem Verleger jenes Bild des Comandante Che, welches einen Siegeszug sondergleichen antritt und sich im kollektiven Gedächtnis eingegraben hat.

Privat radikalisiert sich Gg F immer mehr. Er versteht sich als anti-imperialistischer Kämpfer, taucht unter, bewegt sich zwischen Italien, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Am 14. März stirbt er unter nie ganz geklärten Umständen, beim Versuch einen Hochspannungs-Mast zu sprengen.

Geschickt haben die Kuratorinnen der Ausstellung, Francesca Tommasi und Sybille Gut, das Leben und Wirken Feltrinellis sichtbar gemacht. Mit vielen Fotos, Tondokumenten, Filmausschnitten und unzähligen Plakaten, Erstausgaben, Briefen vermag die Ausstellung den Menschen Feltrinelli und sein Engagement lebendig werden zu lassen.

Brigitta Javurek, Zürich

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