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Fluglärm: Osten gegen Süden

Bestehende Ostanflüge auf Piste 28 (rot) und geforderte neue Südanflüge auf Pisten 32 und 34 (gelb). swissinfo.ch

Seit Donnerstag wird der Flughafen Zürich vermehrt von Osten angeflogen, weil Deutschland die Sperrzeiten verschärft hat.

Dieser Inhalt wurde am 18. April 2003 - 11:49 publiziert

Die betroffenen Regionen fühlen sich verraten und fordern Südanflüge. Eindrücke vom Kampf um Ruhe und Partikular-Interessen.

Sechs Uhr früh im oberen Dorfteil von Nürensdorf, einer kleinen Zürcher Landgemeinde mit rund 4600 Einwohnern östlich des Flughafens. Schmucke Einfamilienhäuser, gepflegte Gärten mit Aussen-Cheminées und Pergolas. Man sieht, hier wurden Träume verwirklicht.

Steuerfuss und Ausländeranteil liegen deutlich unter dem kantonalen Durchschnitt. Auffallend einzig die vielen blauen Transparente mit der Forderung nach einer gerechten Verteilung des Fluglärms.

Der Himmel über der Idylle ist wolkenlos, Vögel zwitschern, ein wunderbarer Morgen. Aus dem Morgenrot über dem nahen Wald kommt eine Scheinwerferreihe langsam näher. Ein vierstrahliges Grossraumflugzeug mit ausgefahrenen Klappen und Luftbremsen und Schweizerkreuz am Heck überquert im Sinkflug das Wohnquartier.

Der Lärm schwillt an, die Nähe der Maschine ist beängstigend. Beinahe könnte man die runden Fenster zählen.

Der Platz vor dem Restaurant Kreuzstrasse in Birchwil ist menschenleer. An einer Holzwand hängt noch ein Aufruf für den Fackelzug um das Flughafengelände am 22. März. Mehr als 6000 Menschen hatten damals für eine faire Fluglärmverteilung demonstriert. Am 24. November 2001 waren wenige hundert Meter von hier beim Absturz eines Jumbolino der Crossair 24 Menschen gestorben.

Bei der Bushalte-Stelle sagt ein Anwohner, nein, die Genehmigung des Bundesamts für Zivilluftfahrt (BAZL) für die zusätzlichen Ostanflüge habe ihn nicht überrascht. "Ich habe nichts anderes erwartet nach den Meldungen der letzten Tage. Doch bin ich wirklich empört, dass wir im Osten das Versagen der Politik ausbaden müssen."

Einsprachen und Beschwerden

Am Wartehäuschen hängt ein oranges Werbeplakat des Zürcher Anwaltsverbandes. Sicher kein schlechter Ort, denn die Anwohner halten mit Einsprachen nicht zurück. "Natürlich werden wir Beschwerde einreichen, das hat bei uns Tradition", erklärt Kantonsrat Ruedi Lais, Präsident des "Dachverbandes Fluglärmschutz", der Vereinigung der Bürger-Organisationen nördlich, östlich und westlich des Flughafens.

"Die Begründung des BAZL für die Ostanflüge ist eine schreiende Ungerechtigkeit." Der Dachverband fordert eine gerechtere Verteilung der Lasten und eine gleichmässige Verteilung des Flugverkehrs. "Wir wollen die Gleichbehandlung vom Norden und vom Süden."

Dagegen wehren sich vehement die Gemeinden im Süden des Flughafens. "Was der Osten behauptet, im Süden gebe es keine Flüge, stimmt einfach nicht", empört sich Thomas Morf, Präsident des Vereins "Flugschneise Süd – Nein". Sämtliche Starts der grossen schweren Maschinen habe heute der Süden. Zudem werde die Region zusätzlich durch den Militärflughafen Dübendorf stark belastet.

"Jede Verteilung ist genau das, was die Flughafenbetreiberin Unique will: Eine Erhöhung der Kapazität und die Möglichkeit zu einem Dual-Landing." Der dabei entstehende Lärmteppich würde den ganzen Kanton praktisch unbewohnbar machen, ist Morf überzeugt.

Vergiftetes Klima

Verschwörungs-Theorien machen auf allen Seiten die Runde. Die Regionen nördlich, östlich und westlich des Flughafens befürchten, dass ihre Lebensqualität zu Gunsten der reichen Gemeinden um den Zürichsee eingeschränkt wird.

Die Forderung von Ost- und Südanflügen durch Unique sei eine blosse Alibi-Übung, heisst es bei der "Bürgerinitiative Fluglärmsolidarität". Denn das BAZL bewillige die Südanflüge sowieso nicht. "Unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität wird dem Geld der Goldküste und dem Grössenwahn von Unique geopfert."

Doch klassenkämpferische Töne sind fehl am Platz. "Von vielen Seiten wird vergessen, dass Zürich-Nord zwischen dem Flughafen und der Goldküste liegt", sagt Marcel Savarioud, Präsident des Vereins "Zürich-Nord gegen Fluglärm".

Das dichtbesiedelte Stadtgebiet ist geprägt von Genossenschafts-Siedlungen und Wohnblöcken, der Ausländeranteil ist überdurchschnittlich hoch, der Lebensstandard eher tief. Bei einem Südanflug würden dort die Flugzeuge im Gegensatz zur Goldküste tief über die Dächer hinwegfliegen, konkret 200-250 Meter.

Die Umwelt von Zürich-Nord ist bereits heute durch Autobahn, Flughafen und Helikopter- und Militärflugplatz stark belastet. Savarioud befürchtet, dass sich durch zusätzliche Lärm- und Schadstoffemissionen die Bevölkerungs-Durchmischung längerfristig noch weiter verschlechtern könnte.

"Die Ostgemeinden haben ganz andere Ziele als die betroffenen Gemeinden im Süden. Diese wollen Südanflüge und dann sind sie mehr oder weniger zufrieden."

Verantwortliche schweigen

Er freue sich nicht, wenn auch die Menschen im Süden um ihre Ruhe gebracht würden, erklärt Lais. "Jetzt werden zwei Bevölkerungsgruppen aufeinander gehetzt. Für den Frieden um den Flughafen ist es aber absolut wichtig, dass es für den Süden keine Nulllösung gibt und nur der Osten belastet wird."

Mit der jetzt diskutierten Verlagerung der Langstreckenflieger nach Basel nehme man sogar eher einen wirtschaftlichen Schaden in Kauf, als dass man vom Süden verlange, auch er müsse seinen Teil beitragen.

Doch Savarioud sieht dies anders: Die Drohung von Unique, nach Basel auszuweichen, diene einzig dazu, zusätzliche Anflugrouten über den Süden einzuführen, um die Kapazität des Flughafens zu erhöhen.

"Das Schlamassel ist die Folge der Ablehnung des Staatsvertrages. Doch die dafür verantwortlichen Leute schweigen heute."

Verteilung von Ruhe

Kurz vor 21 Uhr versammeln sich rund 100 Aktivisten mit Fackeln und Transparenten am Ende der Piste 28. "Südanflug" und "Nachtruhe" skandierend ziehen sie durch den Terminal 1. Die Flugpassagiere sind irritiert.

Ein Sprecher droht mit einem Aufstand im Osten, falls nicht sofort auch von Süden angeflogen werde. Die Situation entspannt sich, als eine Ländlerkapelle aufspielt und sich die Fluglärmgegner zu einem Picknick niederlassen.

Ob es nicht problematisch sei, wenn sich die Regionen bekämpften, anstatt gemeinsam eine Lösung zu suchen? "Es ist der Süden, der einen Keil zwischen die Regionen treibt", erklärt Urs Dietschi von der "Fluglärmsolidarität". Als er in Leserbriefen Südanflüge forderte, habe er aus dem Süden anonyme Briefe mit Fäkalien erhalten.

Die Aktivisten berichten von schlaflosen Nächten, vom Wertverlust ihrer Häuser und von zerschnittenen Lebensplänen. Man sei bewusst aufs Land gezogen, um dem Lärm zu entgehen.

"Jede Region soll ein bestimmtes Mass an Lebensqualität behalten", fordert Lais. Doch müsse man den Lärm so verteilen, dass jede Region ihre garantierten Ruhezeiten habe. "Das ist das wichtigste. Man sollte deshalb weniger von der Verteilung von Lärm, als von der Verteilung von Ruhe sprechen."

swissinfo, Hansjörg Bolliger

Fakten

Seit 14. April gilt über Süd-Deutschland:
Keine Anflüge mehr von 6 bis 7 Uhr und von 21 bis 22 Uhr.
Alle minimalen Flughöhen werden um 600 Meter erhöht.
Das Nachtflugverbot an Wochenenden zwischen 9 und 20 Uhr bleibt bestehen.
Ab 10. Juli sollen auch die Ausnahmeregelung während den Sperrzeiten eingeschränkt werden.

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In Kürze

Nach dem Scheitern des Luftverkehr-Abkommens zwischen Deutschland und der Schweiz hat Berlin die Flugzeitbeschränkungen über Süd-Deutschland ausgedehnt.

Als Anflug-Alternative erlaubt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) provisorisch die Anflüge via Osten.

Das bringt mehr Lärm für die Anwohnenden im Osten des Flughafens und in den Kantonen Thurgau und Schaffhausen.

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